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08. September 2016

Evaluation Liberia: Wandel nur durch maßgeschneiderte Maßnahmen & Beharrlichkeit

Medica Liberia hat es sich 2013 mit einem dreijährigen Projekt zum Ziel gemacht, im Südosten Liberias die Situation von Frauen und Mädchen nachhaltig zu verbessern. Überlebende sexualisierter Gewalt sollten in ihrer Dorfgemeinschaften Solidarität und Unterstützung erfahren. Doch die Evaluierung zeigt: Verfestigte traditionelle Strukturen, Stigmatisierung und die Ebola-Krise haben das Erreichen gewünschter Wirkungen erschwert.

Die Region Sinoe im Südosten Liberias ist arm. Es fehlt an Straßen, die Gesundheitsversorgung ist miserabel, die wenigen PolizistInnen können keine Sicherheit gewährleisten. Geschlechtsspezifische Gewalt ist weit verbreitet. Männer bevormunden, stigmatisieren, belästigen, schlagen und vergewaltigen Frauen und Mädchen an Schulen, in der Dorfgemeinschaft, zuhause und bei der Arbeit. Vor diesem Hintergrund startete Medica Liberia 2013 das über drei Jahre angelegte Projekt “Nein zu Nachkriegs-Gewalt gegen Frauen: Errichtung von Solidaritäts- und Schutznetzwerken“ in 14 Dorfgemeinschaften der Region Sinoe.

Ziele des Projekts: solidarische und sensibilisierte AnsprechpartnerInnen direkt vor Ort

Innerhalb der Dorfgemeinschaften sollten AnsprechpartnerInnen für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt ausgebildet werden. Ziel war es außerdem, lokale AkteurInnen aus den Bereichen Sicherheit und Rechtsprechung für geschlechtsspezifische Gewalt zu sensibilisieren und sie auf den neuesten Stand in Punkto Frauenrechte zu bringen. Das Gesundheitspersonal sollte in die Lage versetzt werden, gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen traumasensibel zu begegnen. Im Frühling 2016 evaluierten die externen Gutachterinnen Viktoria Perschler-Desai und Sandra Okoed das Projekt. Die Evaluatorinnen besuchten zehn der 14 Dorfgemeinden und führten dort Gruppendiskussionen mit Solidargruppen, Gemeinderäten, Frauenbeauftragen, Friedenskomitees und Mädchen-Clubs durch. Sie sprachen mit den Mitarbeiterinnen von Medica Liberia sowie mit beteiligten AkteurInnen im Gesundheits- und Rechtsbereich.

Leidvolle Erfahrungen mit solidarischer Unterstützung bewältigen und bekämpfen

Nach den wichtigsten Veränderungen durch die Arbeit von Medica Liberia befragt, erzählte eine Mitarbeiterin exemplarisch folgende Geschichte:

„Diese Geschichte ist über eine Frau, die vom Vater ihres Kindes verlassen wurde. Nach der Geburt kam er nie wieder in ihr Haus, zahlte weder für Lebensmittel noch sonstigen Unterhalt für das Kind. Das Leben mit dem Baby war sehr leidvoll für sie. Bis zu dem Tag, als eine Beraterin von Medica Liberia ihre Dorfgemeinschaft besuchte und sie bei ihr Rat suchte. Sie wurde beim Prozess begleitet, der Vater des Kindes wurde verhaftet und zu Unterhaltszahlungen verurteilt. Seitdem hat sich ihr Leben zum Besseren gewendet. Sie und ihr Kind sehen gesund aus."

Insgesamt erklären die Evaluatorinnen das Projekt für relevant, um sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt entgegenzuwirken. Medica Liberia konnte Dorfhelferinnen ausbilden, solidarische Beratungsstrukturen etablieren sowie Gemeindemitglieder und AkteurInnen in den Bereichen Polizei, Justiz und Gesundheit für sexualisierte Gewalt und Geschlechtergerechtigkeit sensibilisieren. Eine nachhaltige Verhaltensveränderung konnte jedoch nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Die zuletzt begonnenen Haus-zu-Haus-Besuche erreichten mehr Überlebende und führten dazu, dass mehr Frauen und Mädchen sexualisierte Gewalt angezeigt haben. Doch damit wurden nur einige der angestrebten Ziele erreicht.

Erschwernisse: Ebola, Stigmatisierung, Misstrauen, Armut & Überforderung

Sich mit Traumata, Gewalt und Tabus auseinanderzusetzen, erfordert Ruhe und eine vertrauensvolle Umgebung. Hierfür war die Ebola-Epidemie 2014 ein erheblicher Störfaktor. Die tödliche Seuche brachte das Projekt für knapp ein Jahr fast zum Stillstand. Die bis dahin bereits erfolgreich etablierten Solidarsysteme in den Dorfgemeinschaften wurden jedoch für die Ebola-Präventionsarbeit genutzt. Insgesamt ist es den Dorfberaterinnen jedoch in zu wenigen Fällen gelungen, gewaltbetroffene Frauen und Mädchen direkt an Gesundheitspersonal, Kliniken, die Polizei oder Gerichte im Umfeld der Dorfgemeinschaften zu vermitteln.

Stattdessen wurden die Frauen zunächst an die Mitarbeiterinnen von Medica Liberia verwiesen. Hier spielen auch die Angst der Überlebenden vor Stigmatisierung  im nahen Wohnumfeld und das fehlende Vertrauen in staatliche Systeme eine Rolle. Als Lücke im Projektdesign werteten die Gutachterinnen das Fehlen Existenz sichernder Maßnahmen. Auch dass die Dorfberaterinnen ihre Arbeit ehrenamtlich ausführen, könnte sich negativ auf die Nachhaltigkeit und die Motivation auswirken. Doch auch die Anzahl der Mitarbeiterinnen war nach Meinung der Expertinnen für die gewünschten Ziele zu gering angesetzt. Darüber hinaus wird empfohlen, den freiwilligen Helferinnen Mentorinnen als fachliche Begleitung zur Seite zu stellen.

Anpassungen für die Zukunft: Kooperationen, mehr Mitarbeiterinnen & einfaches Trainingsmaterial

Das Ergebnis der Evaluation zeigt deutlich, dass noch viel Anstrengung und die Weiterführung des Projektes nötig sind, um nachhaltige positive Veränderungen sicherzustellen. Die Evaluatorinnen empfehlen unter anderem die verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, um beispielsweise einkommensfördernde Begleitmaßnahmen zu gewährleisten. Bereits in die Planung für die kommende Projektphase mit einbezogen wurden die Empfehlungen, die Zahl der Mitarbeiterinnen zu erhöhen und die Arbeit der freiwilligen Helferinnen durch Mentorinnen zu begleiten. Die inhaltlich guten Trainingskonzepte für die Freiwilligen- und Solidargruppen in den Dorfgemeinschaften werden zukünftig vereinfacht und durch Bildmaterial für die praktische Aufklärungsarbeit ergänzt. Die größte Herausforderung bleibt weiterhin, verbesserte Ansätze zu entwickeln, mit denen das Schweigen und das Stigma rund um sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt gebrochen werden können. Unsere Vision bleibt eine friedliche und gewaltfreie Gesellschaft für Frauen und Mädchen.

Lesen Sie hier die englische Kurzfassung des Evaluationsberichts