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13. Oktober 2016

Fortbildungen: Geflüchteten einen sicheren Rahmen geben

Krieg und Verfolgung haben 2015 Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben. Viele Geflüchtete, die in Deutschland Schutz suchen, darunter viele Frauen und Mädchen, haben traumatisierende Verluste und Gewalt erlebt und müssen sich nun in einem fremden Land zurechtfinden. 2016 hat medica mondiale ein Fortbildungsprogramm gestartet, das Haupt- und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit Grundkenntnisse im sensiblen Umgang mit traumatisierten Menschen vermittelt. Wir haben eine der Teilnehmenden, Elena Winkelmann, in der evangelischen Jugendhilfeeinrichtung ‚Mondo’ in Bochum besucht, wo sie geflüchteten Jugendlichen Deutschunterricht gibt.

Die Baseball-Kappe rutscht Mohamed fast vom Kopf, so angestrengt ist er über sein Schulbuch gebeugt. Seit einigen Wochen lernt der 17-jährige Afghane im ‚Mondo‘ in Bochum Deutsch. Geduldig erklärt Elena Winkelmann Grammatik und Vokabeln, korrigiert, lobt, gibt Tipps. 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut die Jugendhilfeeinrichtung derzeit. Neben Sprachkursen erhalten sie psychosoziale Beratung und Hilfen im Alltag. Die jungen Geflüchteten, die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt, kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Balkan und Afrika. Trotz unterschiedlicher Herkunft verbindet alle, dass sie ihr Zuhause verloren und auf sich allein gestellt die weite und oft gefahrvolle Flucht hinter sich gebracht haben.

Sehnsucht nach Sicherheit

Doch auch der neue Alltag in Deutschland ist alles andere als einfach. „Die meisten leiden unter Fremdheit, Isolation und Unsicherheit“, erzählt Winkelmann. Das größte Problem sei aber fast immer die Familie, die ständige Angst um die Angehörigen, die zurückgeblieben oder noch auf der Flucht sind.

Nur zwei Frauen, beide aus Guinea, sind derzeit unter den minderjährigen Flüchtlingen im ‚Mondo’. „Ihre Situation ist noch schwieriger, weil beide sehr kleine Kinder haben“, berichtet die Sprachlehrerin. Daher schafften sie es nicht, regelmäßig zum Unterricht zu kommen. Während die männlichen Flüchtlinge von Studium und beruflicher Zukunft träumten, so Winkelmann, wollten die geflüchteten Frauen vor allem eins: Sicherheit – für sich und ihre Kinder.

Gewalt und Ausbeutung während der Flucht

 „Eigentlich ist das hier mehr als nur ein Sprachkurs“, sagt die junge Russin Winkelmann, die selbst erst seit drei Jahren in Deutschland lebt. Ganz schnell berührt der Unterricht Themen wie Familie, Zuhause, Flucht. Hinter jedem Wort lauern Erinnerungen, Ängste und Trauer. „Ich bin keine Sozialarbeiterin“, sagt Winkelmann. „Aber die Jugendlichen erzählen mir natürlich trotzdem von dem, was auf der Flucht passiert ist.“ In den Pausen, aber auch im Unterricht. „Die Jugendlichen haben auf der Flucht das Gleiche erlebt wie Erwachsene – Gewalt, Zwangsarbeit, Ausbeutung, alle möglichen Angst und Stress auslösenden Faktoren“, erklärt die Pädagogin. In ihren Klassen will sie deshalb einen sicheren Rahmen schaffen.

Traumasymptome erkennen und auf den Umgang mit traumatisieren Menschenvorbereitet sein

Elena Winkelmann ist eine von 51 Teilnehmenden, die seit Mai die Kurse von medica mondiale besucht haben. Ziel des vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Qualifizierungsprogramms ist es, hierher geflüchteten Menschen, insbesondere Frauen und Mädchen, Zugang zu empathischer und kompetenter Unterstützung zu sichern. Die Teilnehmenden, beispielsweise SozialarbeiterInnen, BeraterInnen, oder BetreuungshelferInnen, kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern und Einrichtungen. Die zwei- bis dreitägigen Seminare sollen sie beim sensiblen Umgang mit Geflüchteten unterstützen. Dabei geht es nicht darum, selbst psychosoziale Hilfe zu leisten, sondern Stress- und Traumasymptome zu erkennen und den Betroffenen angemessen zu begegnen.

 „Viele der Jugendlichen sind sichtlich traumatisiert“, berichtet Winkelmann aus ihrer Arbeit in der Jugendhilfe. Und fragt sich: „Wie kann man helfen, wenn jemand schon als junger Mensch, mit 15 oder 16 Jahren, so viel erlebt und so viel verloren hat?“ Die stress- und traumasensible Haltung, die medica mondiale in den Kursen vermittelt, findet sie deshalb extrem hilfreich. Ebenso wie die Möglichkeit, sich mit anderen austauschen und einzelne Fälle und Situationen besprechen zu können. Denn auch in ihrem Unterricht kommt es vor, dass sich die jugendlichen Geflüchteten auffällig verhalten, etwa mitten in der Stunde aufstehen oder apathisch dasitzen.

Methoden zur Unterstützung von geflüchteten Menschen

Die Referentinnen von medica mondiale erläutern Ursachen und Folgen von traumatischen Erlebnissen wie Krieg, Flucht und sexualisierter Gewalt und vermitteln, welche Unterstützung sinnvoll und förderlich ist. „Wenn man weiß, wie Traumatisierungen die Gedächtnisleistung beeinflussen können, kann man Angebote so gestalten, dass die Menschen sie besser wahrnehmen können“, erklärt Karin Griese, Leiterin des Trauma-Bereichs. Sie empfiehlt beispielsweise Rituale und Wiederholungen, die Sicherheit und Stabilität vermitteln. Wichtig sei dabei, an die vorhandenen Ressourcen anzuknüpfen, die die Geflüchteten mitbringen. Das gelte auch für Frauen, die Gewalt erlebt haben. „Nicht das Opfersein zu stärken, sondern die Tatsache, dass die Frauen überlebt haben und es geschafft haben, nach Deutschland zu kommen“, so Griese.

Selbstfürsorge ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Fortbildungen. Denn Engagierte neigen mitunter dazu, sich zu überfordern mit der Gefahr ‚auszubrennen‘ oder einer Sekundärtraumatisierung. Die Trainerinnen vermitteln daher Techniken, achtsam mit sich umzugehen, wie etwa Atem- oder Imaginationsübungen und Meditationen.

Hohe Nachfrage nach Fachwissen

„Die Nachfrage an den Fortbildungen ist enorm.“, sagt Karin Griese. Neben Kursen, die allgemeine Grundlagen vermitteln, richten sich andere gezielt an Mitarbeitende aus Flüchtlingsunterkünften oder dem Gesundheitsbereich. Darüber hinaus ist geplant, Selbsthilfestrukturen zu stärken und Frauen auszubilden, die selbst einst geflohen sind und mit ihren Erfahrungen nun andere unterstützen wollen. Zusätzlich zum eigenen Seminarangebot schulen die Referentinnen von medica mondiale auch Mitarbeitende sozialer Einrichtungen wie etwa der Diakonie oder aus Frauenberatungsstellen.

 Erschienen im memo 2/2016