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13. August 2009

Fortbildungsreihe: Trauma-Expertin Karin Griese im Interview

Seit Mai bietet medica mondiale erstmals in Deutschland Fortbildungen und Themenabende zum Thema Kriegsgewalt und Trauma an. Worum es dabei geht, welche Themen und Inhalte vermittelt werden und für wen die Trainings und Infoabende gedacht sind, darüber sprach medica mondiale mit Karin Griese – Fachreferentin für Trauma-Arbeit bei medica mondiale und Koordinatorin der Fortbildungsreihe.

medica mondiale: Im Mai fand die erste Fortbildung statt. An wen richten sich die Fortbildungen?

Karin Griese: Wir möchten mit dem Trainingsangebot unterschiedliche Zielgruppen ansprechen: Männer wie Frauen, Menschen, die sich schon lange mit diesen Themen beschäftigen, aber auch andere, die wenige Kenntnisse und Erfahrungen haben. für allgemein am Thema Interessierte bieten wir einführende Seminare zum Thema „Kriegsgewalt an Frauen, Trauma und Burnout“. Außerdem zeigen wir Dokumentarfilme, die sich mit Gewalt gegen Frauen, Unterstützungsprojekten und Widerstand in verschiedenen Ländern beschäftigen. Wie beispielsweise der im Juni gezeigte Film „Pray the devil back to hell“, bei dem es um die Frauenfriedensbewegung in Liberia geht. Im Anschluss an die Filme gibt es die Möglichkeit, über den Film und die Situation im Land sowie aktuelle Unterstützungsprogramme von medica mondiale mit unseren Mitarbeiterinnen zu diskutieren.

Mit unseren praxisorientierten Workshops richten wir uns eher an Personen, die sich in ihrem Arbeitsalltag oder durch ihr ehrenamtliches Engagement intensiver mit den Themen Gewalt gegen Frauen im Krieg in Berührung kommen. Zum Beispiel eine Gynäkologin oder Hebamme, die einen Auslandseinsatz im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit vor sich hat oder in Deutschland Flüchtlingsfrauen oder Migrantinnen behandelt. In den Workshops geht es vor allem um den Umgang mit den Folgen von Kriegsgewalt und Trauma oder den Schutz vor Burnout und so genannter Stellvertretender Traumatisierung.

Mit welchen Herausforderungen haben Fachkräfte in ihrer Arbeit mit traumatisierten Frauen und Mädchen aus Kriegs- und Krisengebieten am meisten zu kämpfen?

Fachkräfte sind oftmals verunsichert im Umgang mit traumatisierten Menschen, können ihre Verhaltensweisen und Reaktionen nicht einschätzen. So ist es zum Beispiel irritierend, wenn eine vergewaltigte Frau, die eine Aussage vor Gericht macht, scheinbar emotionslos von den schrecklichsten Erlebnissen berichtet – und sich gleichzeitig an bestimmte Details der erlebten Gewalt nicht erinnern kann. Oder eine Frau reagiert mit panischer Angst vor einer gynäkologischen Untersuchung und die Ärztin weiß nicht, wie sie sie beruhigen kann. Fachkräfte, die in Krisen- oder Nachkriegsregionen zum Einsatz kommen, arbeiten mit MitarbeiterInnen vor Ort, die selbst Jahrzehnte im Krieg gelebt haben und unter den psychischen Folgen leiden – wie zum Beispiel Konzentrationsschwierigkeiten, geringe Frustrationstoleranz, Schlafstörungen, häufige Kopfschmerzen. Es ist wichtig, dies einordnen zu können und im Arbeitsalltag einen angemessenen Umgang damit zu finden.

Welche Kompetenzen benötigen sie, um von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen adäquat zu unterstützen?

Eine Ärztin, Pflegefachkraft oder Hebamme muss in der Lage sein, Anzeichen für sexualisierte Gewalterfahrung zu erkennen und einzuordnen, um zum Beispiel eine falsche und unnötige – möglicherweise suchtfördernde – Medikation zu vermeiden. Sie sollte wissen, wodurch traumatische Ereignisse bei der Patientin wieder hochkommen können und wie sie so eine Retraumatisierung durch ihr eigenes Verhalten vermeiden kann. Wenn genau das während einer Behandlung passiert, muss sie wissen, was zu tun ist, um die Frau zu stabilisieren. Darüber hinaus sollte sie eine Grundhaltung entwickeln, die sich auf die Stärken und Ressourcen der Frau richtet, denn das kann sie in ihrem Heilungsprozess gut unterstützen.

Sind die eintägigen Fortbildungen ausreichend, um diese Kompetenzen zu erlernen?

Die Fortbildungen sollen die TeilnehmerInnen nicht in die Lage versetzen, therapeutisch mit den Frauen zu arbeiten. Vielmehr sollen sie ihnen ermöglichen, ein Grundverständnis für einen traumasensiblen Umgang mit betroffenen Frauen zu entwickeln. Das lässt sich durchaus an einem Tag vermitteln. Fragebögen helfen dabei, festzustellen, inwiefern die TeilnehmerInnen die Inhalte der Fortbildung nach den Fortbildungen praktisch umsetzen konnten. Optimal ist es, wenn die TeilnehmerInnen an allen drei Fortbildungstagen teilnehmen können – dann bleibt zwischen den Fortbildungen Zeit, Neues auszuprobieren, um dann aufgekommene Fragen in der nächsten Fortbildung zu diskutieren.

Wie ist die bisherige Resonanz auf die Fortbildungen? Wie haben die TeilnehmerInnen das Training angenommen? Gab es überraschende Reaktionen oder Rückmeldungen?

Bisher haben wir nur positive Rückmeldungen bekommen. „Das ist genau das Angebot, das gefehlt hat“, haben wir von einigen TeilnehmerInnen gehört. Vielen gefiel besonders gut, dass die Fortbildungen für alle Berufsgruppen und Interessierte offen stehen, da sich Fortbildungen zum Thema Trauma häufig nur an ein Fachpublikum richten. Gelobt wurde, dass kleine praktische Schritte zur Unterstützung von Frauen vermittelt wurden, die TeilnehmerInnen gleichzeitig aber auch viel Theorie mitgenommen hätten. Besonders gefreut hat mich, dass eine der TeilnehmerInnen sich nach der Fortbildung entschieden hat, selbst Fortbildungen zu Trauma und Gewalt gegen Frauen in dem Krankenhaus, in dem sie tätig ist, zu organisieren.

Kontakt

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Nuria Schaefer
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