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07. April 2016

Flüchtlingsarbeit: medica mondiale weitet Fortbildungsprogramm in Deutschland aus

Das erweiterte Qualifizierungsangebot richtet sich an Mitarbeitende im Arbeitsfeld Flucht und Migration, wie zum Beispiel Gesundheitsfachkräfte oder AnsprechpartnerInnen in Flüchtlingsunterkünften. Alle Fortbildungen basieren auf dem stress- und traumasensiblen Ansatz von medica mondiale. Geschult werden insbesondere die Fähigkeiten, Stress- und Traumafolgen zu erkennen und darauf mit erhöhter Kompetenz und Sensibilität zu reagieren. Alena Mehlau, Fachreferentin für Trauma-Arbeit, erläutert im Interview, wie damit ein aktiver Beitrag zur traumasensiblen Unterstützung und Integration von Zufluchtsuchenden geleistet werden kann.

Wie wirken sich Krieg und sexualisierte Kriegsgewalt auf Überlebende aus?

Das Erfahren oder Beobachten von Krieg und sexualisierter Gewalt, der Verlust von nahestehenden Menschen und Heimat sowie andere Eingriffe in die körperliche oder seelische Unversehrtheit können ein Trauma auslösen. Dies äußert sich beispielsweise in einem überwältigenden Gefühl von Hilflosigkeit, das einhergeht mit Panikattacken, Depressionen, Schlafstörungen, chronischen Schmerzen oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Was bedeutet dies für die Menschen, die aktuell bei uns Zuflucht suchen?

Viele Geflüchtete haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Insbesondere Frauen erfahren vor und während ihrer Flucht sexualisierte Gewalt, die sich auch in Deutschland oftmals zum Beispiel in den Flüchtlingsunterkünften fortsetzt. Das Trauma, das viele davontragen, sowie der Versuch es zu bewältigen, erschweren es den Geflüchteten, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und notwendige Aufgaben zu lösen.

Hat dies Auswirkungen auf die Helfenden, die mit Geflüchteten arbeiten?

Anzeichen von Trauma und Überforderung sind auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Vermeintlich abweisendes, unfreundliches oder aggressives Verhalten kann durch ein Trauma begründet sein. Wissen Helfende nicht, solche Zeichen zu deuten, kann dies schell zu Frust und Selbstüberforderung ihrerseits führen. Außerdem können durch den direkten Kontakt mit Gewaltbetroffenen sogenannte sekundäre Traumatisierungen entstehen.

Inwiefern tragen die neuen Fortbildungen zu einer Entlastung auf Seiten der Geflüchteten wie Helfenden bei?

Haupt- und ehrenamtlich Engagierte lernen nicht nur, Geflüchtete angemessen zu unterstützen, sondern auch Selbstfürsorge sicherzustellen. Nur so kann ihre Arbeit nachhaltig wirken und die Selbsthilfekompetenzen der Geflüchteten gestärkt werden. Unser Beratungskonzept hat das Ziel, Stress und Überforderung durch Achtsamkeit und Selbstfürsorge zu vermeiden.

In wie weit sind die Erfahrungen von medica mondiale im Bereich Trauma und sexualisierter Gewalt für die neuen Fortbildungen hilfreich?

Der traumasensible Ansatz wurde von medica mondiale-Fachfrauen in unterschiedlichsten Einsatzländern erarbeitet. Dadurch wissen wir, dass der Kontext für Trauma-Arbeit je nach Land und Kultur sehr unterschiedlich ist. Die Expertise, die wir bei der Arbeit mit Überlebenden vor Ort gewinnen konnten, hilft uns dabei, auch hierzulande auf die speziellen Bedürfnisse von Frauen unterschiedlichster Herkunft einzugehen. Auch unsere Erfahrungen mit Inlandsfortbildungen seit 2009 sowie in der Fortbildung von psychosozialen Beraterinnen in den Einsatzländern fließen mit in das neue Qualifizierungsprogramm ein.

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit dem neuen Qualifizierungsangebot und wie sollen diese konkret umgesetzt werden?

Wir möchten einen aktiven Beitrag zur Unterstützung und Integration von Zufluchtsuchenden leisten. Politiker stellen gerne die Probleme in den Mittelpunkt – und das oft mit viel Polemik. Wir arbeiten lösungsorientiert und legen unseren Fokus darauf, wie wir mit unserem Fachwissen und einem durchdachten Konzept insbesondere Frauen, die traumatische Erlebnisse überlebt haben, stärken und stabilisieren können. Zur Weitervermittlung unseres Fachwissens bilden wir Referentinnen aus. Auch Multiplikatorinnen, wie Gesundheitskräfte und AnsprechpartnerInnen in den Unterkünften, können die gelernten Inhalte in ihren Arbeitskontext einbringen und weitervermitteln.

Das Projekt wird gefördert vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW.