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18. November 2016

Evaluation Nord-Uganda: Frauenrechte weiterhin gezielt stärken

Seit 2007 unterstützt medica mondiale die ugandische Organisation FOWAC (Foundation for Women Affected by Conflicts). FOWAC arbeitet mit gewaltbetroffenen ehemaligen Kindersoldatinnen, jugendlichen Müttern, Witwen und anderen Überlebenden, die bis heute unter den Folgen des jahrelangen Bürgerkriegs leiden. 2014 startete ein umfangreiches Projekt zur Stärkung dieser Frauen und Mädchen. Unter anderem durch solidarische Spar- und Kreditgruppen und Mädchenclubs bietet FOWAC Hilfe zur Selbsthilfe. Darüber hinaus leistet die lokale Organisation psychosoziale, rechtliche und medizinische Beratung. Kürzlich wurde das Projekt evauliert:

Mikro-Kredite und Gruppenzusammenhalt stärken die Frauen in Uganda

Seit Beginn des Projekts 2014 haben in Nord-Uganda laut FOWAC rund 400 Frauen und Mädchen Spar- und Kreditgruppen besucht. Bei wöchentlichen Treffen zahlen die Frauen Geld, das sie sparen konnten, in einen gemeinsamen Topf ein. Jede Gruppe wird von drei freiwilligen Beraterinnen aus der Dorfgemeinschaft geleitet. Die meisten Teilnehmerinnen gaben an, durch die Mitgliedschaft das Schulgeld ihrer Kinder bezahlen zu können. Weniger als ein Prozent fühlt sich weiterhin von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Auch wenn einige Frauen nur winzige Beträge sparen können, hilft die Gemeinschaft der Gruppe ihnen, sich emotional besser zu fühlen und ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Braucht eine Person aus der Spargruppe einen Kredit, kann sie sich Geld aus dem Gemeinschaftstopf leihen und es zu fairen Zinsen zurückzahlen.

Mehr Selbstbestimmung und weniger patriarchale Strukturen

Ein Kredit allein bedeutet für die Frauen in Uganda jedoch keine Unabhängigkeit. Ihre Selbst-bestimmung ist durch die allgemein vorherrschende männliche Dominanz erheblich eingeschränkt. In den patriarchalen Gemeinwesen werden Männer traditionell in der Rolle der Entscheider gesehen. Der Mann ist in dieser gesellschaftlichen Konstruktion allein für die finanzielle Absicherung der Familie verantwortlich. Doch viele verloren während des Bürgerkriegs ihren Besitz, wurden sozial, politisch und ökonomisch entmachtet. Viele Männer fühlen sich dadurch herabgewürdigt und frustriert, was oftmals in Gewalt gegen ihre Frauen mündet.

Die traditionelle Rollenverteilung drängt Frauen daher auch in soziale Abhängigkeit. Eine nachhaltige Selbstermächtigung von Frauen kann nur gelingen, wenn soziale Verhaltensweisen und Werte verändert werden. Um dies zu erreichen, wird FOWAC Strategien entwickeln, wie sie mit den patriarchalen Strukturen umgehen können, ohne die bereits errungenen Fortschritte für Frauen preiszugeben.

 

Sozialen Wandel fördern, Frauen stärken, landwirtschaftliche Kooperationen unterstützen

Die Frauen in den FOWAC-Spargruppen wurden in unternehmerischen Fähigkeiten ausgebildet. So können die Frauen mit den kleinen Krediten eigene Unternehmen gründen. Dies hat zum Teil dazu geführt, dass Frauen mit der gleichen Verkaufsware auf dem Markt miteinander konkurrieren. Außerdem fällt die Betreuung der Kinder auf dem Markt schwerer als beispielsweise bei der Feldarbeit. Landwirtschaft ist in Nord-Uganda nach wie vor die Hauptversorgungsquelle. Dort, wo der Zusammenhalt in den Spar- und Kreditgruppen sehr hoch war, haben sich Frauen zu kleinen landwirtschaftlichen Genossenschaften zusammengeschlossen. Sie konnten so ihre Produktivität steigern. Ein solidarischer landwirtschaftlicher Zusammenschluss ersetzt also die Verkaufskonkurrenz auf dem Markt. Vor diesem Hintergrund könnte es sinnvoll sein, Ressourcen zur Verbesserung der Landwirtschaft zu bündeln. Darüber hinaus würde eine organisierte Kinderbetreuung zu besseren Ergebnissen führen.

Fortbildung der Mitarbeiterinnen im Umgang mit traumatisierten Frauen

Obwohl die MitarbeiterInnen von FOWAC unter schwierigen Bedingungen in einer Nachkriegsgesellschaft arbeiten, ist die Qualität ihrer Beratungen seit 2014 eindeutig gestiegen. Mitarbeiterinnen und lokale Beraterinnen wurden von medica mondiale in psychosozialer Beratung, Stressbewältigung und Konfliktarbeit fortgebildet. Die neuen Kompetenzen zum traumasensiblen Umgang mit Gewaltbetroffenen hat vielen Frauen den Zugang erleichtert. Bereits Ende 2015 konnte so ein Ziel des Projektes erreicht werden: 700 Frauen wurde der Zugang zu traumasensibler Beratung, medizinischer Versorgung und Rechtsberatung ermöglicht.

 

Mehr Aufmerksamkeit für Frauenrechte in Uganda

Ein weiterer Baustein des Projektes war Öffentlichkeitsarbeit in Uganda. FOWAC organisiert regelmäßig Gespräche mit PolitikerInnen und lokalen Behörden über die Ursachen und Folgen von Gewalt. Außerdem tragen sie über Radio und Fernsehen zur Aufklärung bei. Durch den Krieg sind traditionelle Werte und Normen zerrüttet, Alkoholismus ist ein ernstes Problem. Viele Frauen und Mädchen leiden unter dieser kollektiven Traumatisierung des Landes, die als Hetze und Stigmatisierung sichtbar wird. Effektive Maßnahmen zur Eindämmung der Gewalt bleiben bislang aus. Dennoch: Die gemeindebasierte Arbeit von FOWAC sowie die Aufklärung via Fernsehen und Radio haben dazu beigetragen, dass Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit erfahren und Menschenrechtsverletzungen stärker als solche wahrgenommen werden.

 

Organisationsentwicklung voranbringen

Die Ergebnisse der Evaluation fußen mehrheitlich auf Aussagen, die in Interviews mit Betroffenen, Dorfältesten, MitarbeiterInnen von FOWAC und anderen AkteurInnen gesammelt wurden. Andere verlässliche Daten zur Bewertung heranzuziehen war schwierig, zum Teil auch nicht möglich. Deutlich wurde dennoch: FOWAC hat viel bewirkt. Ihre Mitarbeiterinnen haben sich ein großes Kooperationsnetzwerk aufgebaut und erreichen viele AkteurInnen mit ihrer Aufklärungsarbeit. In den Gemeinden werden mehr Fälle von sexualisierter Gewalt zur Anzeige gebracht, ehemalige Kindersoldatinnen und Alleinerziehende sind weniger ausgeschlossen. Um ihre Arbeit langfristig abzusichern, benötigt FOWAC jedoch eine strategische Projektplanung. Für eine gezielte Arbeit zur Stärkung der Frauenrechte benötigt FOWAC außerdem mehr Personal, ein solides Dokumentations- und Monitoring-System für künftige Bewertungen und eine stabile Finanzierungsgrundlage.


Evaluationsbericht "Empowering female survivors of sexualized and gender-based violence in Northern Uganda" (Englisch)