Zurück zur Übersicht
07. Dezember 2017

„Ich wusste: Sie ist eine überzeugte Feministin“

Vor 25 Jahren rief eine „durchgeknallte Ärztin“ bei der Historikerin Gabi Mischkowski an und bot ihre Hilfe für Frauen im Bosnienkrieg an. Der Anruf markiert den Beginn der Arbeit der Frauchrechtsorgansiation medica mondiale, die 25 Jahre alt wird.

„Noch nie erregten Vergewaltigungen so sehr das Gemüt der deutschen Öffentlichkeit“, schrieb Gabi Mischkowski am 07. Dezember 1992 auf der legendären Seite 10 der Tageszeitung taz. Obwohl sexualisierte Gewalt seit Menschengedenken Teil von Kriegen ist, führte erst der Krieg im ehemaligen Jugoslawien zu einer dauerhaften Empörung darüber. „Die Massenvergewaltigungen an bosnischen Frauen waren plötzlich Thema in der Öffentlichkeit, der Stern berichtete ausgiebig, das ZDF und viele andere,“ erzählt die Kölner Historikerin, Mischkowski, die damals die Fraueninitiative „Scheherazade" gegen den Golfkrieg leitete. Sie erinnert sich, wie entsetzt sie war über die überwiegend voyeuristische Darstellung und Instrumentalisierung der vergewaltigen Frauen. Und verfasste einen Zeitungskommentar.

Monika Hauser greift zum Telefon

Als Reaktion darauf klingelte das Telefon bei Gabi Mischkowski ununterbrochen. Viele Frauen stimmten ihr zu, andere drängten sie zu teilweise wilden Aktionen. An eine kann sie sich besonders gut erinnern „Ich dachte: Was ist das für eine durchgeknallte Ärztin? Sie wollte sofort mit mir nach Zagreb in die Flüchtlingslager fahren.“ Die Anruferin war die damals 33-jährige angehende Gynäkologin Monika Hauser. Sie wollte sofort etwas für die betroffenen Frauen tun. „Ich war seit Tagen in Aufruhr, hatte gelesen, was sich in Bosnien abspielt“, erinnert sich die Gynäkologin. Obwohl Gabi Mischkowski skeptisch war, vermittelte sie der jungen Ärztin eine Mitfahrgelegenheit nach Zagreb.

„Sie ist eine überzeugte Feministin“

Eine Woche später trafen sich Gabi Mischkowski und Monika Hauser in einem Café in Zagreb: „Nach 30 Minuten war klar, dass wir das Gleiche wollen. Ich wusste: Sie ist nicht durchgeknallt, sie weiß was sie will und ist eine überzeugte Feministin“, erzählt die Historikerin über den Beginn einer Zusammenarbeit, die bis heute andauert.

Monika Hauser blieb noch ein paar Tage in Zagreb, traf Frauenrechtlerinnen und Organisationen, besuchte Flüchtlingslager, um bosnische Überlebende zu sprechen. Dann fuhr sie Mitte Dezember 1992 mit dem Nachtzug zurück nach Deutschland. Mit im Gepäck: die Vision eines feministischen Projekts, das gynäkologische und psychische Begleitung, Körper und Seele, zusammenführt.

Danach ging alles sehr schnell: Gabi Mischkowski, Monika Hauser und ihr heutiger Ehemann Klaus-Peter Klauner schrieben in einem italienischen Restaurant auf der Zülpicher Straße die erste Projektskizze, um Geld für ihr Vorhaben zu bekommen. „Ich hatte damals ja noch keine Ahnung von Projektmanagement, aber ich wusste, dass ich mich einmischen muss“.

Frauenrechte im Kriegsgebiet Bosnien

Am 29. Dezember schließlich machte sich Monika Hauser schließlich auf den Weg nach Zenica, eine kleine Stadt in Zentral-Bosnien, 30 Kilometer von der Kriegsfront entfernt. Inmitten des Kriegsgebietes fand sie Fachfrauen, die unbedingt etwas für die vergewaltigten Frauen und Mädchen tun wollten. Gemeinsam bauten sie inmitten des Krieges ein Frauenzentrum auf. Es gab damals keine Organisation, keine Initiative, die gynäkologische und psychische Begleitung gemeinsam anbot. Monika Hauser und die mutigen bosnischen Frauen vor Ort leisteten Pionierinnenarbeit. Gabi Mischkowski unterstützte bis zum Ende des Krieges diese Arbeit von Köln aus.

medica mondiale 25 Jahre später

Wenn sich heute einmal im Monat das „medica mondiale Gesamtteam“ im Kölner Büro versammelt, dann quetschen sich über 50 Frauen in den Konferenzraum in der 5. Etage. , Monika Hauser schaut dann staunend auf die vielen Frauen, die für medica mondiale und ihre Vision einer gerechten Welt für Frauen arbeiten. Fast so, als könnte sie kaum fassen, was ihre Entscheidung vor 25 Jahren bewirkt hat.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

 

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Weitere Frauenrechts-Heldinnen

Rita Süßmuth: „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann“

Elisabeth Selbert: Mutter des Grundgesetzes