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17. Februar 2017

Frauenrechts-Heldin aus Uganda: Grace Arach

Am Ende des Bürgerkriegs gründete Grace Arach eine unabhängige Frauenrechtsorganisation in Uganda. Seit zehn Jahren flickt ihre Organisation einen Teil der Nachkriegsgesellschaft wieder zusammen, indem sie Frauen und Familien stärkt. Wie hat die beeindruckende junge Frau es geschafft ihre Energie und ihr Lachen trotz vieler Schwierigkeiten und Hindernisse zu behalten?

Die junge Frau aus Uganda sitzt in einem Besprechungsraum in Köln und lacht. Ihr Lachen hört sich an, als könne es Beton brechen. Mit ihr sieht sogar das graue Büro nach einem lebensbejahenden Ort aus, so sehr überstrahlt sie die Raufasertapete und das Kölner Herbstwetter.

Grace Arach heißt die junge Uganderin, die seit 10 Jahren lokale Partnerin von medica mondiale ist. „Foundation for Women Affected by Conflicts“ (FOWAC) heißt die Organisation, die sie 2007 gründete und die seitdem das Leben von hunderten Frauen in Norduganda verbessert.

Im Herbst letzten Jahres reiste Grace nach Deutschland, um sich mit anderen Partnerinnen von medica mondiale über ein feministisches Führungsverständnis auszutauschen. Doch bevor der Workshop beginnt, nimmt sie sich Zeit, ihre Geschichte zu erzählen:

KindersoldatInnen zurück in die Familien holen

Die Geschichte von Grace und FOWAC beginnt noch während des Bürgerkriegs in Uganda. Schätzungsweise 66.000 Kinder und Jugendliche wurden während des 20-jährigen Bürgerkriegs entführt, ZivilistInnen getötet, verstümmelt, vergewaltigt und gefoltert. 90 Prozent der Bevölkerung waren Vertriebene in ihrem eigenen Land.

Als junge Sozialarbeiterin arbeitete Grace in einer Auffangstation für ehemalige KindersoldatInnen, die aus der Gefangenschaft der Lord’s Resistance Army fliehen konnten. Fast alle diese Kinder im Alter zwischen neun und 17 Jahren haben Menschen getötet. Alle diese Kinder sind aufgewachsen in einer Realität, die schrecklicher ist als jeder Alptraum. Und selbst wenn die Realität sich ändert, die Kinder fliehen konnten, blieben die Alpträume.

Grace hörte sich die Geschichten der Kinder an.

„Manchmal dachte ich, dass ich verrückt werde“, erinnert sie sich an diese Zeit.

„Die Angst und die Ablehnung trieben viele der Kinder zurück in den Busch“, erzählt sie. Deshalb ging es bei ihrer Arbeit vor allem um die Zusammenführung von Familien. Ehemalige zwangsrekrutierte Mädchen und Jungen, die wieder einfach nur Kinder und Jugendliche in ihren Familien sein sollten.Das war für beide Seiten schwer. Doch Grace schaffte es mit Geduld und Überzeugungskraft einen Weg zu finden, der die Familien zusammenführte.

Grace reist nach Deutschland

Zwei deutsche Dokumentarfilmer werden 2003 in der Caritas-Auffangstation auf Grace aufmerksam und begleiten fortan ihre Arbeit. Daraus entstand 2005 die preisgekrönte Dokumentation „Lost Children.“ Grace reiste mit den Filmemachern nach Deutschland, um auf das Schicksal der KindersoldatInnen aufmerksam zu machen. Bei ihrer Reise traf sie Kirsten Wienberg von medica mondiale. „Sie ist mir aufgefallen, ich war sehr beeindruckt von ihrer Energie“, erinnert sich Kirsten heute. Damals versprach sie der jungen Sozialarbeiterin Unterstützung und das erste Projekt von Grace und medica mondiale wurde verwirklicht. Beide Organisationen sahen den großen Unterstützungsbedarf, den die Frauen und Mädchen in der Konfliktregion bei ihrer Rückkehr aus den Flüchtlingslagern in ihre Dörfer hatten.

Gründung von FOWAC: Frauen und Mädchen nachhaltig stärken

Am Ende des zeitlich begrenzten Projektes fragt sich die junge Uganderin, wie sie langfristig das Leben von Frauen und Mädchen, die vom Bürgerkrieg betroffen sind, erleichtern kann.

„Was braucht es, um eine eigene Organisation zu gründen?“, fragte sie sich.

Die lokalen Autoritäten in Kitgum, einer Stadt im Norden Ugandas, müssen sie für naiv gehalten haben – doch stoppen konnten sie Graces‘ Vorhaben nicht. Nach einer Woche steht ihr Plan: Die neue Organisation wird Frauen, die sexualisierte Kriegsgewalt, Verschleppung und Versklavung überlebt haben bei der schwierigen Rückkehr in ihre Gemeinschaft unterstützen.

Es fehlt nur noch der Name. „Foundation“ stand von Anfang an fest, erinnert sich Grace, das heißt Stiftung aber auch Fundament. Zu Beginn hieß die Organisation dann “Foundation For Women Affected by Conflict”. Zunächst bekommt Grace Unterstützung von UNICEF, vor allem aber von befreundeten jungen Müttern, die nach dem Bürgerkrieg aus der Gefangenschaft zurückkehrten und mit ihr FOWAC aufbauen. „Leider sind viele von ihnen früh gestorben“, erzählt Grace mit Schmerz in den Augen. Doch sie haben FOWAC so stark gemacht, dass ich weitermachen konnte.“

Grace reichte einen neuen Projektantrag bei medica mondiale ein und bekam 5.000 € bewilligt. Davon kaufte sie unter Anderem Ochsen, die den Frauen bei der Feldarbeit halfen. Grace erzählt: „Die Ochsen leben immer noch.“ Und dann lacht sie wieder ihr Lachen, das laut JA lacht, trotz allem.

FOWAC entwickelt sich

„Schon kurze Zeit später besuchte uns eine Mitarbeiterin von medica mondiale, die mit uns über neue Projekte sprechen wollte.“ Daraus entstanden die FOWAC-Frauengruppen. In den Gruppen schließen sich Frauen, die Gewalt erleben mussten zusammen und sparen kleine Geldbeträge. Mit Mikro-Krediten können sie zum Beispiel eigene kleine Läden eröffnen oder Hühner kaufen. Ihre ökonomische Situation verbessert sich spürbar, die neue Unabhängigkeit der Frauen stärkt sie.

Zusätzlich bieten die FOWAC-Mitarbeiterinnen psychosoziale Gruppenberatung an. Zuhören in der Gruppe, Verständnis, Austausch und Solidarität helfen den Frauen aus schwierigen Situationen, die sie in der Vergangenheit erlebt haben oder mit denen sie aktuell konfrontiert sind.

Schwierigkeiten und Hindernisse

Leicht war der Aufbau von FOWAC trotz der Unterstützung von Freundinnen und medica mondiale nicht. Einmal stand die ganze Organisation schon kurz vor dem Aus: Als Grace nach einem Jahr Auslandsstipendium in Australien wieder nach Kitgum kam, war ihre blühende Organisation fast zerbrochen. Ihre Vertretung hatte viel Schaden angerichtet, Vertrauen missbraucht und wichtige Dokumente und Urkunden mitgenommen. Grace überkommt jetzt noch der Schmerz und die Verzweiflung, wenn sie über diese Zeit spricht.

„Wir wussten nicht, wie wir das alles schaffen sollten.“

Doch Grace und ihre Kolleginnen hatten die Stärke, die Organisation wiederaufzubauen. „Wenn jetzt Schwierigkeiten auftauchen, dann sagen wir: ‚Probleme sind Chancen, und wir sind schon dabei, eine Lösung zu finden.‘“ Zu dieser Zeit benannten sie FOWAC um. Aus „Women Affected By Conflict“ wurde „Women Affected By Conflicts“. „Es geht nicht nur um einen Konflikt. Es sind immer mehrere: politische, kriegerische, gesellschaftliche, familiäre Konflikte. Auch Konflikte mit sich selber“, begründet Grace die Entscheidung für die Namensanpassung.

Die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die eigenen Erfahrungen im Bürgerkrieg, nichts konnte Graces Zuversicht trüben. Im Gegenteil: es ist diese milde, immer noch verletzbare Menschlichkeit, die ihre einnehmende Persönlichkeit ausmacht. Es ist die gleiche Menschlichkeit, die sie beharrlich seit vielen Jahren in das Bürgerkriegsland bringt. Trotz der belastenden Arbeit und den belastenden Geschichten.

“Wir können viel bewegen, weil wir uns hier auskennen und die Frauen kennen“

„Heute ist FOWAC der lebende Beweis, dass wir vor allem Zeit und Energie brauchen, um hunderten Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten, eine Perspektive zu geben, die sie jetzt leben können“ freut sich Grace. „Wir sind zwar nur eine kleine Organisation, aber wir können so viel bewegen, weil wir uns hier auskennen und die Frauen kennen.“

Dieses Jahr feiert FOWAC zehnjähriges Bestehen und „unsere Vision verwirklicht sich weiter und weiter.“

 

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

 

 

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