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11. Oktober 2017

Frauenrechts-Heldin Rita Süßmuth: „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann“

„Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann“ – auf dieses Zitat von Rita Süssmuth beruft sich unsere Gründerin Monika Hauser gerne und häufig. Beide Frauen verstehen Feminismus als Akt der Solidarität und des beharrlichen Engagements für Frauenrechte. Rita Süssmuth war von 1985 bis 1988 Bundesministerin und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages. Bei einem Besuch im Kosovo 2002 lernt sie die Arbeit von medica mondiale kennen, 2008 unterstützt sie unsere Aufklärungskampagne „Im Einsatz“. Wir sprachen mit der 80-jährigen CDU-Politikerin über Quoten und Bollwerke gegen Antifeminismus.

Wie sind Sie zur Anwältin von Frauen geworden?

Die 68er haben mich sehr geprägt in meinem politischen Denken. Damals ist mir deutlich geworden, wie es tatsächlich in der Welt bestellt ist um das Ansehen und die Rechte der Frau. Eine Feministin ist eine Anwältin von Frauen, sie bezieht klar Stellung für die Lebenslagen der Frauen, für ihre Rechte und die Durchsetzung der Rechte. Das heißt nicht, dass sie gegen Männer sein muss. Im Gegenteil, es geht darum, viele Männer zu gewinnen, um gemeinsam die Rechte von Frauen zu stärken – politisch und im Umgang miteinander. Auch in Deutschland bewegen wir uns da manchmal im Schneckentempo.

Was denken Sie wenn sie heute junge Frauen in T-Shirts sehen, auf denen in Großbuchstaben „Feministin“ steht?

Mir geht durch den Kopf: Es gibt sie also, diejenigen, die sich wagen und das auf ihr T-Shirt schreiben und dafür nicht nur Wertschätzung und Anerkennung erfahren. Ich sehe auch, sie provozieren damit. Es muss Bollwerke gegen die antifeministische Bewegung in Europa und in der ganzen Welt geben.

Würden Sie ein solches T-Shirt tragen?

(Zögern) Ja. Ich habe mir gerade vorgestellt, ich würde dort, wo ich wohne, in diesen T-Shirt erscheinen. Dazu gehört Mut. Ich würde niemandem raten, das alleine zu tun, sondern in einer Gruppe. Die Einzelne muss damit rechnen, erneut diskriminiert zu werden als eine nicht-erträgliche Frau. Also: möglichst in einer kleinen oder größeren Gruppe. Überall auf der Welt hören Frauen gegenwärtig „Ihr wollt zu viel“. Früher hieß es immer „Ihr wollt zu viel auf einmal“. Die Hälfte müssen Frauen sein. Wieso ist das eine Unverschämtheit? Es ist eine Selbstverständlichkeit.

Früh haben sie sich für medica mondiale engagiert. Wie haben Sie die Berichterstattung in den 90ern über die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg erlebt?

Ich war betroffen vom Leid der Frauen, den Vertreibungen, der brutalen Behandlung. Die Berichterstattung war zwingend notwendig. Sie hat in den europäischen Staaten ausgelöst, dass wir – die Frauen – tätig werden müssen. Und was haben wir heute? Wenn ich mir den sogenannten IS anschaue, dann sehe ich nicht, dass wir bei den Menschenrechten erheblich weitergekommen sind. Sondern wir erleben einen Rückfall, dem wir oft ohnmächtig gegenüberstehen.

Warum fehlt immer noch der politische Wille, Frauenrechte weltweit konsequent durchzusetzen?

Wir sehen gerade wieder einmal, wie sehr Krieg verbunden ist mit Gewalt und Vergewaltigungen. Was nützen Frauenrechte auf dem Papier, wenn sie auf der Flucht keinen Schutz bieten? Es gibt Parallelen zwischen dem Bosnienkrieg und heutigen Konflikten: im Einsatz der Mittel, in der Unterdrückung, in der Gewalt gegen Frauen. Sind wir weitergekommen in der Verurteilung jeglicher Form von Gewalt? Sind wir weitergekommen in der Toleranz und wechselseitigen Anerkennung dessen was der andere glaubt, denkt, fühlt und vertritt? Das sind wir nicht.
Ich sehe, dass Frauen sich zusammengeschlossen haben und stärker werden. Ich wünsche mir eine breite Bewegung von Frauenorganisationen, so dass niemand mehr wagt, Frauenrechte zu negieren oder zu missachten.

 

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

 

Weitere Frauenrechts-Heldinnen:

Elisabeth Selbert, Mutter der Grundgesetztes

Helene Batemona-Abeke empowert geflüchtete Frauen in Köln Ehrenfeld

Die Afghanische Anwältin Shakiba Amiri, verteidigt Frauenrechte vor Gericht