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17. Juni 2015

Interview mit Humaira Rasuli von Medica Afghanistan: „Unsere Rechte werden im Namen des Friedens geopfert.“

Auf dem Rückweg von einer internationalen Frauen-Friedenskonferenz in Den Haag legte Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan, einen Zwischenstopp bei medica mondiale in Köln ein. Im Interview spricht die Frauenrechtlerin über die Wünsche junger Frauen in Afghanistan, was sie sich von der Regierung erhofft und warum die Mehrheit der Frauen ihre Rechte für ein friedvolles Leben opfern würden.

Was schätzen Sie am meisten, wenn Sie in Europa, speziell in Deutschland, unterwegs sind?

Was ich wirklich mag an Europa ist das Klima und die Bewegungsfreiheit. Ich genieße das Spazierengehen, da es in unserem Land für Frauen nicht möglich ist. Dort rufe ich den Fahrer an, er kommt und ich springe direkt ins Auto. Auch Reisen ist nicht einfach in Afghanistan. Zum Beispiel sagen die Menschen, wenn eine Frau ohne einen Mann aus dem Haus geht, dass sie eine Prostituierte ist, weil sie ohne männlichen Aufpasser unterwegs ist. Diese Arten der Diskriminierung sind ein Problem, dem wir jeden Tag entgegentreten müssen.

Wenn Sie eine junge afghanische Frau auf der Straße fragen würden, was ihr größter Wunsch für die Zukunft sei, was würde sie wohl antworten?

Es gibt Regionen, in denen die Menschen nicht wissen, wie Autos aussehen, da sie sehr arm sind. Aber wenn ich junge Frauen in der Stadt fragen würde, bekäme ich wahrscheinlich Antworten wie: „Wir wollen unsere Rechte nicht opfern!“.

Mein Vater sagt, dass die internationale Gemeinschaft den Frauen etwas Hoffnung brachte. Sie gab ihnen die Schlüssel für die Autos und zeigte ihnen, wie man fährt, ohne ihnen beizubringen, wie man sich schützt. Die internationale Gemeinschaft sollte sich nicht zurück ziehen, sondern fortfahren mit der Unterstützung Afghanistans und die afghanische Regierung zur Einhaltung der Frauenrechte drängen. Sonst haben die internationalen politischen AkteurInnen wirklich ihre Zusagen und Bekenntnisse aus dem Blick verloren – denn sie hatten sich schließlich die Rechte der Frauen auf ihre Fahnen geschrieben, als sie in unser Land kamen.

Wie sieht der Alltag für Frauen in diesen Tagen aus? Was sind die größten Herausforderungen, denen sich eine Frau stellen muss?

Afghanistan durchlebte in letzter Zeit komplexe Veränderungen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, der neue Präsident ist im Amt, die internationalen Truppen zogen ab, neue Feinde dringen in unser Land ein. Was die Frauen angeht: Ich war gerade auf einer Konferenz, wo ich das Ergebnis einer Auswertung des Afghan Women's Network (AWN) präsentierte. AWN ist ein Netzwerk afghanischer Frauen, das sich für mehr Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen und politischen Leben einsetzt. Die Auswertung von AWN zeigt, dass sich die Sicherheitssituation in den letzten drei Jahren nur in ein paar Provinzen verbessert hat, jedoch in den anderen sogar schlechter geworden ist. Tausende von Frauen verloren ihre Ehemänner und Väter. Dadurch haben sie keinerlei Einkommen, sie fangen an sich zu prostituieren oder auf der Straße zu betteln. Es ist sehr schwierig, manchmal verkaufen sie sogar ihre Kinder, aber diese Art von Informationen kommt nicht nach Europa. Attentate auf Frauen nehmen zu. 2015 gab es beispielsweise tausende Ermordungen und Fälle von Gewalt. Die frühere Präsidentschaftskandidatin und Parlamentsabgeordnete Shahla Ata wurde in ihrem Haus getötet.

Die Ergebnisse von AWN zeigen, dass sich die Sicherheitssituation insgesamt verschlechtert hat. Das beeinflusst den Zugang zum Gericht, es beeinflusst den Zugang zu den Schulen und zur Gesundheitsversorgung. Durch all diese Brutalität gegen Frauen, die Zwangsverheiratungen, die Vergewaltigungen, die sexuelle Belästigung und Demütigung von Frauen gibt es keine Sicherheit. Die Gewalt gegen Frauen stieg um 28%. Ein Grund ist die Tatsache, dass fundamentalistische und extremistische Sichtweisen in Bezug auf Frauenrechte täglich zunehmen.

Gibt es Pläne von der Regierung, erneut mit den Taliban zu sprechen?

Zurzeit gibt es viele Verhandlungen und die Öffentlichkeit bekommt nichts davon mit. Medica Afghanistan war sehr besorgt über die neuen Angriffe gegen Frauenrechte. Nun haben wir ein Strategiepapier mit einer Art „roten Linie“ entwickelt. Eine strategische Forderung ist, dass wir zum Beispiel Frieden mit den Taliban möchten, aber nur, wenn die Verfassung nicht geändert wird und Frauenrechte nicht außen vor bleiben. Vielleicht wird die afghanische Regierung den Strategieplan akzeptieren, wir glauben das allerdings nicht. Die Menschen haben genug vom Krieg. Das Friedensministerium führte eine Umfrage durch, die ergab, dass 80% der Frauen Frauenrechte für den Frieden aufgeben würden. Unsere Teilhabe und unsere Rechte werden im Namen des Friedens geopfert.

Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste, was die Regierung durchsetzen sollte, um das Leben für Frauen einfacher zu machen und um Gewalt zu verhindern?

Ich würde sagen eine Rechtsstaatlichkeit, die Korruption und Straflosigkeit beendet. Das sind sehr grundlegende Maßnahmen, die sie durchführen sollte in Richtung Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz.

Der zweite Punkt ist die Stärkung von Frauen. Nur 24% der afghanischen Frauen können lesen und schreiben; etwa 2,4 Millionen Mädchen gehen zur Schule. Allerdings verlassen sie die Schule vor Ende der Grundausbildung. Wir sind also ein vollkommen analphabetisches und ungebildetes Land. Der Staat sollte in die Bildung und die Stärkung von Frauen investieren und damit in den Frieden.

Es gibt in der Öffentlichkeit auch die Befürchtung, dass die internationale Gemeinschaft beschlossen hat, Afghanistan zu teilen, die Macht zu dezentralisieren und den beiden Hälften unterschiedliche Regeln zu geben. Wir wollen das nicht. Die internationale Gemeinschaft denkt, es ist der einfachste Weg, weil die Menschen in dem südlichen Teil des Landes sehr streng sind und nie Frauenrechte akzeptieren würden.

Sie haben ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre und in Kürze einen zusätzlichen Abschluss in Jura und Politik. Was waren Ihre Gründe, um nochmal zu studieren?

Der Hauptgrund war, dass es sehr schwierig ist, jemanden zu verteidigen, wenn man die Grundlagen des Rechts im Detail nicht kennt. Man kann sich nicht mit den Richtern und den Staatsanwälten messen. Außerdem habe ich den Plan, einen Abschluss in der Genderforschung zu machen. Für mich ist sehr klar, dass ich so eine gute Anwältin oder eine gute Politikerin werde.

Wenn man Jura in Afghanistan studiert, welche Rolle spielt der Koran im Studium?

Wir haben verschiedene Fakultäten, neben dem Studium der Scharia gibt es Politikwissenschaft zusammen mit Internationalem Recht. Man findet nichts im Koran, das Ungleichheit befürwortet oder gegen Frauen- oder Kinderrechte spricht. Nach dem Koran ist jeder gleich. Das Problem ist die Interpretation und die verschiedenen Auffassungen der Fundamentalisten. Die Idee der Politisierung des Islams wächst.

Wie finden Sie Zeit für sich, um neben dem Studium und der Arbeit als Direktorin von Medica Afghanistan neue Energie zu tanken?

Normalerweise verlasse ich das Haus um sieben Uhr morgens und komme abends um acht Uhr zurück. Ich gehe direkt von der Arbeit zur Universität. Aber nach acht Uhr esse ich erstmal mit meinen zwei süßen Söhnen und meinem Ehemann. Danach tanzen oder singen wir zusammen, so etwas in die Richtung.

Wie alt sind Ihre Söhne?

Der ältere ist sieben und der jüngere ist zweieinhalb. Wenn meine Söhne im Bett sind, wiederhole ich den Unterricht des Tages, analysiere die Sachen aus der Vorlesung und erledige noch so manchen liegengebliebenen Bürokram. Der Freitag ist der Tag, an dem ich nichts mache. Ich verbringe Zeit mit meinen Eltern oder gehe raus aufs Land oder in einen Park oder Garten.

Wir bedanken uns bei Humaira Rasuli für das Interview.

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