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29. April 2016

Erfahrungsaustausch: „Viel mehr als nur ein Job“ – psychosoziale Beratung in Afghanistan

Verstümmelungen, Vergewaltigungen, illegale Abtreibungen, Selbstmordversuche – die Formen und Folgen von Gewalt an Frauen und Mädchen, denen die Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan tagtäglich begegnen, sind so vielfältig wie erschütternd. Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung in Afghanistan ist daher groß. Ende Februar trafen sich die psychosozialen Beraterinnen von Medica Afghanistan, um ihre Erfahrungen auszutauschen und die künftige Arbeit zu planen.

Aufgrund der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan war das Treffen in die indische Stadt Vadodara verlegt worden. Dabei ging es vor allem darum, die Erfahrungen und Wirkungen der laufenden Arbeit zu analysieren und in die Planungen einzubringen. „Im Rahmen des Projekts, das wir zusammen mit Medica Afghanistan entwickeln, wollen wir die psychosoziale Arbeit vor Ort weiter verbessern und langfristig mehr Fachkräfte im stress- und traumasensiblen Ansatz von medica mondiale qualifizieren“, erklärt Projektreferentin Claudia Söder, die für den Workshop nach Indien reiste.

Die einzige Möglichkeit, über Traumata, Ängste und Schmerzen zu sprechen

Derzeit bieten neun Fachkräfte von Medica Afghanistan in Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif psychosoziale Beratung für Frauen an, die sexualisierte oder andere Formen von Gewalt erlebt haben. Neben Gruppen- und Einzelgesprächen in eigenen Beratungsräumen suchen die Beraterinnen die Frauen auch in Krankenhäusern und Gefängnissen auf. Für viele Betroffene sind diese Sitzungen die erste und einzige Möglichkeit, über ihre Traumata, Ängste und Schmerzen zu sprechen und die Gewalterfahrungen aufzuarbeiten. Die Nachfrage ist hoch. Denn Gewalt gehört für viele Frauen und Mädchen in Afghanistan nach wie vor zum Alltag. Das Spektrum reicht von Zwangsheirat über Schläge und Vergewaltigung durch Ehepartner bis zu Erniedrigung und Missachtung ihrer Rechte seitens der Behörden oder Polizei. Diejenigen, die der Gewalt zu entfliehen versuchen, landen oftmals wegen sogenannter moralischer Verbrechen wie Ehebruch im Gefängnis. Statt Hilfe und Unterstützung zu erhalten, werden sie für das Geschehene verantwortlich gemacht, ausgegrenzt und stigmatisiert.

Frauenrechte in Afghanistan: Frauen werden oftmals verhaftet wegen Flucht vor Gewalt

Die Psychologin Hadia Sarwary berät seit 2015 von Gewalt betroffene Frauen im Krankenhaus und Frauengefängnis in Kabul. „Die Arbeit im Gefängnis ist die größte Herausforderung“, erzählt sie. Viele der inhaftierten Frauen stünden extrem unter Druck. Ohne Kontakt nach außen, und ohne zu wissen, wann und wie ihr Fall vor Gericht kommt, litten sie an Ängsten, psychosomatischen Krankheiten und Depressionen. Das Polizei- und Gefängnispersonal behandle die Frauen zudem oft schlecht. Infolge der angespannten Situation, so Sarwary, komme es häufig zu Konflikten und Gewalt unter den Gefangenen. Die Gespräche führt die Psychologin in einem Container auf dem Gefängnisgelände, in dem sie mit ihrer Klientin eingeschlossen wird. Trotz der widrigen Umstände zeigt die Unterstützung Wirkung. „Die Beratungen helfen den Frauen, besser mit ihren Gefühlen und Emotionen umzugehen“, erklärt Sarwary. Das trage auch dazu bei, die Kommunikation untereinander zu verbessern. Sie habe auch schon verzweifelte Frauen vor dem Suizid bewahrt. Derzeit ist Sarwary die einzige Beraterin für rund 270 inhaftierte Frauen.

Bedarf an Beratung und Unterstützung ist enorm – Fortbildung von Fachkräften hilft!

So wie im Gefängnis von Kabul übersteigt der Bedarf an Unterstützung die vorhandenen Kapazitäten auch andernorts bei weitem. Nach wie vor gibt es in Afghanistan zu wenig qualifizierte Beratungskräfte und Anlaufstellen für von Gewalt betroffene Frauen. Gemeinsam setzen sich medica mondiale und Medica Afghanistan dafür ein, psychosoziale Beratung an Krankenhäusern und anderen Einrichtungen zu verankern. Mehrere Hundert Fachkräfte wurden in den letzten Jahren fortgebildet. Noch ist der stress- und traumasensible Ansatz in Afghanistan aber für viele Neuland. „Ich sehe die Frauen, die zu mir in die Klinik kommen, jetzt mit anderen Augen“, berichtet die Gynäkologin Rika Qaderi, die seit zwei Monaten als Beraterin in Mazar-i-Sharif arbeitet. „Wir brauchen mehr solche Trainings für medizinische Kräfte, damit sie die Betroffenen besser unterstützen können“.

Selbstfürsorge ist Voraussetzung dafür, auch morgen noch Kraft als Beraterin zu haben

Von der Wichtigkeit ihrer Arbeit ist auch Najma Amini überzeugt. „Psychosoziale Beratung ist viel mehr als nur ein Job“, sagt die Programmreferentin von Medica Afghanistan in Kabul. Entsprechend hoch ist jedoch auch die Belastung. Möglichkeiten, nach der Arbeit abzuschalten und Abstand zu gewinnen, gibt es kaum. Auf die meisten warten am Abend noch Haushalt und Familie. „Selbstfürsorge nach dieser anstrengenden Arbeit ist wichtig“, erklärt Naeema Nikzad, „im Alltag aber schwierig“. Neben ihrer eigenen Praxis arbeitet die Ärztin seit 2008 als Beraterin im Krankenhaus von Herat.

Was Nikzad bei ihrer Arbeit zu sehen bekommt, ist für die zweifache Mutter oft selbst kaum zu verkraften. Verstümmelungen, Messerstiche und andere Formen häuslicher Gewalt, aber auch Selbstverletzungen, Suizidversuche. Es kommt auch vor, dass Mütter ihre Kinder töten, um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Sobald der Verdacht auf häusliche Gewalt besteht, wird Nikzad vom Krankenhauspersonal hinzugezogen. Hin und wieder kommt ihre Hilfe dennoch zu spät, wenn sie zu Todesfällen nach häuslicher Gewalt gerufen wird. Dann kann sie nur noch dokumentieren, woran die Frau gestorben ist, und hoffen, dass ein Verfahren gegen die Täter eingeleitet wird.

Hintergrundinformationen zur psychosozialen Beratungsarbeit von Medica Afghanistan

Jedes Jahr erhalten rund 750 Frauen psychosoziale Unterstützung in Form von Gruppen- oder Einzelberatung. Neben den Beratungsangeboten organisiert Medica Afghanistan seit 2014 auch Selbsthilfegruppen, in denen sich Frauen unter Anleitung ehemaliger Medica Afghanistan-Klientinnen austauschen und gegenseitig stärken können. 16 dieser Gruppen bestehen derzeit.

Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie Frauen und Mädchen!