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12. August 2016

Irak: "Wir können die Veränderung sehen"

Die Psychologin Awaz Abdulsatar Ageed arbeitet seit 2015 im Survivor Center in Dohuk, Nordirak. Hier werden Frauen, die sexualisierte oder geschlechterspezifische Gewalt erlebt haben, medizinisch und psychologisch behandelt. Unter den unterstützten Frauen sind aktuell viele Jesidinnen, die vor der Terrormiliz „IS“ fliehen oder sich aus der „IS“-Gefangenschaft befreien konnten. Um besser auf solche Fälle vorzubereitet zu sein, veranstaltet die Psychologin Dr. Sybille Manneschmidt im Auftrag von medica mondiale Fortbildungen für Fachpersonal der Gesundheitsbehörde.

Die 28-jährige Awaz Abdulsatar Ageed nahm an der ersten 15-tägigen Trainingsgruppe von Dr. Sybille Manneschmidt teil. Was sie gelernt und wie sich ihre Arbeit dadurch verändert hat, erzählte sie im Interview mit medica mondiale:

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Awaz: Zuerst werden die Frauen, die zu uns kommen, von Ärztinnen auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Dann schicken sie sie zu uns. Wir sind drei Psychologinnen. Wir bewerten ihren psychischen/mentalen Gesundheitszustand, und wenn wir sehen, dass die Frau psychosoziale Unterstützung braucht, bieten wir Beratung an. Wir arbeiten eng mit dem medizinischen Fachpersonal zusammen: Wenn ich zum Beispiel im Verlauf der Beratungssitzungen sehe, dass eine Frau medikamentöse Behandlung braucht, begleite ich sie zur Ärztin, die ihr Medikamente verschreiben kann.

Wie oft kommen Frauen in die Beratung?

Awaz: Manche kommen nur zweimal, andere sehr häufig. Am Anfang begleiten wir sie sehr engmaschig, wenn wir sehen, es geht ihnen besser, werden die Abstände zwischen den Sitzungen größer, zum Beispiel kommen sie dann nur alle 14 Tage. Viele von ihnen kommen auch von weiter her, außerhalb von Dohuk, einige kamen sogar aus Sulaymanyiah. Viele von ihnen sind arm - wir unterstützen sie deshalb auch bei der Finanzierung des Transports und geben die Medikamente umsonst aus. Dafür haben wir Gelder vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) erhalten.

Sie haben das Training von medica mondiale zu Psychosozialer Beratung und sexualisierter Gewalt besucht. Was daran war besonders wertvoll für Ihre Arbeit?

Awaz: Ich habe gelernt, wie ich besser mit Frauen umgehen kann, die sexualisierte oder geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, beispielsweise wie ich eine Beratungssitzung gestalte. Was toll war am Training: Wir haben viele praktische Dinge gelernt wie Körper- und Imaginationsübungen. Wir haben aktives Zuhören gelernt, also wie wir wirklich gut zuhören können. Das Training war so hilfreich.

Wann nutzen Sie Imaginationsübungen?

Awaz: Manchmal tun oder sagen wir unbewusst Sachen, mit denen sich die Klientin unwohl fühlt. Vielleicht stelle ich eine Frage, die sie an etwas Schreckliches erinnert hat, ohne das zu wollen. Das passiert jetzt weniger, weil wir vorsichtiger sind, aber wenn es passiert, kann ich ihr mit Imaginationsübungen helfen, wieder auf andere Gedanken zu kommen.

Was hat sich außerdem in Ihrer Arbeitspraxis verändert nach den Trainings?

Awaz: Vorher habe ich die Erstaufnahme nicht gut gestaltet. Ich hatte vor der Klientin einen Stapel Papier mit Fragen, die ich abgearbeitet habe. Jetzt mache ich das ganz anders: Ich setze mich zu ihr, schaue sie an, und habe kein Papier mehr zwischen uns. Ich höre ihr zu und fülle den Aufnahmebogen erst danach aus. Ich versuche, immer ganz bei ihr zu sein. Wenn ich sehe, dass sie sich unwohl fühlt, traurig ist, nachdenklich ist, oder gar Flashbacks hat, dann gehe ich darauf ein und mache nicht einfach weiter mit den Fragen. Zum Beispiel habe ich von Dr. Manneschmidt Atemübungen gelernt, oder auch progressive Muskelentspannung – das wende ich immer mal wieder an in so einer Situation. Solche Übungen sind übrigens auch für uns  Beraterinnen richtig gut. Wir haben ja am Anfang eine schlimme Geschichte nach der anderen gehört. Den Frauen ist wirklich Schreckliches passiert. Dr. Manneschmidt hat uns beigebracht wie wir uns selbst besser schützen können.

Erkennen Sie schon Veränderungen bei den Frauen, die Sie betreuen?

Awaz: Ja, an der Art, wie sie sich kleiden zum Beispiel. Sie achten viel mehr auf sich. Ihre Stimmen, wie sie am Anfang geredet haben und wie sie jetzt reden. Sie essen mehr. Ha, und manche heiraten sogar. Wir hoffen sehr, dass es am Ende alle schaffen, diese schlimmen Geschichten irgendwie zu verarbeiten, inshallah!