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03. Juli 2014

Interview mit Mirlinda Sada, Direktorin Medica Gjakova: „Die politisch Verantwortlichen müssen sich für den Schutz von Menschenrechten und für Chancengleichheit stark machen.“

Seit Februar ist die erfahrene Finanzmanagerin und Frauenrechtlerin Mirlinda Sada die neue Direktorin von Medica Gjakova. Bei ihrem Besuch in der Kölner Geschäftsstelle von medica mondiale sprach Sada über aktuelle Herausforderungen, das kürzlich adaptierte Kriegsopferentschädigungsgesetz und ihre persönlichen Kraftquellen für die tägliche Arbeit.

Wie würden Sie Ihre ersten Wochen als Direktorin von Medica Gjakova beschreiben?

"Ich war direkt zu Beginn sehr dankbar, dass die Arbeit bei Medica Gjakova so rund läuft. Das gesamte Team und alle Beteiligten haben alles am Laufen gehalten, bis ich mich gut eingearbeitet habe. Von Anfang war ich überzeugt, dass meine berufliche Qualifikation hier von sehr großem Nutzen sein wird. Wir arbeiten hier in einem Umfeld, wo Überlebende sexualisierter Gewalt wertlos sind, keine Anerkennung und keine Beachtung finden. Ich werde dazu beitragen, neue Perspektiven zu schaffen, das überwältigende soziale Stigma zu überwinden, über Tabuthemen zu sprechen und Würde wieder herzustellen."

Was sind Ihrer Auffassung nach die zentralen Arbeitsschwerpunkte von Medica Gjakova?

"Das Hauptanliegen von Medica Gjakova besteht darin, Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt umfassend zu unterstützen und sie in die Gesellschaft zurückzuholen: Wir sorgen dafür, dass sie gesundheitlich versorgt werden, ihre Gewalterlebnisse bewältigen können und in der Lage sind, ihr eigenes Geld zu verdienen. Außerdem bieten wir ihnen Rechtsbeistand, damit sie Gerechtigkeit vor Gericht erfahren können. Es ist uns darüber hinaus ein wichtiges Anliegen, Politik und Gesellschaft derart zu beeinflussen, dass das Wohlergehen dieser Frauen und Mädchen nachhaltig gesichert ist."

Was glauben Sie ist derzeit die größte Herausforderung für Medica Gjakova?

"Es müssen mit Sicherheit noch viele Hürden genommen und Hindernisse überwunden werden. Ein wichtiger Punkt sind die notwendigen finanziellen Mittel, die wir brauchen, um Gerechtigkeit für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt erreichen zu können. Die politisch Verantwortlichen müssen sich mit hoher Priorität für den Schutz von Menschenrechten und für Chancengleichheit stark machen und Ihren BürgerInnen Rechenschaft darüber ablegen. Dann wird die gesamte Bevölkerung davon profitieren."

Welche Erwartungen und Hoffnungen setzen Sie in die neuen rechtlichen Grundlagen und den daraus folgenden Ansprüchen für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt?

Hintergrund: Seit 2012 gibt es im Kosovo ein Gesetz zur Entschädigung von Kriegsopfern. Im März wurden nun endlich auch Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt durch dieses Gesetz offiziell als Kriegsopfer anerkannt.

"Der Präsident des Kosovo hat aufgrund der Gesetzesänderungen ein nationales Beratungsgremium einberufen, in welchem Medica Gjakova mitwirkt. Aufgabe des Gremiums ist es, die besondere Lebenssituation der Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt zu untersuchen und sicherzustellen, dass die staatlichen Behörden mit den zivilgesellschaftlichen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten. Ziel ist es, die überlebenden Frauen und Mädchen wieder in die Gesellschaft zu integrieren und das ihnen zugefügte Unrecht mit einer Staatsrente offiziell anzuerkennen. Es ist wichtig, dass diese Gesetzesänderungen jetzt auch umgesetzt werden, das heißt vor allem, dass alle Fragen rund um die Entschädigungszahlungen schnellstmöglich geklärt werden müssen. Wir glauben, dass sobald das Gesetz Anwendung findet und die Finanzierung gesichert ist, sich das Leben von Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt erheblich verbessern wird."

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was gibt Ihnen jeden Tag aufs neue Kraft und Hoffnung für Ihre Arbeit?

"Das sind meine persönlichen Lebensgrundsätze, die mich darin unterstützen: Das eine Leitprinzip ist, auch in einer Führungsposition stets für andere da zu sein. Das ist mir sehr wichtig. Der zweite wichtige Grundsatz ist, ein ausgeglichenes Leben nach ethischen Prinzipien zu führen, um etwas Gutes bewirken zu können. Das bedeutet für mich, dass ich regelmäßig etwas für meinen Körper, meinen Geist und meine Seele tue, damit es mir gut geht und ich meine Selbstachtung fortwährend stärke."

Mirlinda Sada, Direktorin von Medica Gjakova