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06. Juni 2016

“Frauenrechte werden bei den Friedensverhandlungen als Aushängeschild benutzt”, sagt Saifora Paktiss von Medica Afghanistan

Im April hatten vier Mitabeiterinnen von Medica Afghanistan die Möglichkeit, das medica mondiale Büro in Köln zu besuchen. Sie trafen Kolleginnen der Kommunikationsabteilung, um ihre Erfahrungen und Eindrücke zu teilen über ihre Arbeit, die Alibi-Politik der afghanischen Regierung und wie Frauen trotz vielerlei Hindernissen optimistisch bleiben.

Wir sprachen mit Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan, der stellvertretenden Direktorin Saifora Ibrahim Paktiss, Helai Sohak, Leiterin des Büros in Mazar-e-Sharif und Vida Faizi, Leiterin der Abteilung Psychosoziale Beratung und Gesundheit.

Zu Frauenrechten in Afghanistan: was sind die größten Hoffnungen und Ziele für die nahe Zukunft?

Saifora Paktiss: “Wir hoffen, zusammen zu kommen, zusammen zu arbeiten und vereint zu sein, um zusammen zu stehen und einen Wandel hervorzubringen. Ich meine, wir kennen all die Herausforderungen, denen wir in unserem Land gegenüberstehen, doch trotz allem haben wir immer noch Hoffnung.“

Welche Herausforderungen für Frauen in Afghanistan meinen Sie?

Saifora Paktiss: “Das Gute an dieser Regierung ist: Frauenquoten wurden anerkannt und umgesetzt. Sei es basierend auf bestimmten Kriterien oder nicht, die Versprechungen, Frauen in verschiedene Positionen auf Entscheidungsebene zu bringen, wurden erfüllt. Und das war zumindest eine Geste. Was in unserer Gesellschaft und in der Regierung in Bezug auf Frauenrechte fehlt, ist Einigkeit und Koordination und gegenseitige Unterstützung.“

Können Sie genauer beschreiben, wie Frauenquoten eingeführt wurden?

Saifora Paktiss: “Die Frauen, die für verschiedene Schlüsselpositionen ernannt wurden, hatten wahrscheinlich zuvor Verbindungen zu anderen politischen Institutionen. Sie kommen nicht direkt aus Frauenrechtsorganisationen, was schade ist. Ehrlich gesagt, wenn ein Land seit 30 bis 40 Jahren im Krieg ist und immer noch ein Konfliktgebiet ist, kann man nicht an die Spitze treten und sagen ‚Ich bin eine Menschenrechtsaktivistin’, das wäre nicht ehrlich. Es gibt nur Frauen in den höheren Positionen, weil sie Verbindungen zur einflussreichen politischen Klasse haben.“

Was sind die Konsequenzen dieser „Alibi-“ Frauenquoten in politischen Schlüsselpositionen?

Saifora Paktiss: “In Bezug auf Friedensgespräche zum Beispiel. Frauenrechte werden als Aushängeschild während der Friedensgespräche benutzt. Es werden dort keine Frauenrechte erwähnt, keine Frau nimmt teil, es gibt keinen bedeutenden Beitrag von Frauen zu diesem Prozess. Frauenrechte sind nur ein Etikett, weil die internationale Politik sie etablieren möchte. Sie sind nur ein Symbol. Nichts desto trotz gibt es inzwischen Frauen in afghanischen Institutionen, zum Beispiel im Innenministerium, Verteidigungsministerium oder Bildungsministerium. Wir haben Präsidentinnen, Ministerinnen und viele andere Vize-Ministerinnen und Botschafterinnen. Doch die Wahrheit ist, keine von Ihnen macht wirklich den Mund auf, bewirkt etwas oder trägt zum Wandel bei. Wir haben Hoffnung und wir arbeiten daran, unserer Regierung richtige und starke Kandidatinnen bereit zu stellen. Dies ist eine Herausforderung, der wir gegenüberstehen.“

Humaira, welche Herausforderungen sehen Sie im Kampf für Frauenrechte in Afghanistan?

Humaira Rasuli: “Ich würde sagen, dass es hohe Barrieren gibt, wenn man das extremistische Denkweise herausfordert und auch manche dieser Kriegsherren, die in offiziellen Positionen sind. Ihre Auffassung von Frauenrechten ist sehr schwach. Und sie akzeptieren Frauenrechte nur auf dem Papier, weil sie müssen, wegen dem Druck der internationalen Gemeinschaft. Und sogar mit unserer aktuellen Regierung – ich bin sehr misstrauisch gegenüber ihrem politischen Willen.“

Wie beeinflusst dieses schwache Verständnis von Frauenrechten Ihre Arbeit?

Humaira Rasuli: „Wir müssen sehr diplomatisch sein, wenn wir mit politischen Akteuren sprechen. Und wir müssen verschiedene Themen vertreten, um unsere Ziele zu erreichen. Wenn du über Frauenrechte und die Gleichberechtigung, auf die wir aus sind, zu sehr ins Detail gehst, verstehen sie dich nicht. Sie werden deine Punkte als Integration eines „westlichen Ansatzes“ in unsere traditionelle Gesellschaft interpretieren. Und selbst wenn du sie überzeugst, werden sie als Reaktion darauf eine Menge Probleme schaffen. Zum Beispiel schaffen sie viele administrative Prozesse, denen du folgen musst. Wir könnten tausend Beispiele nennen; sie wollen dir einfach Stress bereiten, sie schaffen mehr administrative Arbeit für dich und es gibt ohnehin schon eine Menge Bürokratie. Deswegen ist Lobbyarbeit heutzutage ein bisschen schwierig.“

Vida Faizi: “Zu dem was Humaira gesagt hat: Kürzlich hatten wir ein Training, zu dem sehr alte Menschen kamen, die für einen Wandel überhaupt nicht bereit waren, nicht einmal dazu, zu hören, was wir zu sagen hatten. Wir begannen, über Gender zu sprechen, über Frauenrechte, doch in ihrer Denkweise werden diese Konzepte als „westlicher Ansatz“ abgelehnt. Und sie suchten einfach nach Versen im Koran, um etwas gegen Frauen zu finden und dies zu präsentieren. Manche von ihnen sagten ‚die Brut der Gewalt war eine Frau! Der Beweis ist in diesem Vers.’ Und wenn wir das überprüfen, dann ist die Interpretation eine ganz andere. Und dann verhandeln wir das wieder und wieder und diskutieren mit diesen Männern. “

Beeinflusst dieser Umstand der Einschränkungen und der andauernden Verteidigung auch Ihren Körper und Ihre Psyche?

Humaira Rasuli: “Ja, es gibt eine beständige Bedrohung. Wir, als Frauen, wir können uns nicht frei im Land bewegen. Es ist eine Tatsache, dass die einzigen Schritte, die du in der Öffentlichkeit tust, von deiner Haustüre zum Auto und vom Auto zum Eingang des Büros sind. Das beeinflusst deine mentale Gesundheit sehr stark. Manchmal musst du dich so ausdrücken, wie es von dir erwartet wird. Du unterdrückst deine Gefühle, deine Grundhaltung und das beeinflusst dich wirklich sehr. Auf kurze Zeit ist das nicht sichtbar, aber es wirkt sich auf deinen Körper und deine seellische Gesundheit aus. Frauen- oder Menschenrechts-VerteidigerInnen werden diskriminiert, überwacht, gelenkt und abgestempelt. Zum Glück wurde bis jetzt keine von uns direkt angegriffen, aber es ist nur wenige Jahre her, dass wir bei einem Fernsehsender direkter physischer Gewalt ausgesetzt waren. Wie auch immer, ich persönlich habe keine große Angst. Denn was wir tun geht einher mit dem Verfassungsrecht und es stimmt überein mit der Scharia.“