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12. Oktober 2017

"Geh zu PAIF!" — Ganzheitliche Unterstützung für Frauen und Mädchen im Ostkongo

„Geh zu PAIF!“, heißt es mittlerweile oft, wenn Frauen im Ostkongo in Not sind – weil sie vergewaltigt, von Rebellen entführt, von ihren Männern misshandelt oder ungewollt schwanger geworden sind. Die Frauenrechtsorganisation PAIF hat seit ihrer Gründung 1993 in den Provinzen Nord- und Süd-Kivu ein Netz an Unterstützung aufgebaut, die sich herumgesprochen hat. Das Team von PAIF leistet psychosoziale und rechtliche Beratung und sichert die medizinische Versorgung Überlebender sexualisierter Gewalt. Mit Ausbildungskursen ermöglicht PAIF den Frauen zudem sich selbst zu versorgen und gibt ihnen so Hoffnung und Selbstvertrauen zurück.

Es geschah am helllichten Tag. Mit zwei Freundinnen macht sich Kahambu* aus ihrem Dorf auf den Weg, um Maniok-Blätter zu ernten. Als sie ihr Ziel erreichen, werden sie von Rebellen überfallen und verschleppt, eine der drei getötet. Nach zwei Monaten merkt die junge Frau, dass sie schwanger ist. Über das, was dazwischen geschah, schweigt Kahambu.

 

Angebote der wenigen Hilfsorganisationen im Kongo reichen oft nicht aus

Laut Vereinten Nationen zählt der Ostkongo für Frauen zu den gefährlichsten Regionen der Welt. Jede vierte vergewaltige Frauen in der Region ist unter 18 Jahre alt, eine von Hundert danach schwanger. Die meisten Frauen werden auf ihren Feldern oder in ihren Häusern überfallen. Die Täter sind in der Regel Mitglieder bewaffneter Gruppen – Armee, Milizen oder Rebellen – immer häufiger aber auch Zivilisten. Oft werden die Opfer verschleppt, manchmal wochenlang wiederholt vergewaltigt und schwer verletzt zurückgelassen. Viele Überlebende geraten anschließend in extreme Armut, weil ihre Familien sie verstoßen.

Trotz seines Rohstoffreichtums zählt der Kongo infolge jahrzehntelanger Ausbeutung, Korruption und Krieg zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als 70 Prozent der Frauen und Mädchen sind Analphabetinnen und haben keinen Zugang zu Bildung. Die Angebote der wenigen Hilfsorganisationen in der von Armut, Hunger, Krieg und Vertreibung geprägten Region reichen bei weitem nicht aus, alle Betroffenen in den oft entlegenen Gebieten zu unterstützen.

"Die Beratung hat mich wieder aufgebaut"

Als die Rebellen eines Tages ihr Lager verlassen, gelingt es Kahambu zu fliehen und sich bis in die Hauptstadt Goma durchzuschlagen. Doch ihr Onkel, bei dem sie hofft Zuflucht zu finden, schickt sie wieder weg. Sie könne nicht bei ihm bleiben und solle zu ihren Eltern gehen. Also kehrt Kahambu nach Hause zurück. „Doch auch dort schickten sie mich weg“, erzählt sie. Sie möge ihnen keine vaterlosen Kinder bringen, ist die Reaktion der Familie auf ihre Schwangerschaft. Noch einmal versucht sie ihr Glück bei dem Onkel in Goma. Aber der zeigt sich unerbittlich und jagt sie mitten in der Nacht fort.

In ihrer Verzweiflung denkt Kahambu daran, sich das Leben zu nehmen. Eine Freundin bietet ihr an, zunächst bei ihr zu wohnen. Einige Tage später trifft sie eine Frau, die von PAIF zur Friseurin ausgebildet worden war. „Geh zu PAIF“, rät diese. „Die können dir helfen.“

Bei PAIF erfährt Kahambu das erste Mal von der Möglichkeit Beratung zu erhalten. „Daraufhin ging ich zu Mama Michaelle und erzählte ihr von meiner Lage“, berichtet sie. Die Beraterin von PAIF hört ihr ruhig zu und verspricht ihr, mit ihren Kolleginnen zu sprechen und sich wieder zu melden. Von da an trifft sich die Überlebende regelmäßig mit der psychosozialen Beraterin. „Die Beratung hat mich wieder aufgebaut“, erzählt die junge Frau. Wie viele in ihrer Situation hatte sie überlegt, das Kind abzutreiben oder nach der Geburt wegzugeben. „Heute habe ich solche Gedanken nicht mehr.

Umfassende Hilfe für Frauen und Mädchen

Es geht mir gut“, sagt sie. medica mondiale arbeitet seit 2004 mit PAIF zusammen. Die Nichtregierungsorganisation wurde 1993 während der Diktatur Mobutus von lokalen Frauenrechtsaktivistinnen gegründet, mit dem Ziel, die Lebenssituation von sexualisierter Gewalt betroffener Frauen und Mädchen im Ostkongo zu verbessern und ihre Selbsthilfekompetenzen zu stärken. Das Projektteam berät Überlebende, begleitet sie ins Krankenhaus, zur Polizei und vor Gericht und bildet sie aus, um ihnen ein Einkommen zu ermöglichen. Darüber hinaus klärt PAIF Familien und Gemeinden über Gewalt gegen Frauen auf und dokumentiert Gewalttaten, damit die Täter bestraft werden können. Jedes Jahr werden rund 800 Mädchen und Frauen betreut.

"Bis heute hat PAIF mich nicht im Stich gelassen"

Als Kahambu, obwohl der Geburtstermin noch nicht unmittelbar bevorsteht, starke Bauchschmerzen hat, bringen die Beraterinnen die Schwangere ins Krankenhaus. Einen Monat muss sie dort bleiben. PAIF übernimmt die Kosten für die Medikamente und die gesamte Behandlung. „Vor und nach der Geburt waren sie da, haben mich eingekleidet und sich um alles gekümmert, auch um die Sachen für das Baby und das Essen“, erzählt Kahambu voll Dankbarkeit. Auch nach der Entbindung begleitet PAIF sie weiter. „Bis heute hat PAIF mich nicht im Stich gelassen.“

* Name geändert

 

Erschienen im memo, 2. Ausgabe 2017, S. 8