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18. April 2016

Evaluierung (2013-2016) zeigt: Medica Gjakova im Kosovo bietet Überlebenden sexualisierter Gewalt umfassende Unterstützung

Im Herbst 2015 besuchten die von medica mondiale beauftragten Evaluatorinnen Petra Scheuermann und Erinda Bllaca die Frauenrechtsorganisation Medica Gjakova und evaluierten das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und medica mondiale geförderte Projekt. Unterstützt werden die Frauen durch psychologische und medizinische Hilfe, bei der Generierung eines ökonomischen Auskommens und der Umsetzung ihres Rechts auf Entschädigung.

In den von Medica Gjakova geleiteten psycho-sozialen Gruppen können die betroffenen Frauen ihre Geschichte aufarbeiten. Allein schon auf andere Frauen zu treffen, die auch Überlebende sind, ist heilsam. Eine Frau aus der Gruppe berichtet den Gutachterinnen: „(...) ich habe mich verändert. Ich habe wieder angefangen, mich vernünftig zu kleiden, ich rede wieder mit Menschen. Für so eine lange Zeit hatte ich mich und meine Familie verloren.“ Auch ihre Kinder würden sich für sie freuen.

Petra Scheuermann und Erinda Bllaca waren bei einigen Gruppensitzungen anwesend und schreiben: „Die Frauen fühlen sich offensichtlich wohl in der Gemeinschaft der anderen Frauen und der Beraterin. Sie haben eine enge Verbindung untereinander – ob sie nun ihre (Kriegs-)geschichte erzählt haben oder nicht. Allein das Wissen, dass sie ‚unter sich sind’ ermutigt sie, an den Gruppentreffen teilzunehmen und sich ‚sicher’ zu fühlen.“

Umfassende Unterstützung durch individuelle wie Gruppenberatung, gynäkologische Behandlungen und einkommenschaffende Maßnahmen

Auch in den von Medica Gjakova begleiteten Selbsthilfegruppen erfahren die Frauen Unterstützung. Die von den Gutachterinnen besuchten Gruppen machen ihnen zu folge den Eindruck von gut funktionierenden und dynamischen sozialen Netzwerken. Die Frauen treffen sich nicht nur für die Gruppensitzung, sondern zum Beispiel auch zum Abendspaziergang durch das Dorf. Sie reden über das Familienleben und die Alltagssorgen, helfen sich gegenseitig und sind bereit zuzuhören, wenn ein Gruppenmitglied über die erfahrene Gewalt sprechen möchte.

Medica Gjakova bietet Überlebenden von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt neben gruppentherapeutischer Unterstützung in Einzelfällen auch individuelle Beratung sowie kostenlose gynäkologische Behandlungen an. Eine Rechtsberatung wird es ebenfalls in Kürze geben. Die Frauen in den Selbsthilfegruppen werden zudem darin unterstützt, ökonomisch selbständiger zu werden. So wird ihnen gezeigt, landwirt-schaftliche oder handwerkliche Produkte für den Verkauf herzustellen. Eine Kooperative soll die Vermarktung ermöglichen.

Recht auf Entschädigung erfolgreich umgesetzt

Zusammen mit der Menschenrechtsorganisation KRCT (Kosova Rehabilitation Centre for Torture Victims) wirkte Medica Gjakova erfolgreich an dem überarbeiteten Gesetz zu den Rechten ziviler Kriegsopfer mit. Zum ersten Mal sind hier nun auch die Rechte derer festgehalten, die während des Krieges sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt waren. Sie haben nun das Recht auf Entschädigung. Die beiden Gutachterinnen berichten, dass diese erfolgreiche Einflussnahme Medica Gjakova national und international viel Anerkennung einbrachte.

Zukünftige Herausforderungen in Kooperation mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen meistern

Trotz der grundsätzlich positiven Ergebnisse des Gutachtens verweisen Petra Scheuermann und Erinda Bllaca auch auf große zukünftige Herausforderungen. So bedürfe es beispielsweise einer stärkeren Arbeit mit den betroffenen Gemeinden und Familien. Viele der Kinder leiden unter den Vergewaltigungen ihrer Mütter, Tanten oder Großmütter. Auch sie brauchen Unterstützung und Betreuung.

Die Familien und Gemeinden müssen zudem darin sensibilisiert werden, die vergewaltigten Frauen nicht auszugrenzen, sondern sie vielmehr zu unterstützen. Nur mit dieser Arbeit, so die beiden Gutachterinnen, kann es gelingen, umfassende (familiäre) Heilung zu ermöglichen. Dies kann jedoch nicht von Medica Gjakova allein geleistet werden. Die beiden Gutachterinnen schlagen deswegen die Kooperation mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen vor.

Empfehlungen der Gutachterinnen zur Gewährleistung des ganzheitlichen Ansatzes

Auch die einkommensgenerierenden Maßnahmen erfordern den beiden Gutachterinnen zu folge besondere Aufmerksamkeit. So habe es sowohl Probleme bei der Herstellung der Produkte wie auch bei deren Vermarktung durch die Kooperative gegeben.

Für eine bessere Koordination und Betreuung der Maßnahmen empfehlen die Gutachterinnen deswegen eine spezielle Abteilung bei Medica Gjakova einzurichten. Diese kann sich dann gezielt mit Fragen der Einkommensgenerierung befassen. So wäre der angestrebte ganzheitliche Ansatz der psychologischen, medizinischen, rechtlichen und ökonomischen Unterstützung von Überlebenden sexualisierter Gewalt besser zu gewährleisten.

Der Evaluationsbericht Kosovo (2013-2016) "Supporting survivors of sexualized women" ist auf Englisch erschienen.

 

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