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07. Dezember 2012

Gutachterin Laure Saporta zur Evaluierung in Afghanistan (2009-2013): "Wissen wird im Schneeballeffekt verbreitet"

Die Gutachterin Laure Saporta war im November 2012 als Evaluatorin im Auftrag von medica mondiale in Afghanistan. Ziel ihrer Reise war die abschließende Bewertung des Projekts „Soziale Absicherung und Rechtshilfe für von Gewalt bedrohte oder inhaftierte Frauen und deren Kinder". Es wird durch zwei Organisationen vor Ort umgesetzt: Medica Afghanistan und Frauen für afghanische Frauen (Women for Afghan Women, WAW). Im Interview mit Katharina Hirth, Mitarbeiterin von medica mondiale, berichtet Laure Saporta von ihren Erfahrungen während der Projektauswertung.

Wie würden Sie das Projekt beschreiben? Wie sieht die Arbeit der Mitarbeiterinnen vor Ort aus?

Das Projekt besteht aus drei Hauptkomponenten: Die Erste Komponente ist rechtliche sowie soziale Beratung für Frauen. Die zweite Komponente ist das Kinderhilfszentrum (Child Support Centre). Kinder, deren Mütter im Gefängnis sind und sich deshalb nicht um sie kümmern können, finden dort ein Zuhause und Zugang zu Bildung. Die dritte Komponente befasst sich mit der Sensibilisierung der Gesellschaft für Frauenrechte.

 

Wem kommen die Angebote zugute?

Die Maßnahmen sind zunächst an Mädchen oder Frauen gerichtet, die direkte Gewalt erfahren haben. Das Wichtigste ist für mich dabei der Schneeball-Effekt. Wenn eine Frau erst einmal um ihre Rechte weiß, dann teilt sie dieses Wissen mit ihren Familienmitgliedern, Nachbarinnen und anderen Frauen. Das zieht dann wirklich weite Kreise. Beamte, islamische Religions- und Rechtsgelehrte, sogenannte Mullahs, oder Mitarbeiter anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen (NGO) werden in Trainings von Medica Afghanistan oder WAW geschult. Auch die Öffentlichkeit wird über die Medien einbezogen, zum Beispiel über das Radio oder Fernsehen.

 

Was genau sind die Ziele des Projekts?

Ein Ziel des Projekts ist es, Frauen und Mädchen, die Gewalt, Misshandlungen oder eine Verletzung ihrer Rechte erfahren haben, sozial und rechtlich zu unterstützen. Ein weiteres Ziel ist, die Gesellschaft für Frauenrechte zu sensibilisieren.

 

Als Evaluatorin überprüfen Sie, ob die Ziele des Projekts erreicht wurden. Wie gehen Sie vor?

Zu prüfen, ob die Ziele erreicht wurden, ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Ich nehme den Blick einer Außenstehenden auf das Projekt ein, um so Verbesserungsvorschläge ableiten zu können. Zusammen mit den Teams erarbeite ich dann Wege, um Schwachstellen zu verbessern und Stärken zu fördern.

 

Woher nehmen Sie die Informationen, die für Ihre Einschätzung notwendig sind?

Ich befrage möglichst viele Personen über einen kurzen Zeitraum. Außerdem beobachte ich, wie die Mitarbeiterinnen mit den Klientinnen umgehen. Ich habe mir angesehen, wie die Mediations-Gespräche geführt werden, wie die Rechtsberatung verläuft und wie die MitarbeiterInnen im Kinderhilfszentrum mit den Kindern umgehen.

 

Mit wem haben Sie vor Ort gesprochen?

Zum einen habe ich mit den Teams von Medica Afghanistan und WAW gesprochen. Sie stehen in direktem Kontakt mit den Klientinnen und wissen deshalb am besten, was die Frauen brauchen und wo Lücken im Angebot liegen. Zum anderen habe ich die Klientinnen und teilweise auch ihre Familien befragt. Außerdem habe ich mit gesellschaftlichen Interessengruppen gesprochen – dem Justizministerium, dem Innenministerium, dem Ministerium für Frauenangelegenheiten, mit Mullahs, mit Staatsanwälten sowie mit NGOs, die Klienten an Medica Afghanistan oder WAW überweisen.

 

Wurden die Ziele des Projekts Ihrer Meinung nach erreicht?

Ja, die Ziele wurden erreicht. Meiner Meinung nach ist das Projekt sehr, sehr erfolgreich. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Frauen und Mädchen. Viele Mädchen erlangen zum ersten Mal das Bewusstsein, überhaupt Rechte zu besitzen und für sie einzustehen. Außerdem wird die Gesellschaft für Frauenrechte sensibilisiert. Erst so können diese in die Tat umgesetzt werden.

 

Wie beurteilen Sie die Nachhaltigkeit des Projekts? Ist es langfristig wirksam?

Insgesamt ist das Projekt nachhaltig. Die finanzielle Nachhaltigkeit ist zwar noch nicht gewährleistet. Dies liegt daran, dass die sozialen und rechtlichen Beratungen kostenlos angeboten werden, um alle Frauen und Mädchen zu erreichen. Die institutionelle Nachhaltigkeit hingegen ist sehr stark. Vor allem Medica Afghanistan wurde von medica mondiale so unterstützt, dass die Frauenorganisation jetzt vollständig unabhängig und autonom ist.

 

Trägt das Projekt dazu bei, die Lebenssituation von afghanischen Frauen und Mädchen zu verändern?

Viele Frauen sehen es zunächst als gegeben an, von ihren Männern geschlagen zu werden. Durch den Kontakt mit Medica Afghanistan oder WAW begreifen sie plötzlich: Nein, es muss nicht so sein. In keinem Gesetz steht geschrieben, dass der Ehemann seine Frau schlagen darf. Schon allein dieses Wissen verändert das Leben vieler Frauen.

 

Die wichtigsten Ergebnisse der Evaluation finden Sie in der englischen Zusammenfassung.

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