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14. Juni 2016

Evaluationsbericht: Die Arbeit von Medica Afghanistan wirkt

Stress- und traumasensible Beratung in einem gesellschaftlich fragilen und unsicheren Kontext: „Alles in allem ergab die Evaluation, dass die Projektaktivitäten ausgesprochen wirksam waren (...).“ Dies ist das sehr positive Ergebnis einer Evaluierung von drei Projekten, welche zwischen 2012-2015 von Medica Afghanistan durchgeführt wurden. In den afghanischen Städten Kabul, Mazar-i-Sharif und Herat bietet Medica Afghanistan Beratungen für Frauen an, die physischer oder psychischer (Kriegs-)Gewalt ausgesetzt waren oder es noch immer sind.

Darüber hinaus unterstützt Medica Afghanistan Selbsthilfegruppen von Frauen mit Gewalterfahrung. Mit diesen Angeboten erreichte Medica Afghanistan innerhalb von drei Jahren über 1300 Frauen.

Wirksame Unterstützung für traumatisierte Frauen

Die umfangreiche Evaluation, bei der über 280 ehemalige und jetzige Klientinnen Medica Afghanistans von den Evaluationsexpertinnen Marie Huber und Mateja Zupanic der Agentur Thousand Plateaus befragt wurden, zeigte, dass diese sich als durchschnittlich bis überdurchschnittlich selbstwirksam (83%) und selbstbewusst (78%) beurteilten. Gleichzeitig zeigten fast alle Klientinnen (98%), deren Daten erhoben wurden, Hinweise auf Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Dieses zunächst paradoxe Ergebnis deckt sich mit der evaluativen Studie in Bosnien („We are still alive“, 2014), wonach die Symptome einer PTBS trotz verbessertem Wohlbefinden bestehen bleiben, wenn die sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen als unsicher, fragil, stigmatisierend und wenig unterstützend von den Überlebenden erlebt werden.

Frauen, die ihre Rechte kennen

Der Erfolg der juristischen Beratung zeigte sich in dem breiten und differenziertem Wissen der befragten Frauen über ihre Rechte und den Institutionen, an die sie sich wenden können. Mehrere der vom Evaluationsteam interviewten Frauen gaben an, dass die Beratung durch Medica Afghanistan ein Wendepunkt in ihrem Leben war. „Mir geht es jetzt besser. Ich wollte nicht zu Festen gehen, aber jetzt gehe ich hin. Je mehr wir zu Medica Afghanistan gehen, desto weniger Schmerzen haben wir (...). Die Psychologinnen sind gut und verstehen uns.“ Besonders lobt der Evaluationsbericht auch die von Medica Afghanistan etablierten und unterstützen Selbsthilfegruppen. Die Gruppen würden es den Frauen ermöglichen, sich gegenseitig zu helfen und die Arbeit in den Gemeinden zu verankern. Die Selbsthilfegruppen stellen für die Frauen einen besonderen Schutzraum da, in dessen Rahmen sie sich austauschen und unterstützen können.

Einzige Organisation mit traumasensibler Beratung für Frauen

Als außerordentlich herausragend wurde festgestellt, dass Medica Afghanistan die einzige Organisation in Afghanistan ist, die psychosoziale und traumasensible Beratung für Frauen mit Gewalterfahrung anbietet. Die Vertreterin einer anderen Frauenorganisation berichtet: „In unserem Land haben wir Gesetze für Frauen aber wir haben niemanden, der die Frauen in ihrer psychosozialen Gesundheit unterstützt (...). Medica Afghanistan stärkt ihre psychosoziale Gesundheit und gibt ihnen gleiche Rechte.“ Das unterstreicht nochmal die hohe Relevanz der Projekte sowie Arbeit von Medica Afghanistan. Die Evaluation betonte nachdrücklich die hohe Anerkennung, die Medica Afghanistan in der Zivilgesellschaft und bei staatlichen Stellen genießt. Die unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission (AIHRC) berichtete über ihre Erfahrungen mit Medica Afghanistan in politikberatenden Arbeitskreisen – z.B. in Bezug auf das Familienrecht: „MA ist immer aktiv. Sie sind freundliche Menschen und die Mitglieder bringen klare Vorschläge ein. Ihre Arbeit ist nicht symbolisch.“

Fragile Sicherheitslage: Frauenrechte werden missachtet

Die Evaluatorinnen betonen, dass die Arbeit von MA in einem ausgesprochen schwierigen Kontext stattfindet. Die Sicherheitslage ist äußerst fragil, viele Menschen leben in einem andauernden Konflikt und großer Armut. Zudem ist den meisten Menschen in Afghanistan die Bedeutung psychosozialer Beratung unbekannt, die Hemmschwelle sich psychologische Hilfe zu suchen sehr hoch. Frauenrechte werden trotz verbesserter Rechtslage weitläufig missachtet und Frauen sind im hohen Maße gesellschaftlich wie ökonomisch von männlichen Familienmitgliedern abhängig. Sich aus den gewalttätigen Verhältnissen zu lösen, stellt für die Frauen mit Gewalterfahrung deshalb eine besondere Herausforderung mit geringen Wahlmöglichkeiten da. Es gibt zwar Frauenhäuser, in denen einige von ihnen Zuflucht finden können, aber vielfach bedeutet diese Zuflucht, in Armut zu leben und auch den Kontakt zu den eigenen Kindern zu verlieren.

Viele versuchen deshalb, mit Hilfe von Medica Afghanistan die gegebenen Verhältnisse zu verbessern, ihre eigenen Stärken und Ressourcen zu erkennen und zu fördern, damit es möglich ist, würdevoller zu leben und ihren Kindern die bestmögliche Fürsorge zu geben.

Achtsame Frauenrechtsorganisation

Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen Medica Afghanistans sind sehr herausfordernd und potentiell belastend. Die Evaluatorinnen würdigen deshalb insbesondere die Kultur der Achtsamkeit bei Medica Afghanistan. Der Anteil, der an Erschöpfung leide, sei erstaunlich gering. 90% der Mitarbeiterinnen gaben an, ihre Tätigkeit als erfüllend zu erleben und mit dieser sehr zufrieden zu sein. Dies führen die Evaluatorinnen auch auf die Weiterbildungen zurück, die die Organisation durchgeführt hat.

Ein Rückgang von Gewalt gegen Frauen stabilisiert die ganze Gesellschaft

Trotz dieser insgesamt sehr positiven Bewertung der Arbeit von Medica Afghanistan deckte die Evaluation auch Herausforderungen auf. So schlagen die Evaluatorinnen vor Vertraulichkeit in der Beratung stärker zu formalisieren. Zudem gelte es, die Feed-Back-Möglichkeiten für Klientinnen zu verbessern. Neben diesen und anderen kritischen Anmerkungen kommt die Evaluation dennoch zu dem Schluss: Die Arbeit von Medica Afghanistan ist ein entscheidender Beitrag, um die afghanische Gesellschaft zu stabilisieren und zu befrieden. Ein Rückgang der Gewalt gegen Frauen und in den Familien hilft dabei, dass auch gesellschaftliche Konflikte friedlicher ausgetragen werden. Nicht zuletzt deswegen empfehlen die Evaluatorinnen die Arbeit Medica Afghanistans auf andere Regionen und Städte Afghanistans auszudehnen.

 

Der Evaluationsbericht (Zusammenfassung) ist auf Englisch erschienen.