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25. Januar 2011

Eindrücke aus Liberia: Traumatherapeutin Maria Zemp berichtet aus Zwedru

Seit 2003 ist die Krankenschwester, Heilpraktikerin und Traumatherapeutin Maria Zemp regelmäßig als Trainerin von Gesundheitsfachkräften für medica mondiale tätig. Immer wieder fährt die erfahrene Therapeutin im Auftrag von medica mondiale in die Projektgebiete, nach Afghanistan und seit Sommer 2009 auch nach Liberia, um die Mitarbeiterinnen vor Ort sowie medizinisches Personal in staatlichen Krankenhäusern in traumasensibler medizinischer Behandlung und Betreuung zu schulen. Zur Zeit ist Zemp zum zweiten Mal in Liberia. Während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes berichtet sie in E-Mails an ihre Kolleginnen in Köln von ihren ganz persönlichen Eindrücken, von erschwerten Reisebedingungen oder den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Nachbarland Elfenbeinküste.

In Liberia erarbeitet Zemp derzeit gemeinsam mit den liberianischen Mitarbeiterinnen ein mehrjähriges Konzept zur kompetenten Unterstützung von Überlebenden sexualisierter Gewalt. Dies schließt Trainings für Gesundheitsfachkräfte in der Region ein. Im abgelegen Südosten des Landes sind psychosoziale und traumaspezifische Arbeitsansätze weitgehend unbekannt und ausgebildete Fachkräfte schwer zu finden.

Zwedru, 17. Januar 2011
 
Ihr Lieben,

jetzt bin ich also angekommen in Zwedru, im Busch im Südosten von Liberia und sitze bei 30 Grad Wärme im Garten vom Gästehaus von medica mondiale Liberia: Ein ruhiger Ort am Stadtrand von Zwedru, der Hauptstadt vom Grand Gedeh County.

Die Reise gestern war wie immer ziemlich beschwerlich. Diesmal machten nicht die vom Regen aufgeweichten Strassen Probleme – glücklicherweise ist gerade Trockenzeit –  sondern der unglaubliche Staub und die teilweise sehr tiefen Löcher in den Straßen. Wir sind im Konvoi, zusammen mit einem Auto der Deutschen Welthungerhilfe gefahren, insgesamt drei Frauen, ich als einzige von Seiten medica mondiales, die anderen beiden Liberianerinnen, dazu drei Männer der Welthungerhilfe. Nach gut der Hälfte des Weges ging ein Jeep kaputt; da haben wir es doch sehr geschätzt, nicht nur mit einem Wagen unterwegs zu sein, denn so wurde kurzerhand das Gepäck umgeladen in den nicht mehr fahrbereiten Jeep, und wir sind in den anderen Wagen umgestiegen, um ans Ziel zu kommen. Die Welthungerhilfe hatte sofort einen Mechaniker am Telefon, so dass ein weiterer Fahrer und der Mechaniker von Zwedru aus losfuhren, um das stehen gelassene Auto, dort bewacht von einem Fahrer, wieder fit zu machen und abzuholen. Der Fahrer unseres Wagens, ein Engländer, wirkte, als sei er einem Film entsprungen: Er erzählte, wie er einst 30.000 Flüchtlinge aus dem Nordsudan in den Südsudan gebracht hat, in den Bussen jeweils Frauen, Kinder und ältere Menschen, zu Fuß die Männer, alles 50 Kilometer durch die Wüste! Dass er weiß, wie man im Wüstensand fährt, bewies er uns, als wir später 20 Kilometer abgeschleppt werden mussten. Vor lauter aufgewirbeltem Staub von dem Schleppauto vor uns, hatten wir überhaupt keine Sicht mehr, oft waren nicht mal mehr die Warnblinker zu sehen!
 
Auf der Fahrt haben wir Flüchtlinge gesehen, die aus der Elfenbeinküste über die Grenze kommen, insgesamt 27.000 Menschen sollen es sein. Dort wo ich jetzt bin, ist die Grenze zur Elfenbeinküste ganz nah. Die einheimischen Frauen erzählen mir, dass mit ein wenig Geld junge liberianische Männer abgeworben werden, damit sie über die Grenze gehen und in der Elfenbeinküste kämpfen. Damit geht hier die Sorge um, dass diese Kämpfer, wenn sie zurück nach Liberia kommen, ausgerüstet mit Waffen in der Elfenbeinküste, auch hier das Land destabilisieren könnten. Auf der liberianischen Seite der Grenze werden derzeit Flüchtlingscamps errichtet, um vor allem die Frauen und Kinder aufzunehmen, sie zu ernähren und sie möglichst vor Vergewaltigungen zu schützen – so wird offiziell verkündet.  
 
Aus Erfahrung wissen wir, dass auch in den Camps Vergewaltigungen stattfinden, aber es sind  weniger, als wenn die Frauen auf der Flucht sind.
 
Im Herbst finden hier die zweiten freien Wahlen nach dem Krieg statt, bis zum 6. Februar sind die Menschen aufgerufen, sich registrieren zu lassen. Ein Wahljahr bedeutet immer auch Instabilität für ein solches Land, in Den Haag läuft nach wie vor der Prozess gegen Charles Taylor, dem letzten Diktator, der als Kriegsverbrecher angeklagt ist. Hier wird befürchtet, dass das Urteil gegen ihn sehr milde ausfällt, so dass er möglicherweise zurückkommen könnte – ein weiterer Faktor, der über die Zukunft des Landes wesentlich mit entscheiden wird.
 
Ma Ellen, wie sie hier genannt wird, also die Präsidentin Johnson-Sirleaf, hat Konkurrenz. Sie ist nach wie vor gerade bei den Frauen sehr beliebt, ist aber auch nicht ganz unumstritten. für die fortschrittlich denkenden LiberianerInnen scheint es keine Alternative zu ihr zu geben. Ihre Biografie ist erschienen, für alle die so etwas gern lesen – die Männer von der Welthungerhilfe sagen, es soll sehr interessant sein.
 
Nach diesem Ausflug in die Politik zurück hierher:
Ich bin bereits sehr beeindruckt von den liberianischen Frauen. Unsere Programm-Assistentin Diajue Chea ist jung und so powervoll! Sie hat eine ganz direkte, anpackende Art und Weise, versorgt mich mit Infos genauso wie mit Essen, hilft mir, nötige Technik einzurichten, und fährt dann selber am Steuer, wunderschön in einen langen Rock gekleidet, zum Gottesdienst!

Ich wohne hier in einem Bungalow, alle sehr einfach, aber zweckdienlich. Ich wasche mich wie beim Campen: heißes Wasser kochen, mischen mit kaltem Wasser aus der Tonne und los geht die Dusche! Das größte Problem bis jetzt ist meine Matratze, nach der ersten Nacht ist der Schaumstoff bereits so eingedrückt, dass es sich anfühlt, als würde ich auf dem bloßen Holz schlafen. Da mein Rücken von der Reise sowieso sehr ramponiert ist, bin ich nun ständig mit Gymnastikübungen beschäftigt!
 
Morgen geht die inhaltliche Arbeit los, ich freue mich! Hauptaufgabe wird sein, das Programm für die Arbeit im Bereich Reproduktive Gesundheit zu entwickeln – alles in Teamarbeit mit Miatta Sonkarlay, der lokalen Leiterin dieses Programms. Ich habe sie gestern kurz getroffen – sie scheint sehr nett und sehr lebenslustig. Gleich wird sie kommen und mich abholen, dann gehe ich ins Städtchen, um mit ihr zusammen zu essen.
 
Ihr Lieben zu Hause, ich hoffe, ich kann bald über meine inhaltliche Arbeit berichten.
 
Herzliche Grüße
Maria

 

Zwedru, 24. Januar 2011
 
Ihr Lieben,

die erste Woche in Zwedru ist um – im Rückblick fühlt sie sich an wie ein ganzer Monat!

Ich habe gut rein gefunden in die Arbeit, gemeinsam mit Miatta Sonkarlay, der Teamleiterin für reproduktive Gesundheit, habe ich den Berg der Planungsarbeit – die Strategieentwicklung bis 2012 und unsere Pläne für 2011 – erklommen. Wir sehen nun den Weg vor uns und haben den Überblick. Zuvor jedoch, war es wichtig, dass ich mich mit verschiedenen PartnerInnen von medica mondiale Liberia getroffen habe; das größte Treffen war das County health coordination meeting, hier kommen monatlich alle Institutionen der Region zusammen, die zum Thema Gesundheit arbeiten. 

 
Dort haben wir auch erneut über die Situation der Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste diskutiert, eine Arbeitsgruppe wurde eingerichtet, um den Einsatz von zwei mobilen Kliniken zu planen. Inwieweit medica mondiale Liberia auch aktiv wird, muss noch besprochen und geplant werden, da die MitarbeiterInnen im Südosten im Grunde natürlich schon ausgelastet sind.

Allgemein wird erwartet, dass sich die Situation in der Elfenbeinküste weiter zuspitzt, im Radio hörte ich die Diskussion einiger liberianischer JournalistInnen, die beklagten, dass auch sie keine Einreisebewilligung mehr bekommen; offenbar funktioniert die verordnete Nachrichtensperre sehr gut, wir bekommen kaum was mit. Eine solche Situation ist sehr ernst zu nehmen, die Angst macht die Runde, der Konflikt könnte sich zu einem Völkermord – ähnlich wie in Ruanda – ausweiten, einige sagen, er habe bereits begonnen.
 
Dienstag und Donnerstag habe ich zwei Tage lang das Team für reproduktive Gesundheit geschult. Das Training fand in einer Palaver-Hut statt. Dabei habe ich viel gelernt über die verschiedenen Fälle von sexualisierter Gewalt und gesehen, wie vorbildlich die Kolleginnen damit umgehen. Am meisten geht es unter die Haut, wenn Kinder betroffen sind.

Ich habe deutlich spüren können, dass die Kolleginnen unsere Trainingsmethoden eher gewöhnungsbedürftig finden. Das lag wohl nicht nur am Beamer für den Laptop, sondern auch an der Art des Vorgehens. An ihre Spontanität und Gestik reiche ich einfach nicht heran, auch mein südlicher Einschlag hilft da nicht.
 
Ihre Art zu trainieren geht anders, das konnte ich gestern beim Treffen mit den Traditional Trained Midwives, den Hebammen, erleben: Sie sind viel spontaner, direkter, aber auch stark steuernd! Eingeleitet wird mit einem Gospel, dann wird gebetet und danach ein Slogan skandiert, wie zum Beispiel: „Wir sind Frauen, wir kennen unsere Rechte“.
 
Die Hebammen können selten lesen und schreiben, deshalb musste Miatta Sonkarlay die Inhalte des Trainings spontan anpassen – was ihr überhaupt nicht schwer viel, zumindest schien es so. Sie hat das mit so viel Empathie gemacht – bewundernswert! Die Hebammen sprechen eine lokale Sprache, also musste auch Miatta Sonkarlay übersetzt werden. Das hat der Assistent aus der Buschklinik übernommen. Trotz seiner Anwesenheit haben alle total offen über Vergewaltigung und die Folgen geredet. für uns mit dem geschlechtergetrennten Ansatz erstaunlich. Viel wird über Gestik vermittelt und wenn Miatta Sonkarlay über die Brüste spricht, fasst sie ihre auch an. Spätestens wenn ich sehe, wie der Assistent diese Geste ganz selbstverständlich mit seinen imitierten Brüsten nachmacht, kann ich ein freundliches Schmunzeln nicht unterdrücken.

Das Gesundheitsministerium hat Richtlinien erlassen zum Umgang von Gesundheitspersonal mit vergewaltigten Frauen und Kindern. Dazu gehört zum Beispiel das Thema HIV-Prophylaxe, die sogenannte Pille danach, psychosoziale Beratung, Anzeigen bei Gericht. Eine wichtige Aufgabe von Miatta Sonkarlay und ihren Kolleginnen ist es, diese Vorschriften und Empfehlungen an MitarbeiterInnen der Gesundheitsversorgung zu vermitteln und zu überwachen, dass sie eingehalten werden. Deshalb hat sie gestern auch die Hebammen von den neuen Richtlinien unterrichtet.
Eine weiteres Ziel der Schulungen ist es, die Hebammen davon zu überzeugen, Schwangere zur Geburt ins Krankenhaus zu überweisen, um auf diesem Weg die Kindersterblichkeit zu senken. Nun verdienen die Hebammen aber ihr Geld mit den Geburten und das ist ein großes Dilemma.

Die Teilnahme an diesem Training wird bestimmt ein Höhepunkt meines Einsatzes bleiben. Ich wünschte, ihr alle könntet das mal sehen: Es gibt keine bessere Werbeveranstaltung für praktizierten Feminismus und die Arbeit von medica mondiale.
 
Zwischendurch hatte ich ein wenig Zeit, im Busch spazieren zu gehen – natürlich nur auf dem befestigten Weg. Ich hatte Gelegenheit, Pflanzen und Blumen zu riechen und zu betrachten, habe viele Schmetterlinge gesehen, gelbe und blaue Admirale, einige Echsen und konnte hören, dass viele andere, auch größere Tiere in der Nähe waren. Einen kleinen interessanten Vogel habe ich heute Morgen in der Nähe meines Zimmers gesehen: Größe und Gestalt wie ein Kolibri, das Gefieder wie unsere Spatzen.

Während ich dies schreibe, höre ich sehr schöne Reggae-Musik aus den Lautsprechern der Nachbarn. Mein heutiges Sonntagsvergnügen wird eine Cocktailparty am Nachmittag sein. Zusammen mit meiner lokalen Kollegin Diajue Chea treffen wir weitere internationale MitarbeiterInnen anderer Organisationen zu Cola, Fanta und Bier (hier übrigens deutsches Wasser genannt).

Die erste Wochenhälfte bin ich noch hier in Zwedru, für Mittwoch ist mein Rückflug nach Monrovia – geplant. Dort werde ich Anu Pillay, die Leiterin von medica mondiale Liberia, treffen und einen Besuch im Gesundheitsministerium absolvieren. Am Freitagnachmittag geht es zurück nach Hause. Gesundheitlich geht es mir gut, der Rücken hat sich dem Bett angepasst. Es ist schön, dass ich hier die Menschen in ihrer Vielfalt sehe, meine Kolleginnen mit ihrer Kompetenz und ihrer Energie erlebe, feststelle, wie gut wir zusammen arbeiten und durchaus auch viel lachen und Witze machen.

Ich schicke euch viel Wärme, gar Hitze, hoffe es geht euch gut!

Bis bald,
Maria