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24. August 2017

Frauenrechts-Heldin Shakiba: „Ich werde nie schweigen"

Wenn sie früh morgens zur Arbeit aufbricht, überlegt sich Shakiba Amiri gut, welchen Weg sie nimmt. Die richtige Route kann über Leben und Tod entscheiden. Es ist gefährlich in ihrer Heimatstadt Kabul unterwegs zu sein. Fast täglich erschüttern Anschläge die Hauptstadt. Im Büro von Medica Afghanistan gingen bislang nur ein paar Scheiben zu Bruch. Die Sicherheitslage ist eine große Belastung für die Frauenrechtsverteidigerinnen von Medica Afghanistan. Doch entmutigen lassen sie sich nicht. Die 26-jährige Juristin Shakiba Amiri setzt sich bei Medica Afghanistan dafür ein, dass Frauen und Mädchen Gerechtigkeit erlangen.

„Ich wollte immer schon den Frauen helfen, die sonst keine Unterstützung erhalten, aber vielerlei Arten von Gewalt ausgesetzt sind“, beschreibt Shakiba Amiri, was sie antreibt. „Ich konnte nie nachvollziehen, wie Menschen, besonderes Männer, so etwas tun können – es sind doch ihre Frauen, Schwestern, Mütter.“ Also beschloss sie Anwältin zu werden und die betroffenen Frauen mit Hilfe von Gesetzen aus der Gewalt zu befreien. Denn alle Menschen, so Amiri, haben laut Verfassung die gleichen Rechte. Warum sollten die Gesetze also nur Männern zugutekommen?

Shakiba Amiri studierte in Kabul Jura, nahm am Nachwuchsprogramm der Menschenrechtsorganisation Global Rights teil und besuchte Kurse zu geschlechtsspezifischer Gewalt, Scharia, Opferrechten und Forensik.

Sicherheitslage in Afghanistan

Seit vier Jahren gehört die 26-Jährige zum Rechtshilfeteam von Medica Afghanistan. Ihre Familie unterstützt ihren Einsatz, auch wenn sie sich oft um ihre Sicherheit sorgt. Allein im ersten Halbjahr 2017 kamen in Afghanistan mehr als 1.600 Zivilisten bei Gefechten und Anschlägen ums Leben. Zu ihrem eigenen Schutz spricht Shakiba nie mit Fremden über ihre Arbeit. Vor dem Weg zu Gericht oder ins Büro studiert sie die aktuelle Sicherheitslage, um Risiken zu vermeiden. Schon allein aus Liebe zu ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann.

Jurstinnen kämpfen für Frauenrechte in Afghanistan

Es ist ein verantwortungsvoller Job für die junge Juristin. Das Rechtshilfeteam von Medica Afghanistan berät Klientinnen, die als Angeklagte vor Gericht stehen, als auch Frauen, die wegen erlebter Gewalt selbst Anklage erheben wollen. Etwa sechs Klientinnen sieht Shakiba pro Tag bei Medica Afghanistan, bei Gericht oder im Gefängnis. Die meisten Frauen werden des Ehebruchs beschuldigt, andere müssen sich wegen Mord oder Drogendelikten verantworten. Andere Frauen wollen sich aufgrund häuslicher Gewalt scheiden lassen und kämpfen für Unterhalt und Sorgerecht für die Kinder. Als Verteidigerin begleitet Shakiba die Frauen durch alle Instanzen, studiert die Anklageschriften, sammelt Beweise und Zeugenaussagen und berät die Betroffene.

Unterstützung für inhaftierte Frauen in Afghanistan

Jede Woche besucht Shakiba Amiri Inhaftierte Frauen im Gefängnis, um sie über den Stand des Verfahrens auf dem Laufenden zu halten. Zugleich vermittelt sie die Frauen an die psychosozialen Beraterinnen und Sozialarbeiterinnen von Medica Afghanistan, die ihnen in der schwierigen Situation beistehen. Denn häufig leiden die Frauen in der Haft unter Isolation, weil ihre Familien den Kontakt abgebrochen haben und sie nicht wissen nicht, wie es ihren Kindern geht, aber auch unter Diskriminierung durch das Anstaltspersonal.

Häusliche Gewalt bekämpfen und traumatisierte Frauen unterstützen

Viele der Frauen, die oft jahrelang von ihrem Ehepartner oder anderen Familienmitgliedern geschlagen, gedemütigt oder vergewaltigt worden sind, sind zudem schwer traumatisiert. Besonders schätzt Shakiba Amiri daher den interdisziplinären Ansatz von Medica Afghanistan. Neben der Rechtshilfe erhalten ihre Klientinnen psychosoziale Beratung, um das Erlebte zu verarbeiten und Kraft und Stabilität zurückzugewinnen. Zugleich ist die Nachbetreuung durch eine Sozialarbeiterin gesichert.

Mit dem Gesetzbuch gegen Gewalt

 Ein Großteil der Fälle, in denen Gewalt eine Rolle spielt, nehmen Bezug auf das sogenannte „EWAV Law“, das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, das 2009 verabschiedet wurde. Das Gesetz ist ein Meilenstein im traditionell geprägten afghanischen Rechtssystem und trägt dazu bei, Frauen, die Gewalt erfahren haben, besser zu schützen und aus gewaltsamen Lebenssituationen zu befreien. Mehrere Hundert Fälle wurden seit Inkrafttreten von dem eigens eingerichteten Gericht in Kabul verhandelt. Dem Unrecht, dem Shakiba Amiri täglich bei ihrer Arbeit gegenübersteht, begegnet die engagierte Anwältin mit Gesetzen. „Ich nutze, alle Mittel, die das Gesetz zur Verfügung stellt, so gering sie auch sein mögen, um gegen Gewalt anzugehen“, sagt sie.

„Ich werde niemals schweigen, wenn ich Unrecht an Frauen sehe.“

 Erfolge des Rechtshilfeteams von Medica Afghanistan

  • 49 strafrechtlich verfolgte Frauen wurden 2016 nach der Vertretung durch Medica Afghanistan freigesprochen oder aus der Haft entlassen. Für 87 Frauen konnte eine Strafminderung erwirkt werden.
  • In 27 Verfahren hat das Rechtshilfeteam von Medica Afghanistan Anklagen gewaltbetroffener Frauen vor Gericht vertreten.
  • 183 Frauen hat Medica Afghanistan in Zivilprozessen unterstützt. Davon wurden 116 Fälle wurden zugunsten der Klientinnen entschieden, in 16 Fällen Schlichtungen vereinbart.
  • Zudem fanden 242 Familienmediationen in den Beratungszentren von Medica Afghanistan statt.

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

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Helene Batemona-Abeke empowert geflüchtete Frauen in Köln-Ehrenfeld

Sofije wurde im Kosovokrieg vergewaltigt. Heute engagiert sie sich für Gerechtigkeit für Frauen, die Gewalt überlebt haben.