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29. Mai 2017

Frauenrechts-Heldin Sofije T.: „Ich möchte, dass unsere Stimme gehört wird“

Sie wurde während des Kosovokriegs vergewaltigt. Heute kämpft sie für die Gerechtigkeit der Frauen, die sexualisierte Gewalt überlebt haben: Sofije T. ist Klientin unserer Partnerorganisation Medica Gjakova. Ihre Geschichte ist traurig und macht gleichzeitig Mut:

Sofije T. lebt mit ihrem Mann und fünf Kindern außerhalb von Gjakova im Kosovo. Bis heute denkt sie, dass sie eigentlich gar nicht verheiratet ist, weil sie damals kein Brautkleid trug.

Damals, das war im Kosovokrieg 1999. Ihr Vater verheiratete sie, als sie gerade 14 Jahre alt war, in der Hoffnung, ihr Ehemann könne sie schützen. Doch als die Soldaten kamen, waren Sofije und ihre Schwiegermutter alleine zu Hause.

„Gegen 30 Männer konnte ich nicht kämpfen. Ich habe mich gewehrt, den einen am Arm gepackt, aber ich konnte nicht entkommen.“

Vier der Männer vergewaltigten sie. Während des Kosovokrieges wurden schätzungsweise 20.000 Frauen vergewaltigt. Bis heute gibt es für Überlebende sexualisierter Gewalt keinerlei öffentliche Anerkennung oder Entschädigung für das erlittene Unrecht.

Eine Kriegsrente für Überlebende

Die heute 33-jährige Sofije ist Klientin unserer Partnerorganisation Medica Gjakova im Kosovo. Zusammen mit der kosovoarischen Frauenrechtsorganisation kämpfen sie für eine Rente für Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden. Zwar ist eine monatliche Rente für Überlebende geplant aber die politische Umsetzung stockt.

"Die Rente bedeutet mir viel. Sie wird meinen Geist nicht heilen und auch nicht meine Psyche. Aber ich werde regelmäßig meine Medikamente kaufen und den Kindern einige Wünsche erfüllen können“, sagt Sofije und richtet sich auf. Ein Lächeln breitet sich auf ihrem runden Gesicht aus.

„Mein Kopf blutet, mein Körper blutet“,

erwidert Sofije auf die Frage, wie es ihr geht. Die Täter schnitten ihr mit Messern in die Beine. Ein Loch an ihrem Hinterkopf zeugt vom Schlag mit einem Gewehrkolben. Ärzte diagnostizierten Epilepsie und im letzten Monat einen Herzinfarkt. Erst 2013, fast 15 Jahre nach der Tat, erfährt Sofije von der Unterstützung durch Medica Gjakova. Die Einzelgespräche und Gruppenangebote mit der psychosozialen Beraterin Fehmije Luzha tun ihr gut, sagt sie.

Die Frauenrechtsarbeit von Medica Gjakova

Gynäkologinnen und Beraterinnen von Medica Gjakova suchen mehrmals im Monat die Dörfer rund um die Stadt auf. Bei diesen Veranstaltungen informieren sie über Gesundheitsfragen oder häusliche Gewalt und bauen so Vertrauen auf. Später sprechen sie das Thema sexualisierte Gewalt an. Sofije besuchte eines dieser Treffen: „Ich habe begriffen, dass es einen Ort gibt, um meinen Schmerz zu teilen und wo alles vertraulich behandelt wird.“

Sofije spricht über die Gewalt an Frauen

Es dauerte sechs Monate, bis die junge Frau bereit war, über das Erlebte zu sprechen - zunächst in Einzelterminen, später in einer der Gruppen von Medica Gjakova. "Wir treffen uns alle zwei Wochen und oft kann ich es kaum erwarten."

Wenn es ihr zwischendurch schlecht geht, greift sie zum Telefon. "Sie sagt, meine Stimme beruhigt sie", berichtet ihre Beraterin Fehmije. In einer der Gruppensitzungen hört Sofije zum ersten Mal von der Kriegsrente. Wieder zuhause spricht sie mit ihrem Mann. Er weiß von den Vergewaltigungen, sie hat es ihm erzählt. Er unterstützt und ermutigt sie.

"Ich möchte die Rente beantragen. Davon könnte ich die Medikamente bezahlen, die ich dringend brauche". Bevor Sofije von Medica Gjakova erfuhr, verließ sie kaum das Haus. Die Unterstützung von Medica Gjakova hilft Sofije: "Ich lerne Stopp zu sagen und wie ich mich in Gesprächen verhalten oder diskutieren kann. Aber die Erfahrung tut nach wie vor weh."

Um ihre Stimme hörbar zu machen reiste Sofije zur Frauenrechtskonferenz 'Empower Women Now' in Gjakova und erzählte dort vor PolitikerInnen und BotschafterInnen ihre Geschichte.

"Ich möchte, dass unsere Stimme gehört wird. Nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt.“

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt.
Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

 

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