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18. Mai 2017

Humaira Rasuli, Medica Afghanistan: „Diese Männer- und Frauenrollen sind nicht in der Scharia festgeschrieben.“

Wie leben Frauen und Mädchen in Afghanistan heute? Sie haben laut der afghanischen Verfassung die gleichen Rechte wie Männer. Dazu gehören die Rechte auf Bildung, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit. Unter welchen Bedingungen Frauen tatsächlich leben, zeigt eine repräsentative Studie des afghanischen Gesundheitsministeriums. Unsere Kolleginnen von Medica Afghanistan bestätigen im Interview: Frauen erfahren Gewalt, sind von der Schulausbildung weitgehend ausgeschlossen und erleben täglich Unrecht. Medica Afghanistan will Frauen über Nachbarschafts-Frauengruppen und Familienberatung erreichen und stärken.

Seit fünfzehn Jahren bietet Medica Afghanistan Frauen und Mädchen psychosoziale, gesundheitliche und rechtliche Beratung an. Anlaufstellen sind unter anderem Krankenhäuser, Gefängnisse, Gerichte oder Frauenhäuser. Die Mitarbeiterinnen müssen dabei stets erfinderisch sein, um die Frauen auf neuen Wegen zu erreichen und ihnen sichere Räume für Erfahrungsaustausch und Beratung zu bieten. Einige Gründe dafür sind an den durchschnittlichen Lebensumständen von Frauen und Mädchen in Afghanistan abzulesen.

Frauen erreichen und stärken in Frauengruppen (Peergroups) 

Weil so viele Frauen Gewalt erleben, aber nur selten Hilfe suchen, kommt der leicht zugänglichen Unterstützung durch angeleitete Frauengruppen (Peergroups) eine besondere Bedeutung zu. Erfolgreich gestärkte Klientinnen von Medica Afghanistan sind Initiatorinnen dieser Gruppen. Manche Überlebenden fühlen sich durch die umfassende Beratung und Unterstützung seitens der psychosozialen Beraterinnen Medica Afghanistans in der Lage, selbst zur Anleiterin einer Gruppe ausgebildet zu werden. Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan (MA): „Unsere freiwilligen Gruppenleiterinnen erreichen die Frauen und Mädchen vor Ort, in der Nachbarschaft, in deren Lebenswelt. Sie stellen ihnen einen geschützten Ort zur Verfügung, oft ihre eigene Wohnung, wo sie Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können.“ Die teilnehmenden Frauen wirken langfristig in ihren Familien und Gemeinschaften wie Agentinnen des Wandels zu einer gerechteren, gewaltfreien Gesellschaft. Anfang 2016 gab es bereits 16 dieser Frauengruppen mit fast 200 Teilnehmerinnen in Kabul und Mazar-i-Sharif; weitere sind seither im Aufbau. Humaira Rasuli:

„Eine neue Idee ist es, dass die Gruppenleiterinnen langfristig sogar zu Lehrerinnen ausgebildet werden, um begleitend das Lesen und Schreiben beizubringen. In unseren Alphabetisierungskursen lieben die jungen Frauen und Mädchen sowieso alles rund um die Themen Frauenrechte, Sexualerziehung und so weiter. Da lassen sie das Mathebuch auch mal links liegen.“ 

Die Familie aufklären und so Frauenrechte zum Leben erwecken 

Ein ergänzender neuer Schwerpunkt wird in den kommenden Monaten die Familienberatung sein, da die meisten Frauen ausschließlich im Kreis der Familie Hilfe suchen, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Die Mehrheit der Frauen findet es sogar gerechtfertigt, dass ihr Ehemann sie schlägt, sei es, weil sie das Essen haben anbrennen lassen oder ihm einfach nur widersprechen.

Ihnen fehlt oft schlicht das Wissen, dass Gewalt gegen Frauen Unrecht ist. Dazu Vida Faizi, Leiterin der Abteilung Psychosoziale Beratung und Gesundheit:

„Viele Frauen durften nie zur Schule gehen. Einige können nicht einmal ihren Namen schreiben. Sie sind immer nur zuhause und folgen den Anweisungen ihres Ehemanns, weil ihnen das so im Elternhaus beigebracht wurde.“

Mühsamer als die Wissensvermittlung ist die Änderung von Bewusstsein und Einstellungen. Bis Mitte 2018 will Medica Afghanistan mindestens 50 Familien und deren oft sehr großes soziales Umfeld beraten und positiv beeinflussen. Das Bedürfnis, Probleme innerhalb der Familie zu lösen, ist in der afghanischen Gesellschaft sehr ausgeprägt, wobei die Akzeptanz für externe Unterstützung zunehmend wächst. Im Bereich der rechtlichen Beratung und Familienmediation konnte Medica Afghanistan bereits zahlreiche Erfolge verzeichnen. Nun soll auch die psychosoziale Beratung auf die Familie ausgeweitet werden. Kommt es innerhalb einer Familie zu Gewalt, ist es nachhaltiger, alle Mitglieder bei der Suche nach Ursachen und Lösungen mit einzubeziehen. Oft sind nämlich mehrere Familienmitglieder direkt oder indirekt an Gewaltformen wie beispielsweise psychische Gewalt, Entzug von Nahrung, Folter, sexualisierte Gewalt und Zwangsprostitution beteiligt. Humaira Rasuli: „In vielen jungen Familien arbeiten die Ehemänner auswärts und sind viel unterwegs. Aber Gewalt gegen Frauen gibt es dann trotzdem. Manche Schwiegermütter sind gefährlicher als die Ehemänner! Sie waren selbst Opfer und üben die gleiche Gewalt aus. Alles wiederholt sich. Deshalb ist es so wichtig, diese Spirale zu durchbrechen. Jungen Menschen sind offen für Veränderung und ein neues Leben.“ 

Für Frauenrechte in Afghanistan werben und sie durchsetzen

Unterstützt wird der angestrebte Wandel zur mehr Geschlechtergerechtigkeit durch die politische Lobbyarbeit von Medica Afghanistan und durch intensive Aufklärungsarbeit in der Justiz, Polizei, im Gesundheitssektor und bei religiösen Führern. Humaira Rasuli : „Oft beginnen wir in diesen Gruppenschulungen mit ganz grundlegenden Fragen zu Geschlechterrollen. Wichtig ist die Erkenntnis bei den Teilnehmenden: Diese Männer- und Frauenrollen sind nicht in der Scharia festgeschrieben. Wenn wir als Gesellschaft es sind, die diese Normen festlegen, können wir sie auch ändern.“ Nach einer aktuellen UN-Studie zu Männlichkeitsbildern in arabischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas zeigt sich etwas mehr als ein Viertel der Männer offen für mehr Gleichberechtigung von Männern und Frauen: Sie verurteilen Gewalt gegen Frauen, befürworten Frauenrechte, setzen sich für Frauen in Führungspositionen ein und wollen sich an der Kindererziehung beteiligen. Diese Chance auf Veränderung gibt es auch in Afghanistan.

Hintergrund: Wie leben Frauen und Mädchen in Afghanistan?

Die Studie des afghanischen Gesundheitsministeriums zeichnet folgendes Bild: Eine afghanische Ehefrau unter 49 Jahren hat durchschnittlich mit 18 Jahren geheiratet, mit großer Wahrscheinlichkeit minderjährig und unter Zwang. Jede achte von ihnen bekommt das erste Kind vor ihrem 20. Geburtstag. Zuvor hat diese Frau im Regelfall keine Schulbildung bekommen (84 Prozent ). Sie lebt in einem Haushalt mit insgesamt acht Personen, wovon die Hälfte unter 15 Jahren alt ist. Eine durchschnittliche afghanische Ehefrau hat fünf Kinder, wobei die Anzahl der Kinder sinkt, wenn die Mutter zur Schule gehen konnte. Lediglich 13 Prozent der Frauen waren zum Zeitpunkt der Studie berufstätig, während fast alle befragten Männer einer Arbeit außerhalb des Haushalts nachgingen.

Laut Zahlen aus 2008 erleben 87 Prozent aller Frauen mindestens eine Form von Gewalt: körperliche, sexualisierte, psychische oder Zwangsheirat. Zwei von zehn Gewaltbetroffenen suchen sich Hilfe, die meisten innerhalb der Familie (80 Prozent). Wichtige externe Anlaufstellen für Überlebende sexualisierter Gewalt sind stets die Krankenhäuser und Praxen. Ein Grund dafür, dass Medica Afghanistan die Beratungsstellen in Krankenhäusern derzeit in Kabul und Mazar-i-Sharif ausweitet. Doch selbst eine ärztliche Behandlung muss bei mehr als der Hälfte der Frauen vom männlichen Familienoberhaupt genehmigt werden. Insgesamt haben 90 Prozent der Frauen Probleme, die einer gesundheitlichen Versorgung entgegenstehen.

Verwandte Themen

UN-Studie zu Männlichkeitsbildern in arabischen Ländern (2016)

Studie des afghanischen Gesundheitsministeriums (2015)

Report zu häuslicher Gewalt in Afghanistan (2008)