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24. Mai 2016

„Frauenrechte in unserem Land haben nichts zu tun mit der An- oder Abwesenheit des internationalen Militärs”, sagt Saifora Paktiss, Medica Afghanistan.

Im April hatten vier Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan die Möglichkeit, das medica mondiale Büro in Köln zu besuchen. Sie trafen Kolleginnen der Kommunikationsabteilung und teilten ihre Erfahrungen über die Auswirkungen des Abzugs der internationalen Truppen auf den Alltag und auf die Frauenrechte in Afghanistan.

Wir sprachen mit Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan, der stellvertretenden Direktorin Saifora Ibrahim Paktiss, Helai Sohak, Leiterin des Büros in Mazar-i-Sharif und Vida Faizi, Leiterin der Abteilung Psychosoziale Beratung und Gesundheit.

Was denken Sie über die militärische Präsenz internationaler Truppen? Macht sie wirklich einen Unterschied für die Situation von Frauen?

Humaira Rasuli: "Ich denke, die internationale Gemeinschaft bewegte sich von Anfang an in die falsche Richtung. Wir bestanden die ganze Zeit auf den Wiederaufbau der Gesellschaft und auf Entwicklungszusammenarbeit. Dazu gehört auch, dass die internationale Gemeinschaft und ihre militärischen Truppen der nationalen Armee und der Polizei in Afghanistan helfen, ihre Kapazitäten aufzubauen, sie beratschlagen, ihnen assistieren. Das hat so nicht stattgefunden.

Anfang 2015, als die nationale Armee die Führung übernahm, wurden wir Zeugen einer Reihe von Fehlern, vieler Probleme. Die nationale Armee ist nicht in der Lage, Sicherheit zu gewährleisten. Der Fall der Provinz Kundus ist ein gutes Beispiel dafür. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind sehr abhängig von den internationalen Truppen."

 

Also haben die internationalen Truppen in der Vergangenheit die afghanische Armee und die Polizei nicht befähigt, die afghanische Bevölkerung – insbesondere Frauen – und ihre Rechte zu schützen?

Humaira Rasuli: "Im Moment sind wir am Boden. Die Menschen begrüßen die Anwesenheit der internationalen Truppen – zwar nicht ausgeweitet, doch als Unterstützung. Andernfalls hätten wir große Angst, dass beispielsweise die Befehlshaber das geltende Gesetz nicht beachten und die Anweisungen des Präsidenten nicht befolgen würden. Wenn die internationalen Truppen als Unterstützung da sind, hilft das dem Land, sich nicht auf eine Krise zuzubewegen.

Es gibt sogar Befürchtungen, dass manche der lokalen Militärgruppen oder der lokalen Polizei nicht für die nationale Armee arbeiten und sie – falls die Situation sich wie in Kundus verschärft – beginnen, die Rechte ihrer eigenen Gemeinschaft zu verteidigen. Das würde das Land sogar spalten und es würde eine große Krise geben. Wir müssen eine solche Krise im Land also unbedingt verhindern. Deswegen müssen die internationalen Truppen da sein, für qualitatives Training, Beobachtung und Unterstützung, damit die afghanische Armee ihre Kapazitäten nachhaltig aufbauen kann."

Was ist mit anderen Sicherheitsfaktoren wie Ausrüstung, Anzahl der Soldaten, Maßnahmen der afghanischen Regierung?

Humaira Rasuli: "Die afghanische Armee hatte eine Reihe Probleme mit ihrer Ausrüstung; sie haben nicht die selben Möglichkeiten wie die internationalen militärischen Truppen. Wir sehen auch, dass es in der Regierung eine große Fluktuation gibt. Es gibt nicht viele Personen, die zum Militär gehen. Stattdessen verlassen sie das Land. Wir kennen Menschen, die Hunger leiden, aber sie schicken ihre Jungen lieber ins Ausland, als sie Polizisten werden zu lassen. Im Moment passiert eine Menge in Bezug auf eine Reformierung der Justiz und der Sicherheitskräfte, aber es gibt nicht viel Hoffnung, dass sich die Situation mit der aktuellen Regierung verbessern wird."

Saifora Paktiss: "Ich würde noch gerne ein paar Dinge hinzufügen, zu dem was Humaira sagte. Zuerst muss ich klarstellen, dass Frauenrechte in unserem Land nichts zu tun haben mit der An- oder Abwesenheit des internationalen Militärs. Diese beiden Themen haben erstmal nichts miteinander zu tun.

Zweitens wurde zu Beginn des internationalen Eingreifens ein sehr schwaches ziviles Engagement aufgebaut. Die Maßnahmen für zivilen Wiederaufbau wurden der militärischen Strategie untergeordnet. Das brachte eine Menge großer Probleme mit sich.

 

Drittens: Die internationalen militärischen Truppen trainierten die afghanischen Kräfte, damit diese sie in ihrer Mission unterstützen und nicht, um unser Land zu verteidigen. Das ist ein großer Unterschied. Deswegen wurden sie nur als Unterstützung gehalten, wann immer internationale Vorhaben in unserem Land umgesetzt wurden. Als die internationalen Truppen dann unser Land verlassen sollten, gab es eine große Lücke der Kapazitäten zwischen den beiden, und das wurde dann deutlich."

Was sollten die internationalen Truppen Ihrer Meinung nach jetzt tun, um das afghanische Militär zu unterstützen?

Saifora Paktiss: "etzt übernimmt das afghanische Militär. Auf der anderen Seite wollen manche Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, wie Deutschland, einen Teil ihrer Angestellten in Afghanistan behalten. Was ist die jetzige strategische Situation?

Die Anwesenheit der internationalen Kräfte wird nicht die gleiche sein wie beim Einmarsch 2001 oder 2002 in Afghanistan. Ihr Einsatz sollte nun streng dazu dienen, unsere Verteidigungs- und Sicherheitsinstitutionen durch Aufbau unserer Kapazitäten und Training zu verbessern. Dies zum einen.

Zum anderen brauchen wir zielgenaue und strategische Überwachung der afghanischen Grenzen. Die größte Grenze, die wir mit Pakistan teilen – welche die problematische Grenze ist – als auch die Grenze zum Iran."

Helai Sohak: "Ich möchte nur eine Sache hinzufügen. Nachdem die internationalen Kräfte Afghanistan verließen, stand die Regierung einem Kontrollverlust in manchen abgelegenen Gegenden gegenüber, mit zunehmender Korruption und einem Mangel an Professionalität in Schlüsselpositionen innerhalb der Regierung, insbesondere in der Armee und dem Militär.

Dies alles führte dazu, dass Gewalt gegen Frauen so häufig ist wie nie. Beispielsweise stieg in 2015 die Zahl sogenannter „Wüsten-Gerichte“ (desert courts). Das bedeutet, dass die Taliban regelmäßig Gerichtsurteile aussprechen. Auch kam es in der nördlichen Region vermehrt zu sexualisierter Gewalt an Kindern nach dem Abzug der internationalen Truppen. Wie Humaira sagte: Wir brauchen sie als Unterstützung im Hintergrund."