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24. Oktober 2014

In die Gesellschaft zurückholen: Medica Gjakova vertieft Unterstützung für kosovarische Frauen

Kurz nach Ende des Kosovokrieges vor 15 Jahren eröffnete medica mondiale ein interdisziplinäres Frauenberatungszentrum im Südwesten des Landes. Mit einem neuen auf drei Jahre angelegten Projekt kann medica mondiale, gemeinsam mit der Partnerorganisation Medica Gjakova, das Engagement nun vertiefen. Ziel des Projekts ist eine umfassende Stärkung der Selbsthilfekompetenzen von mindestens 1.600 Frauen aus der Region. Im ersten halben Jahr konnten bereits 16 neue Frauengruppen in neun Dörfern gegründet werden.

Der Ansatz des Projekts ist ganzheitlich: Mit psychosozialen Einzel- und Gruppenberatungen, Gesundheitsaufklärung, gynäkologischer Versorgung und einkommensschaffenden Maßnahmen werden Frauen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit unterstützt, die von Vergewaltigung oder anderen Formen sexualisierter Gewalt betroffen sind. Mirlinda Sada, seit Februar dieses Jahres Direktorin von Medica Gjakova, fasste bei einem Besuch in der Kölner Geschäftsstelle von medica mondiale die wichtigsten Ziele zusammen: „Das Hauptanliegen von Medica Gjakova besteht darin, Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt umfassend zu unterstützen und sie in die Gesellschaft zurückzuholen: Wir sorgen dafür, dass sie gesundheitlich versorgt werden, ihre Gewalterlebnisse bewältigen können und in der Lage sind, ihr eigenes Geld zu verdienen." Neben der direkten Unterstützung der Frauen, wird durch politische Menschenrechts- und Sensibilisierungsarbeit auf das Thema Gewalt aufmerksam gemacht. Politik und Gesellschaft sollen derart beeinflusst werden, dass das Leben von Frauen und Mädchen nachhaltig verändert wird.

Rechtsbeistand für mehr Gerechtigkeit

Auch der Rechtsbeistand für Frauen ist ein wichtiges Projektziel. Dank großer Anstrengungen der Oppositionspartei und den Lobby-Aktivitäten des „Kosovarischen Frauennetzwerks" ist das Gesetz zur Entschädigung von Kriegsopfern im Februar 2014 geändert worden und schließt seitdem auch Frauen mit ein, die sexuelle Gewalt während des Krieges erlebt haben. Viele Überlebende von Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt sehen sich jedoch noch vor großen Hindernissen im Zugang zu Rehabilitationsdiensten, Entschädigungen und Rechtshilfe. „Es ist wichtig, dass diese Gesetzesänderungen jetzt auch umgesetzt werden, das heißt vor allem, dass alle Fragen rund um die Entschädigungszahlungen schnellstmöglich geklärt werden müssen. Wir glauben, dass, sobald das Gesetz Anwendung findet und die Finanzierung gesichert ist, sich das Leben von Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt erheblich verbessern wird", so Mirlinda Sada.

16 neue Frauengruppen sind entstanden

Das aktuelle Projekt schließt an die Erfolge des Vorgängerprojekts an. So konnten die psychosozialen Beraterinnen von Medica Gjakova in den ersten Projektmonaten bereits 16 neue Frauengruppen bilden. Die Gruppen sprechen sich herum und auch für Frauen, die noch keinerlei Unterstützung erhalten haben, werden weitere Gruppen aufgebaut. Um mit neuen Klientinnen einer gegründeten Frauengruppe ins Gespräch zu kommen, braucht es Sensibilität und einen professionellen Umgang mit allen Familienangehörigen. Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt ist weiterhin ein großes Tabu in der kosovarischen Gesellschaft. Die betroffenen Frauen werden nicht selten in den eigenen Familien isoliert und können nicht über ihre Erfahrungen sprechen. Bevor die Beraterinnen von Medica Gjakova eine Klientin vor ihrer Teilnahme in einer Gruppe besuchen, ist es daher auch wichtig, die Hintergründe der Familie zu kennen.

Hilfe zur Selbsthilfe durch einkommensfördernde Trainings

Neben der psychosozialen Beratung von Frauen soll auch die 2012 gegründete Bäuerinnenkooperative "Duart e Dardanes"gestärkt werden. In Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation „Initiative for Kosova Communities", die auf den Aufbau von Frauengruppen und einkommensschaffende Maßnahmen spezialisiert ist, werden spezifische Trainingsmaßnahmen angeboten. Sie schulen die Bäuerinnen der Kooperative in der Milchproduktion, der Bienenhaltung, Konservierung von Gemüsen sowie Buchhaltung und Marketing. Sie werden so in die Lage versetzt, sich ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und sich am Markt zu behaupten.

Langfristige Unterstützung ist notwendig: der Fall Hatice*

Hatice* wurde während des Kosovo-Krieges vergewaltigt. Da sie in einer sehr schlechten psychischen Verfassung ist und zwei Mal versucht hat, sich das Leben zu nehmen, wird sie psychologisch betreut. Ihr Ehemann kümmert sich nicht um sie, ihre Familie beschimpft und beleidigt sie oft – Vergewaltigungen werden meist der Frau angelastet und als Ehrverletzung und Schande ausgelegt. Um sie zu stärken, hat ihre Therapeutin sie ermuntert, an den Gruppensitzungen von Medica Gjakova teilzunehmen. Erst als ihr Sohn volljährig wird, kann er sich innerhalb der Familie durchsetzen und Hilfe für seine Mutter einfordern. Für die Mitarbeiterinnen von Medica Gjakova ist es ein typischer Fall, der zeigt, wie langwierig die Prozesse zur Unterstützung von betroffenen Frauen sein können.

*Name geändert

Hintergrundinformationen zum Kosovokrieg

Über 15 Jahre nach Ende des Kosovokrieges leidet die Bevölkerung immer noch unter den Langzeitfolgen des Krieges. Besonders Frauen sind davon betroffen – viele leben in bitterer Armut und geschlechtsspezifische Gewalt ist in der patriarchal geprägten Gesellschaft sehr verbreitet.