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09. März 2017

Frauenrechts-Heldin aus Liberia: „Ich bin gut darin, andere Frauen zu motivieren“

Theresa Dunbar arbeitet seit fast zehn Jahren als psychosoziale Beraterin für Medica Liberia. Vorher war sie "eine ganz gewöhnliche Frau im Dorf". Heute ist sie für drei Bezirke in Sinoe, einer Region im Südosten Liberias, zuständig und prägt den Kampf um bessere Frauenrechte mit. Lena Reul von medica mondiale sprach mit ihr während eines Projektbesuchs. Sie war begeistert von der Energie und Leidenschaft, mit der Theresa hinter ihrem Einsatz für Frauen in Liberia steht.

„Ich bin seit 2008 bei Medica Liberia. Ich war eine ganz gewöhnliche Frau in meinem Dorf, als Medica Liberia damals in unserer Gemeinde mit Informations- und Aufklärungsveranstaltungen begann. Wir Frauen nahmen es bis dahin als etwas Normales hin, dass Männer ihre Frauen schlagen und gewalttätig sind. Medica brachte uns zum Nachdenken. Uns wurde bewusst, dass wir Frauen auch Rechte haben."

Ausbildung zur psychosozialen Beraterin

"Ich schloss mich einer Selbsthilfegruppe an und engagierte mich zunächst ehrenamtlich in meiner Gemeinde. Im Februar 2008 nahm ich als freiwillige Gemeindehelferin das erste Mal an einem Training von Medica Liberia teil. Wenig später wurde ich als Nachwuchskraft ausgewählt und konnte die Ausbildung zur Beraterin beginnen. Während der Zeit habe ich vor allem Hausbesuche gemacht. Seit 2016 bin ich als voll ausgebildete psychosoziale Beraterin auf Distriktebene tätig.“

„Vorher wusste ich gar nicht, was in mir steckt, über welche Kräfte ich verfüge und was ich aus mir herausholen kann. Ich bin gut darin, andere Frauen zu motivieren. Ich wusste, dass ich eines Tages in der Lage sein würde, anderen zu helfen und andere zu unterstützen.“

Frauen nehmen Entscheidungen selber in die Hand

„Als ich als Freiwillige in der Gemeinde begann, habe ich erkannt, dass ich als Frau einen Auftrag habe, dass ich ein Licht für andere Frauen sein kann. Meinem Mann habe ich klargemacht, dass er mich nicht davon abhalten kann. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich sehen, wie die Motivation der Frauen über die Jahre gewachsen ist. Frauen nehmen Entscheidungen jetzt selbst in die Hand. Als Distriktberaterin begleite ich die Solidar- und Unterstützungsgruppen in den Gemeinden und auf Distriktebene. In jeder Gemeinde gibt es vier bis fünf Ansprechpartnerinnen, die ich anleite, ebenso wie Männer, die sich für Frauenrechte engagieren. Außerdem gebe ich Trainings. Die Frauen in den Gemeinden kennen mich.“

„Ich mag fast alles an meiner Arbeit. Meine Arbeit ist meine Leidenschaft. Doch am Anfang war es wirklich hart.“

„Die Männer arbeiteten und verdienten das Geld für die Familie. Viele Männer hatten mehrere Frauen und Freundinnen. Inzwischen aber sind die Frauen gebildeter und mutiger geworden. Die meisten können jetzt ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten. Männer können sie nicht mehr runterziehen. Vorher waren die meisten Frauen finanziell abhängig von der Unterstützung der Männer, um die Kinder zu versorgen. Der Zugang zu Ressourcen ist allerdings nach wie vor eine der größten Herausforderung für Frauen. Vor allem wenn Frauen sich allein auf die Männer verlassen.“

„Mit vielem, was wir erreicht haben, bin ich zufrieden. Aber nicht vollständig. Wir haben noch keinen tiefgreifenden Verhaltenswandel erreicht. Wirklich nachhaltige Verhaltensänderungen geschehen nicht über Nacht, sondern brauchen Zeit. Aber ich bin mir sicher, eines Tages wird es soweit sein. Und es wird gut sein.“

„Ich erinnere mich an eine Überlebende, die verlassen und ausgestoßen worden war. Sie war immer völlig abhängig von Männern. Inzwischen steht sie auf eigenen Füßen. Es war jemand für sie da, der ihr zur Seite gestanden hat. Das macht uns aus: Wir begleiten die Frauen längerfristig. Wir lassen sie nicht im Stich und drehen ihnen den Rücken zu, sondern begleiten sie so lange, bis wir sicher sind, dass sie es aus eigener Kraft schaffen."

Leidenschaftliches Engagement

"Wenn wir Frauen für die Leitung der Selbsthilfegruppen auswählen, suchen wir Frauen aus, die sich mit Leidenschaft engagieren, die andere motivieren und begeistern können. Das ist unser vorrangiges Auswahlkriterium. Wenn wir jetzt die Gruppen besuchen, sehen wir, dass sich die Selbsthilfegruppen inzwischen selbst organisieren und beispielsweise ihre eigenen Berichte schreiben. Sie sind stolz auf die Organisation, stolz darauf Teil einer Nichtregierungsorganisation mit einem eigenen regionalen Büro in Greenville zu sein.“

„Wichtig ist jetzt, die Arbeit fortzusetzen und dranzubleiben. Wir werden die bestehenden Gruppen weiter begleiten und ihre Motivation auffrischen, damit die Gruppen nachhaltig bestehen bleiben. Unser großes Ziel ist immer noch, dass Frauen frei von sexualisierter Gewalt leben können.“

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

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