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10. Mai 2016

Humaira Rasuli, Direktorin Medica Afghanistan: „Frauen schweigen nicht mehr.“

Im April reisten vier Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan zusammen mit Jeannette Böhme, Referentin für Politik und Menschenrechte bei medica mondiale, für politische Gespräche nach Berlin. Sie besuchten befreundete Organisationen wie das bzfo (Behandlungszentrum für Folteropfer) und sprachen mit politisch Verantwortlichen über die aktuelle Situation von Frauen in Afghanistan. Im Kölner Büro von medica mondiale berichteten sie, welche Hürden es bei der Umsetzung der Frauenrechte in Afghanistan gibt und wie es um die Frauensolidarität in dieser schwierigen politischen Lage bestellt ist.

Wir sprachen mit Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan, der stellvertretenden Direktorin Saifora Ibrahim Paktiss, Helai Sohak, Leiterin des Büros in Mazar-i-Sharif und Vida Faizi, Leiterin der Abteilung psychosoziale Beratung und Gesundheit.

Inwiefern unterscheiden sich Frauenrechte auf dem Papier von den tatsächlich umgesetzten Frauenrechten in Afghanistan?

Humaira Rasuli: Die politische Lage hatte sich zeitweise verbessert und es waren positive Auswirkungen auf die Situation von Frauen zu beobachten. Doch in den letzten zwölf Monaten hat sich die Sicherheitslage verschlechtert. Laut Parlament sind 30 Prozent des Landes unter der Kontrolle der Taliban. Mindestens 11.000 Zivilisten wurden im Jahr 2015 getötet und verletzt. Die Unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission (AIHRC) hat 2015 als das tödlichste Jahr für Frauen in Afghanistan erklärt.

Es gibt Tausende Gesetze und Absichtserklärungen, doch in der Praxis werden Frauenrechte ignoriert. Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Frauen sind weit verbreitet, besonders innerhalb des Rechtssystems. Frauen werden Tag für Tag weiter enttäuscht. Sie betrachten die Situation unseres Landes und sehen, dass wir uns auf eine Krise zubewegen, während die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft immer weniger wird.
Der Fall der Provinz Kundus hat Angst in den Herzen verbreitet. Die Auswirkung auf Frauennetzwerke, auf die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen – insbesondere FrauenrechtsverteidigerInnen – war negativ: Bedrohungen, Diskriminierung und manchmal auch gezielter Mord.

Dennoch würde ich sagen, dass Programme zur Stärkung und Bildung von Frauen positive Auswirkungen auf die Stellung von Frauen hatten. Frauen schweigen nicht mehr. Sie fühlen sich nicht mehr eingesperrt. Sie können ihre Stimme erheben um ihre Bedenken und ihre Bedürfnisse auszudrücken. Es gibt solche Frauen in unserem Land.

Solidarität unter Frauen – was bedeutet das für Sie und wie beeinflusst das Solidaritäts-Konzept Ihre Arbeit?

Helai Sohak: Wir konnten eine Menge Veränderungen bezüglich der Stellung der Frau beobachten, da ihre Solidarität untereinander den Aufstieg von Frauen unterstützt. Besonders die Vernetzung von Frauen, die kollektiven Anstrengungen für ihre Rechte, waren teilweise erfolgreich. Leider konnten wir während der letzten zwei Jahre erkennen, dass sich in der Solidarität der Frauen manches geändert hat, besonders in der Stadt Mazar-i-Sharif. Die meisten dieser Frauen vertreten noch dieselbe Position zu Frauenrechten, aber sie arbeiten einfach nicht mehr als feministische Aktivistinnen. Denn manchen von ihnen wurden Einschränkungen durch verantwortliche Schlüsselfiguren der Regierung auferlegt. Solidarität ist wichtiger denn je.

Protest und politische Aktionen leben von ihren Symbolen – so zum Beispiel die erhobene Faust in einem Venussymbol. Welche Symbole benutzen Sie, um Frauenrechte zu veranschaulichen?

Vida Faizi: Das Symbol mit der Faust in einem Venussymbol ist in Afghanistan bekannt. Es hat Bedeutung für die Veranschaulichung politischer Aktivitäten afghanischer Frauen. Diese eine Hand steht für alle und bedeutet „gemeinsam für Frauenrechte“. Aber Medica Afghanistan arbeitet nicht oft mit diesen Bildern. Hauptsächlich kommen wir zusammen, reden über Frauenrechte, gehen zu unseren Treffen und schaffen Bewusstsein für die Rechte der Frauen. Kulturell gesehen unterscheidet sich unsere Arbeit für die Verteidigung von Frauenrechten.

Obwohl Lobbyarbeit zu allen Programmen von Medica Afghanistan gehört, beginnen wir immer individuell. Wir schaffen Bewusstsein für Frauenrechte, sei es im islamischen oder im staatlichen Gesetz. Wir zeigen auf, dass diese Rechte fundamentale Rechte sind – und nichts, was andere Leute dir zusprechen oder genehmigen. Und wir ermutigen Frauen, zunächst in ihrem Freundeskreis darüber zu reden, um zu üben, wie sie darüber mit ihren Freunden, Kollegen und später dann auch mit ihren Familienangehörigen reden können. Nach und nach sind sie mutig genug, in der Gemeinschaft über ihre Rechte zu sprechen.

Protest und Kampf für Frauenrechte in Afghanistan beginnen also mit dem Individuum, dann folgt die Familie und dann die Gemeinschaft?

Vida Faizi: Ja, wir setzen uns bei allen Aktivitäten von Medica Afghanistan direkt oder indirekt für Frauenrechte in Afghanistan ein. Es beginnt mit den Beratungssitzungen. Die Frauen kommen zu uns, weil sie keine Gewalt mehr ertragen können. Aber sie wissen nicht, dass Gewalt kein Teil ihres Ehelebens sein muss, dass die Scharia sowie das staatliche Gesetz Gewalt gegen Frauen ausdrücklich verbieten. Sogar psychische und emotionale Gewalt sind gegen das Gesetz. Die Rechte der Frauen umfassen das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gesundheit und das Recht auf Gerechtigkeit beziehungsweise Strafverfolgung, wenn jemand ihre Rechte verletzt hat.

Gibt es feministische Vorbilder oder Idole, die eine Orientierung oder Inspiration für junge afghanische Frauen sein könnten? Kennen Sie welche? Oder sind Sie selbst Vorbilder?

Saifora Ibrahim Paktiss: Wir versuchen, welche zu werden (lacht). Im Moment gibt es einige sehr gute und prominente Vorbilder und Idole, die an der vordersten Front des Kampfes für Frauenrechte stehen. Manche von Ihnen mögen Vorbilder in Bezug auf Frauenrechte sein, manche sind eher gute Sprecherinnen an der Spitze des Gesundheitsbereichs, andere sind stark im Bildungssektor. Und wir haben sehr gute weibliche Vorbilder in der politischen Szene, im Hilfs- und Entwicklungssektor sowie in der Justiz.

Wir haben Symbole für Ermutigung und die Stärkung (Empowerment) von Frauen und die Frauen und Mädchen folgen ihnen. Doch die bedauerliche Seite in unserem Land ist, dass es nicht so erschlossen ist in Bezug auf Kommunikations- und Medienreichweite in den entlegeneren Gebieten und Provinzen. Ich muss also sagen, dass der Wirkungsrahmen dieser Vorbilder beschränkt ist auf eine bestimmte Anzahl an Provinzen, wo Frauen aus ihren Häusern raus kommen, wo sie arbeiten und miteinander diskutieren und Radio hören, fernsehen. Sie kennen diese Vorbilder. Aber ihre Bekanntheit ist sehr eingeschränkt in den mehr als 17 Provinzen, die in entlegenen Gebieten liegen – also in mindestens der Hälfte des Landes. Das ist die andere Seite des Bildes.