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06. April 2011

„Irgendwann, wenn ich stark genug bin" Leben mit dem Kind des Vergewaltigers

Am 6. April jährte sich zum 17. Mal in Ruanda der Beginn des Völkermordes im Jahr 1994. Jedes Mal bricht an diesem Tag viel Schmerz der Opfer auf, vor allem für die vielen Frauen, die in dem nur 100 Tage anhaltenden Krieg vergewaltigt und verstümmelt wurden. Natalie S.* ist eine der Frauen in Ruanda, die Kinder der Völkermörder geboren haben – zwischen 5.000 und 20.000 dieser Mütter gibt es, doch genaue Zahlen sind nicht bekannt. Als eine der ersten hat sie das „Frauenforum“ besucht, ein solidarisches Netzwerk für hilfesuchende Mütter und Kinder in ganz Ruanda, das medica mondiale seit 2008 unterstützt. Bei einem Besuch vor Ort hat sie medica mondiale ihre Geschichte erzählt.

17 Jahre ist es her, dass annähernd eine Million Menschen beim Völkermord in Ruanda ermordet wurde. Wenig bekannt ist die erschreckend hohe Zahl von Vergewaltigungen: Schätzungen gehen von insgesamt 250.000 bis 500.000 Frauen und Mädchen aus, die während des Kriegs vergewaltigt wurden. Soldaten und Milizen verbreiteten mit den Vergewaltigungen Angst und Schrecken unter der verfolgten Tutsi-Minderheit. Sie zerstörten Familien und ruinierten Frauenleben – mit bis heute fatalen Folgen: Noch immer sterben Frauen, die den Genozid überlebt haben, an Krankheiten und Verletzungen infolge der Gewalt, über 70 Prozent wurden mit dem HI-Virus infiziert. Manche Frauen ertrugen es nicht, ein Kind des Feindes im Bauch zu tragen und töteten es und sich selbst. Viele der überlebenden Frauen und Mädchen brachten die Kinder „des Feindes“ zur Welt und ziehen sie bis heute groß. Die Situation dieser Frauen ist heute schwerer als je zuvor. Denn die Kinder, meist als „kleine Killer“ oder „Ausgeburt des Hasses“ bezeichnet, sind in der Pubertät und fragen nach ihrer wahren Identität.

Das Lächeln von Natalie S.* ist zurückhaltend. Ihr hübsches Gesicht ist von einem rosafarbenen Kopftuch umrahmt. Darin zwei ausdrucksstarke Augen. Trauer, Wut, aber auch große Entschlossenheit spiegeln sich darin. Vor kurzem ist sie aus dem Kreis der Teilnehmerinnen am Frauenforum ausgeschieden, damit andere Frauen nachrücken können. Mit ihrem Abschied fand damit auch eine Reise durch Schmerz und Trauer ein vorläufiges Ende, eine Reise zu sich selbst und vor allem zu ihrem Sohn, Olivier, der durch eine Vergewaltigung auf die Welt kam.

Natalie S. war 22, als am 6. April 1994 der Krieg zwischen Hutu und Tutsi ausbrach. Ihre Eltern und sieben von acht Geschwistern, mit denen sie in einem Dorf im Norden Ruandas lebte, wurden gleich zu Beginn des Krieges getötet. Ihr Vater war Hutu, gehörte somit zur Gruppe der Aufständischen und dennoch: „In den Augen der Rebellen war er ein Verräter, weil er eine Tutsi geheiratet hatte.“ In wenigen Atemzügen erzählt die heute 38-jährige, zierliche Frau, was Folgen hat für ihr ganzes Leben, was nur der Anfang ist einer langen Odyssee durch Abhängigkeit, Schmerz und Wut.

Wie oft Natalie S. während der drei Monate des Genozids vergewaltigt wurde, sie weiß es nicht. „Ein einziges Mal wäre bereits zu viel gewesen“, berichtet die junge Frau. Auf der Flucht durch die Sümpfe und Wälder war sie von der Hutu-Miliz „Interahamwe“ aufgegriffen worden, einer nahm sie mit zu sich nach Hause. „Wenn sie mich nicht töten, dann vergewaltigen sie mich“, war ihr erster Gedanke. Sie sollte recht behalten. Nach vier Tagen ließ er sie gehen. Fortan an wusste sie nicht mehr, was von beidem schlimmer war.

Inzwischen hatten Aufständische überall im Land Straßenblockaden errichtet, um fliehende Tutsi gleich an Ort und Stelle zu töten. Wie viele andere Flüchtlinge fand Natalie S. Schutz in einem Krankenhaus des UN-Flüchtlingshilfswerkes. Doch dort war die Situation bereits außer Kontrolle geraten, die UNO hatte ihre Soldaten längst abgezogen. Junge Hutu-Männer gingen ein und aus, nahmen sich Frauen so oft und so viele sie wollten. Auch Natalie S. blieb nicht verschont. Zwei Wochen lang lebte sie mit der täglichen Pein.

Doch auch danach war es noch nicht vorbei. Mit dem Vormarsch der Tutsi-Streitkräfte strömten Angehörige der Hutu in Massen aus dem Land. Mit Hilfe eines Hutu-Mannes gelangte Natalie S. in ein Flüchtlingslager im Nachbarland Kongo, quer durch Hutu-Kampfgebiet schleuste er sie, gab sie als seine Tochter aus. Doch in diesem Krieg hatte alles seinen Preis: Er forderte sexuelle Gefügigkeit. Natalie S. hatte keine Wahl: Entweder fällt sie dem allseitigen Morden zum Opfer oder sie begibt sich in seine unsichere und peinigende Obhut.

Zwei Jahre verbrachte sie in den kongolesischen Flüchtlingslagern. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit gingen selbst dort die Massaker an den Tutsi weiter. Natalie S. war Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt – jeder im Lager wusste, dass sie eine Tutsi ist – nur knapp entkam sie einem Mordversuch. Mehrfach versuchte sie, aus dem Lager und von dem Mann, mit dem sie gezwungenermaßen zusammen lebt, zu fliehen – es gelang ihr nicht. Erst als es 1996 zu einer friedlichen Einigung zwischen den rivalisierenden Gruppen kommt, kehrt Natalie S. zurück. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Sohn bereits ein Jahr alt. Von welchem der vielen Vergewaltiger er stammt, weiß sie nicht – bis heute.

Sie habe Glück gehabt, sagen viele im Dorf. Schließlich habe sie sehr bald nach Kriegsende einen Ehemann gefunden, von dem sie heute vier Kinder hat. Ihr Mann scheint anders zu sein, vielleicht weil er selbst Frau und vier Kinder im Krieg verlor. Er kennt ihr Schicksal, weiß um die Herkunft des Sohnes, den er als vollwertiges Mitglied der Familie akzeptiert. Eher ungewöhnlich sei dies, erklärt Jael Nirere von der ruandischen Hilfsorganisation Kanyarwanda. „Kein Mann in Ruanda will normalerweise eine vergewaltigte Frau heiraten, sie gilt als Hure, als gefallene Frau. Aus Scham, aus Angst vor Rache oder vor Stigmatisierung haben die meisten Opfer geschwiegen“, so Nirere weiter. Doch mit Freude heiratet Natalie S. den fast 20 Jahre älteren Mann nicht. „Ich war traumatisiert vom Krieg, hatte ständig Kopfschmerzen und nichts zu essen, dazu noch das Kind. Ich wusste, dass es schwer sein würde, in meiner Situation einen Ehemann zu finden, also willigte ich ein.“

Glücklich wird Natalie S. in all den Jahren nicht. Es fällt ihr schwer, von der Vergangenheit loszulassen. Ihr Sohn erlaubt das Vergessen nicht, ist lebendes Zeichen der Schrecken und Demütigungen des Krieges. „Ich habe sehr gelitten, innerlich war ich wie abgestorben.“ Nicht nur die Scham der Vergewaltigung lastet auf ihr. Dass sie ihr Kind nicht akzeptieren, geschweige denn lieben kann, es am liebsten umgebracht hätte, damals im Lager, hat zu starken Schuldgefühle geführt. „Ich dachte immer, vergewaltigt zu werden, sei das Schlimmste, was mir passieren könne. Aber danach ein Kind zu bekommen, das ist wie eine lebenslange Folter.“

Samuel*, ihr Sohn, ist ebenfalls stark traumatisiert, in der Schule kann er sich kaum konzentrieren, immer wieder vergisst er den Lernstoff, manchmal sitzt er nur stumm da, die Arme über der Brust verschränkt. Er weiß, dass der Mann an der Seite der Mutter nicht sein Vater ist, immer wieder fragt er nach dem Grund, doch Natalie S. erzählt nur bruchstückweise von seiner Herkunft. Der richtige Vater sei vermutlich im Krieg gestorben.

Erst Jahre später kann Natalie S. über all das sprechen. 2005 begegnet sie zum ersten Mal anderen Frauen, die wie sie Kinder der Vergewaltiger groß ziehen. Dank einer Initiative der ruandischen Hilfsorganisationen Kanyarwanda und Sevota nimmt sie von da an am sogenannten „Frauenforum“ teil – ein bislang einmaliges Projekt in Ruanda: Es bietet betroffenen Frauen mit Kindern die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen und psychosoziale Einzel- und Gruppenberatungen zu erhalten. Im Abstand von zwei Monaten kommen die Frauen aus verschiedenen Provinzen des Landes in der Hauptstadt zusammen. Zentrales Thema bei den Treffen sind die Kinder: Die meisten wurden von Geburt an misshandelt, geschlagen und ausgegrenzt. Die Mutter-Kind-Beziehung ist bei fast allen äußerst belastet.

Im Frauenforum habe sie sich zum ersten Mal verstanden gefühlt, erzählt Natalie S.. “Die Gemeinsamkeit mit den Anderen ist heilend“. Fünf Jahre lang hat ihr das Forum Trost und Halt gegeben. Wehmütig blickt sie auf die Zeit zurück: „Wir haben viel miteinander geweint, aber wir hatten auch sehr glückliche Momente.“ Vor allem hat sie sich in der Zeit ihrem Sohn angenähert. „Ich habe erkannt, dass unsere Kinder es nicht verdienen, wie Schuldige behandelt zu werden. Früher habe ich meinen Sohn immer verleugnet, ihm nie zugehört. Das will ich nun ändern. Ich habe angefangen, ihn ein bisschen zu lieben. Und irgendwann, wenn ich mich stark genug fühle, werde ich ihm die ganze Wahrheit sagen.“

Drei solcher Foren haben Kanyarwanda und Sevota inzwischen mit Unterstützung von medica mondiale eingerichtet. 100 Mütter wurden bislang unterstützt. Der Bedarf ist jedoch sehr viel größer. medica mondiale unterstützt diese wichtige Arbeit in diesem Jahr mit 30.000 Euro.
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* Name geändert