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03. August 2015

Interview zur Studie über Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen: „Täter haben mehr Rechte als Überlebende“

Es gibt wenig Forschung zum Thema Kriegsvergewaltigung und noch weniger zu ihren Langzeitfolgen oder den Bewältigungsstrategien von Überlebenden. Deshalb führten Medica Zenica und medica mondiale eine Studie mit Frauen aus Bosnien und Herzegowina durch, die die Unterstützungsangebote von Medica Zenica während und nach dem Krieg in Anspruch genommen haben. Im Interview berichten Sabiha Husić, Direktorin von Medica Zenica, und Kirsten Wienberg, Bereichsleiterin Evaluation und Qualität bei medica mondiale, über die wichtigsten Ergebnisse der Studie.

Was waren die wichtigsten Ziele der Studie?

Kirsten Wienberg: Wir wollten wissen, wie unsere Arbeit wirkt. Uns hat interessiert: Wie geht es den Überlebenden heute? Hat ihnen die Zeit bei Medica Zenica geholfen?

Sabiha Husić: Wir wollten die Auseinandersetzung mit diesem schweren Thema, wir wollten den Frauen zuhören. Sie stehen im Mittelpunkt der Studie und nicht die Vergewaltigung. Wichtig war uns, dass die Studie den Überlebenden eine Stimme gibt und auch die bosnische Gesellschaft erfährt, wie es den Frauen heute geht.

Was sind die auffälligsten Ergebnisse?

Wienberg: Die Frauen leiden deutlich unter den Folgen, die Vergewaltigung belastet ihr Leben bis heute – und auch das ihrer Familien. Außerdem ist die gesundheitliche Situation der Überlebenden besorgniserregend: Fast alle berichteten von gynäkologischen Problemen und mehr als die Hälfte leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Das Trauma wirkt also weiter.

Husić: Wir haben festgestellt, dass es den Frauen heute schlechter geht als direkt nach dem Krieg. In Bosnien und Herzegowina kümmern sich ausschließlich Nichtregierungsorganisationen um Überlebende. Der Staat tut nichts für sie und Politiker nehmen sie nicht ernst. Viele Überlebende kennen ihre Rechte überhaupt nicht.

Welche Forderungen an die Gesellschaftergeben sich daraus?

Husić: Wichtig ist zunächst einmal, dass wir als bosnische Gesellschaft solidarisch sind mit den Überlebenden – unabhängig von ihrer Nationalität oder Herkunft. Weiter müssen wir die individuellen Bedürfnisse der Frauen stärker berücksichtigen.

Wienberg: Die Studie zeigt, dass Überlebende langfristige Unterstützung benötigen. Das sollten Institutionen oder Stiftungen einplanen und ihre Projekte auf zehn, 15 oder 20 Jahre anlegen, anstatt wie so oft auf drei Jahre. Schließlich muss ein gesellschaftlicher Diskurs geführt werden über das Stigma, das die Überlebenden ausgrenzt und nicht die Täter. Wir möchten ein Bewusstsein schaffen für die Situation Überlebender sexualisierter Kriegsgewalt.

Was an den Ergebnissen war überraschend oder erfreulich?

Husić: Gefreut hat mich die Erkenntnis, über welch starke Mechanismen die Frauen trotzdem verfügen, um ihre schwierige Lebenssituation zu handhaben. Als Beispiel möchte ich dieses Zitat einer Überlebenden nennen: „We are still alive. We have been harmed but we are brave and strong.” Nach diesem Satz haben wir unsere Studie benannt. Alle sind sehr stolz darauf, an der Studie beteiligt gewesen zu sein.

Wienberg: Die Frauen haben uns berichtet, wie wichtig es für sie war, dass Medica Zenica ihnen einen sicheren Platz bot, an dem sie bleiben konnten mitten im Krieg. Unsere Arbeit und die Atmosphäre dort hatten positive Auswirkungen auf die Überlebenden. Überrascht hat mich die schlechte Gesundheitssituation der Überlebenden und ihre Ausgrenzung. Heilung braucht gesellschaftliche Veränderung, davon bin ich fest überzeugt.

Wie hilfreich ist die Studie für die inhaltliche Arbeit von Medica Zenica? Kann sie helfen, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?

Husić: Wir argumentieren mit den Ergebnissen der Studie, wenn wir mehr Unterstützung für die Frauen einfordern. Das gilt insbesondere für die Beantragung des Zivilstatus von Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt, der mit einer monatlichen Rente von zirka 280 Euro verbunden ist. Unsere Kampagne zur Studie sorgte dafür, dass nun auch Medica Zenica Zertifikate für Überlebende ausstellen kann. Sie sind – neben weiteren erforderlichen Dokumenten – die Voraussetzung dafür, dass Frauen den Zivilstatus überhaupt beantragen können. Eine politische Reaktion auf unsere Öffentlichkeitsarbeit war die Einrichtung einer neuen Telefon-Hotline für Überlebende in ganz Bosnien-Herzegowina, die bei Medica Zenica angesiedelt ist. Neue Netzwerke entstanden, die dazu beitragen können, endlich die Diskussion über Gewalt gegen Frauen zu führen und Frieden in unsere Gesellschaft zu bringen. Dazu gehört auch das Thema, wie Zeuginnen vor Gericht unterstützt werden können. Eine Frau sagte dazu: „Täter haben mehr Rechte als Überlebende.“

Gibt es kritische Reaktionen zur Studie, aus denen wir lernen können?

Husić: Überlebende wünschten sich im Nachhinein Fragen, die ihre wirtschaftliche Situation noch stärker berücksichtigen und konkret abfragen, welche Unterstützung sie sich hierbei wünschen.

Wienberg: Bei der nächsten Studie wurde ich die Familien der Überlebenden stärker in den Blick nehmen. Außerdem beschäftigt mich die Frage, wie sich die wirtschaftliche Situation der Frauen auf ihre Belastungen und die Bewältigungsstrategien auswirkt.

Hatten wir etwas anders gemacht, wenn wir vor 20 Jahren schon über die Ergebnisse der Studie verfugt hatten?

Husić: Ich wurde nichts anders machen. Ein sicherer Ort, Solidarität, professionelle Hilfe, eine vertrauensvolle Atmosphäre sind und bleiben das Wichtigste für eine Überlebende. Ohne diese Unterstützung hätten die bosnischen Frauen vermutlich nie über das Geschehene sprechen können.

Wienberg: Dieses Konzept und unsere feministische Grundhaltung– das ist der Boden, der uns bis heute trägt. Unsere Arbeit hat sich für die Frauen als wirkungsvoll und stärkend erwiesen.

Die deutsche Zusammenfassung der Studie „We are still alive. We have been harmed but we are brave and strong.” und ein Video mit Empfehlungen finden Sie in der Mediathek.

Quelle: Jahresbericht 2014, S. 26/27