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16. März 2016

Evaluierung (2012-2015): Starkes Miteinander – wie Wandel im Kongo möglich ist

„Die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Mädchen im Ostkongo, die Opfer von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt (SGBV) sind“, ist das namensgebende Ziel des Projektes, das die Frauenrechtsorganisation PAIF (Promotion et Appui aux Initiaives Feminines) seit 2012 gemeinsam mit medica mondiale durchführt. Die Projekt-Evaluatorinnen Kathrin Groninger und Dr. Aziza Aziz-Suleyman konnten sich Ende 2014 ein Bild davon machen, unter welch extrem problematischen Bedingungen PAIF nicht nur dringend benötigte Hilfe und Betreuung für Überlebende von Vergewaltigungen anbietet, sondern auch weit darüber hinaus einen unschätzbar wertvollen Beitrag zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit leistet. Die folgende Geschichte brachten die beiden Evaluatorinnen aus dem Kongo mit:

„Ein 14 jähriges Mädchen lebte im Flüchtlingslager der Stadt Goma. Eines Tages, während sie die Haare ihrer Nachbarin frisierte, wurde sie von einem Blockwart gerufen, der sexuelle Interessen verfolgte. Das Mädchen widersetzte sich dem Befehl des Blockwarts und vertraute darauf, dass die Nachbarin sie beschütze. Doch Komplizen, die der Blockwart geschickt hatte, belästigten das Mädchen agressiv und brachten sie unter Gewaltanwendung in das Haus des Blockwarts. Der Blockwart und seine Leute fesselten, vergewaltigten und schlugen sie.

Das Mädchen versuchte, sich zur Wehr zu setzen und schrie um Hilfe. Ein junger Mann, Mitglied eines Jugendclubs für Menschenrechte, hörte die Schreie. Ihm gelang es, ein Foto zu machen und den Lagervorsteher aufzusuchen. Dieser jedoch stellte sich taub. Selbst der Direktor des Nationalen Rates für Flüchtlinge zeigte sich unbeeindruckt. Die Geschichte wurde bekannt, woraufhin es zu einer einvernehmlichen Übereinkunft zwischen den beteiligten Täter- und Opfer-Familien kam.

Daraufhin alarmierte der Jugendliche eine Beraterin von PAIF, die vorbei kam. Das Mädchen war weiterhin in der Gewalt der Täter, welche es PAIF nicht übergeben wollten. PAIF verständigte die Polizei und das Mädchen konnte ins Krankenhaus gebracht werden. Außerdem unterstützte PAIF die Familie des Mädchens dabei, Anzeige zu erstatten  und begleitete das Gerichtsverfahren. In Folge dessen wurde der Täter festgenommen und ins Gefängnis gebracht. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Das Mädchen konnte medizinisch versorgt werden.

Die Menschen im Flüchtlingslager haben verstanden, dass die Blockwärter nicht unangreifbar sind. Seit diesem Tag gab es in dem Lager keinen weiteren Fall einer Vergewaltigung durch die Blockwärter.“

Ein Ziel auf mehreren Wegen gemeinsam verfolgen

Dieses Einzelschicksal macht deutlich, wie grundlegend wichtig eine funktionierende Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure für das Gelingen der Arbeit von PAIF ist. Erst durch die Kooperation mit lokalen Gruppen wie Jugendclubs und Dorfgemeinschaften, aber auch mit Gesundheitszentren und staatlichen Institutionen wie Polizei und Justiz konnte PAIF erfolgreich und effizient intervenieren.

Dieses vernetzte Handeln gilt es weiter auszubauen. Nur gemeinsam können tradiertes Denken, strukturelle Korruption und weitere Ursachen für die katastrophale Sicherheitslage im Kampf gegen SGBV nachhaltig zurückgedrängt werden.

Effektive und nachhaltige Projekt-Aktivitäten zur Stärkung der Selbsthilfekompetenzen der Überlebenden und zu ihrem Schutz:

  • Trauma- und gendersensible psychosoziale und medizinische Versorgung
  • Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und Zukunftssicherung durch Ausbildung
  • Implementierung und Begleitung von Selbsthilfegruppen
  • Ausbau des Kommunikations- und Unterstützernetzwerks
  • Anklage der Verbrechen und Einsatz im Kampf gegen Straffreiheit der Täter

Um die eindeutig positiven Advocacy- und Sensibilisierungswirkungen des Programms weiter zu verstärken, empfehlen die Evaluatorinnen den Ausbau von Kooperationen mit staatlichen und nichtstaatlichen Partnerinstitutionen, sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene.

Großes Potenzial hat dabei auch die Netzwerkarbeit mit engagierten Jugendclubs im lokalen Umfeld. Zur weiteren Prävention von sexualisierter Gewalt wird die Arbeit mit Männern, sprich potenziellen Tätern aber auch Unterstützern, in der Projektstrategie angeregt.

Mut machender Projektbericht

Der Projektbericht der beiden Evaluatorinnen macht deutlich, mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen die MitarbeiterInnen von PAIF konfrontiert sind. Er zeigt aber auch die positiven Ergebnisse, die bereits erzielt werden konnten und welches Potenzial das Projekt für die betroffenen Frauen und Mädchen ganz persönlich, aber auch für den gesellschaftlichen Wandel in den Regionen des Ostkongo im Allgemeinen hat.

Auch für medica mondiale ist der Bericht Ansporn und Ermutigung, diese wichtige Zusammenarbeit mit PAIF fortzuführen, zu verbessern sowie den essentiellen Prozess zur Bekämpfung der Ursachen und Folgen von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt im Kongo weiter zu unterstützen. medica mondiale ist seit 2004 Partnerin von PAIF (Promotion et Appui aux Initiaives Feminines), einer kongolesischen Frauen- und Menschenrechtsorganisation, die in den von Armut, Hunger, Krieg und Vertreibung betroffenen Regionen Nord- und Süd-Kivus arbeitet.

Evaluationsbericht Demokratische Republik Kongo (2012-2015): "Starkes Miteinander – wie Wandel im Kongo möglich ist"

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