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16. Oktober 2015

Empathie ist Ihr Kompass: Tipps für die Arbeit mit geflüchteten Frauen

Viele Frauen erfahren auf ihrer Flucht nach Europa sexualisierte Gewalt, die sich in den Flüchtlingslagern oft fortsetzt. Eine trauma-sensible Herangehensweise von Seiten der HelferInnen ist wichtig, um Überlebende von Gewalt zu unterstützen. Mit 11 Tipps für den Umgang mit geflohenen Frauen wie auch Männern möchte medica mondiale Menschen in der Arbeit mit Zufluchtsuchenden unterstützen.

Seit mehr als 20 Jahren unterstützt medica mondiale Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten, die sexualisierte Gewalt überlebt haben. Mit einer trauma-sensiblen Grundhaltung nehmen wir ihre Situation ganzheitlich in den Blick: Wir wollen sie dabei unterstützen, ihre Erfahrungen zu bewältigen und Strategien zu entwickeln, die erneute Gewalt verhindern.

Aktuell erleben viele Frauen und Mädchen auf der Flucht sexualisierte Gewalt durch Schlepper, Mitflüchtende oder lokale Ordnungskräfte. Angekommen in den überfüllten Flüchtlingsunterkünften setzt sich das oft fort in Form von Übergriffen oder Zwangsprostitution.

Das Erlebte kann für die Frauen lang anhaltende soziale, psychische und körperliche Folgen haben. Um die traumatischen Erfahrungen verarbeiten zu können, ist es für die Überlebenden essentiell, dass sie sich stabilisieren und ein Gefühl der Sicherheit (zurück-)gewinnen können. Hierzu können auch engagierte HelferInnen im Kontakt mit Geflohenen beitragen, beispielsweise indem Sie auf die Kraft ihres Gegenübers vertrauen. Wichtig ist auch, dass Sie als Ehrenamtliche sich nicht überfordern.

Mit den folgenden 11 Tipps – die auch im Umgang mit geflohenen Männern gelten – möchten wir Menschen in der Arbeit mit Zufluchtsuchenden unterstützen und dazu beitragen, dass Stärken und Grenzen – auf beiden Seiten – erkannt und gewahrt werden.

 

  1. Vertrauen Sie der Stärke Ihres Gegenübers. Auch wenn die Frauen traumatische Erfahrungen gemacht haben: Die meisten werden die Folgen des Erlebten aus eigener Kraft überwinden können.

  2. Unterstützen Sie Ihr Gegenüber, diese Stärke auch wahrzunehmen. Fragen Sie die Frau, was ihr in der Vergangenheit gut getan hat. Fragen Sie nach positiven Erinnerungen, nach Zielen und Träumen. Auch wenn die Frau jetzt mit Gefühlen der Hilflosigkeit konfrontiert ist, verfügt sie über viele Kompetenzen.

  3. Vertrauen Sie auf das Bauchgefühl, das Sie auch im Umgang mit anderen Mitmenschen nutzen. Ihre natürliche Empathie ist Ihr Kompass.

  4. Fragen Sie nach, sobald Sie sich unsicher sind, ob Ihr Verhalten angemessen ist. Wenn nicht mit Worten, dann mit einem fragenden Blick oder einer kleinen Skizze.

  5. Für Männer: Suchen Sie keinen Körperkontakt. Für Frauen: Bieten Sie Körperkontakt, zum Beispiel eine Berührung am Arm, nur sehr zurückhaltend an. Achten Sie auf Signale Ihres Gegenübers wie Gesten, um abzuschätzen, ob die Berührung erwünscht ist.

  6. Erklären Sie Ihre Rolle innerhalb des Helfersystems sowie Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung, zum Beispiel, wann Sie wie erreichbar sind und wer Sie vertritt.

  7. Fragen Sie nicht neugierig nach vergangenen Erlebnissen wie Flucht oder dem Krieg. Wenn die Frau signalisiert, erzählen zu wollen, hören Sie aufmerksam zu, aber wahren Sie Grenzen (siehe 8).

  8. Suchen Sie einen Weg das Gespräch umzuleiten, wenn Sie oder Ihr Gegenüber Reaktionen zeigen wie Schwitzen, Zittern, Atembeschwerden, Taubheitsgefühle oder eingeschränkte Wahrnehmung von Zeit und Umgebung. Bieten Sie ein Glas Wasser an, fragen Sie die Frau, ob sie gerne frische Luft hätte und sagen Sie ihr, wie stark es ist, dass sie so schwere Dinge überlebt hat.

  9. Seien Sie geduldig. Stress- und Traumareaktionen können sich in Konzentrationsschwäche äußern. Ärgern Sie sich nicht, wenn Ihre Erklärungen oder Hinweise nicht umgesetzt oder vergessen wurden.

  10. Wahren Sie vor (männlichen) Familienmitgliedern die Intimsphäre der Frau und stellen Sie keine Fragen, die ihre Würde als Frau verletzen oder Schamgefühle berühren könnten.

  11. Überfordern Sie sich nicht. Achten Sie auf die Signale Ihres Körpers, machen Sie Pause vom Helfen und sorgen Sie für Abwechslung in Ihrem Leben - denn Ihre Hilfe wird langfristig gebraucht.

     

Zum Ausdrucken und Weiterleiten an Interessierte finden Sie die Tipps hier als PDF zum Download.

Lesen Sie auch den Kommentar von Monika Hauser zur Flüchtlingsdebatte.