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18. Mai 2017

Frauenrechte-Konferenz im Kosovo: "Vor 19 Jahren stand der Tod vor der Tür."

Seit fast 20 Jahren engagiert sich medica mondiale für Frauen, die während des Kosovokriegs sexualisierte Gewalt erlebt haben. Genauso lange warten betroffene Frauen auf Gerechtigkeit. Mechthild Buchholz, Pressesprecherin von medica mondiale, reiste gemeinsam mit Kolleginnen zur Konferenz "Empower Women Now", wo die Forderung nach einer Kriegsrente für betroffene Frauen lautstark wiederholt wurde. Ein Reisebericht.

Tag 1: Anreise in den Kosovo

Es ist ein langer Weg zur Gerechtigkeit. Deswegen sind wir heute Morgen früh aufgestanden und in den Kosovo geflogen. Wir, das sind Monika Hauser, unsere für Südosteuropa zuständige Kollegin Vera Haag-Arbenz und ich, die Pressesprecherin von medica mondiale. Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Medica Gjakova werden wir in den nächsten Tagen für die Rechte von Frauen kämpfen, die während des Kosovokriegs vergewaltigt wurden. Sie haben die Gewalt überlebt und warten seit fast 20 Jahren auf Gerechtigkeit. Zusammen mit Medica Gjakova setzen wir uns dafür ein, dass die Frauen eine Kriegsrente bekommen und Gerechtigkeit erfahren.

Tag 2: Die Kriegsopferrente für Frauen braucht Aufmerksamkeit!

Nach monatelanger Vorbereitung soll heute Vormittag unsere Pressekonferenz zu Frauenrechten im Kosovo stattfinden. Gemeinsam mit Medica Gjakova wollen wir lokale JournalistInnen über unsere Konferenz informieren und unsere Forderung nach einer Kriegsrente für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt bestärken. Doch die kosovarische Regierung verliert zeitgleich zu unserer Pressekonferenz ein Misstrauensvotum im Parlament. Das Parlament wird sich auflösen und Neuwahlen sind bereits angekündigt. Die Aufmerksamkeit der JournalistInnen und PolitikerInnen ist jetzt komplett auf das Parlament gerichtet und nicht auf die Situation der Frauenrechte. Das ist sehr bitter, denn die Rente braucht dringend die Aufmerksamkeit der Medien - um politisch Druck zu erzeugen, damit das Gesetz umgesetzt wird. Monika Hauser appellierte:

"Die Regierung soll endlich konstruktive Politik machen! Parteiinteressen dürfen die Themen rund um Gender und Frauenrechte nicht ständig verdrängen".

Tag 3: Die Konferenz als Ort der Solidarität

Den ersten Konferenztag erlebe ich als einen Tag der starken Worte: Knapp 100 Gäste folgten der Einladung. Monika Hauser berichtet von den Anfängen der Arbeit 1999 in einem Lager für Geflüchtete, von der Beratung der Betroffenen in einem Frauenzelt, von Solidarität. Anschließend spricht die ehemalige Präsidentin des Kosovo, Atifete Jahjaga. Ihr Dank gilt den Überlebenden, die bereit waren, ihre Geschichten zu teilen:

„Ihr seid der Motor unserer Arbeit, wir bewundern euren Mut und eure Stärke. Die Gesellschaft war und ist immer noch nicht bereit, eure schmerzhaften Erlebnisse zu hören. Wir wollen euch ermutigen, sie zu teilen.“

Überlebende sollten die beste Unterstützung bekommen, die eine Gesellschaft zu bieten hat, fordert der Botschafter Österreichs Gernot Pfandler in seiner Begrüßung. „Wir müssen respektieren, wenn eine Frau nicht sprechen will. Aber wenn sie sprechen will, dann mit der von ihr gewünschten Hilfe.“ Später am Tag betreten zwei Frauen die Bühne. Die eine ist psychosoziale Beraterin bei Medica Gjakova, die andere eine Klientin. Sie trägt ein von ihr verfasstes Gedicht vor. Vorher hatte die Beraterin die Geschichten Betroffener mit uns geteilt:

„Vor 19 Jahren stand der Tod vor der Tür. Wir durften nicht weinen, wir durften nichts fordern, wir sollten nicht sprechen. Jetzt fangen wir an zu sprechen.“

Es ist an der Zeit. Was zählt: Ihr seid nicht alleine.