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26. Juni 2012

DR Kongo: PAIF – medizinische Hilfe und psychosoziale Beratung für Überlebende sexualisierter Gewalt

Projektförderung im Osten der Demokratischen Republik (DR) Kongo: Seit 2004 arbeitet medica mondiale mit der kongolesischen Frauenrechtsorganisation PAIF (Promotion et Appui aux Initiatives Féminines) zusammen, die in den Kivu-Provinzen gezielte Unterstützung für vergewaltige Frauen und Mädchen leistet. PAIF steht den Betroffenen emotional und beratend zur Seite, unterstützt sie wirtschaftlich und bringt sie in Krankenhäuser, zur Polizei und vor Gericht. Darüber hinaus klärt PAIF Familien, Gemeinden und Institutionen über Gewalt gegen Frauen auf, dokumentiert Fälle sexualisierter Gewalt und setzt sich dafür ein, dass die Täter bestraft werden.

Hilfe unter einem Dach

medica mondiale ermöglichte PAIF den Aufbau eines Frauenzentrums in der Provinzhauptstadt Goma, das sich binnen kurzer Zeit zu einer wichtigen Anlauf- und Beratungsstelle für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt entwickelt hat. Neben dem Ausbau des Zentrums unterstützt medica mondiale die Aktivitäten, die in seinen Räumen stattfinden. Damit die Frauen an den Beratungsangeboten, Selbsthilfegruppen und Ausbildungskursen teilnehmen können, werden ihre Kinder im Zentrum betreut und versorgt.

Medizinische Versorgung

Durch die brutalen Vergewaltigungen leiden viele Frauen an inneren Verletzungen, Beckenbrüchen oder Rissen und Infektionen in Vagina und Darm. Bei manchen Frauen sind Gebärmutter und Vagina komplett zerstört. Werden die Verletzung nicht rechtzeitig behandelt, bilden sich Fisteln, Öffnungen zwischen Vagina und Darm oder Blase, und Inkontinenzen. Viele Frauen und Mädchen sind aufgrund der Vergewaltigungen zudem mit dem HI-Virus infiziert. Doch nur die wenigsten Vergewaltigungsopfer haben Zugang zu medizinischer Versorgung.

Die meisten Frauen leben in Dörfern weit ab der Ballungszentren, die Wege sind schlecht und Transportmittel zu den Gesundheitsstationen gibt es kaum. Oft hindern ihre schweren Verletzungen die Frauen und Mädchen daran, den Weg in die nächste Stadt auf sich zu nehmen, um medizinische Hilfe zu suchen. Zudem sind viele Frauen zu arm, um die Transportkosten aufzubringen, geschweige denn die Mittel für Medikamente oder für eine Behandlung.

PAIF ermöglicht bedürftigen Frauen den Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Krankenschwestern übernehmen die Erstversorgung, gesundheitlich-medizinische Beratung sowie Aufklärung und begleiten die Frauen in Krankenstationen und Kliniken. PAIF übernimmt die Kosten für Transport, Medikamente, Untersuchungen oder Operationen.

Beratung und Stabilisierung

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von PAIF ist die Stabilisierung der häufig schwer traumatisierten Frauen und Mädchen. Viele der Überlebenden leiden unter Angst- und Panikattacken, Schamgefühlen, Depressionen und chronischen Schmerzen. Die Beraterinnen von PAIF helfen den Betroffenen, ihre traumatischen Erlebnisse zu bewältigen und Strategien zum Schutz vor der alltäglichen Gewalt zu finden. 2004 gründete PAIF mit Unterstützung durch medica mondiale die erste Frauengruppe namens „Faraja“ in Südkivu. „Faraja“ heißt Trost, denn in der Gruppe begegnen die Frauen anderen Überlebenden, unterstützen sich gegenseitig und finden so einen Weg aus der Isolation. Nach dem Vorbild von „Faraja“ sind in Goma und Kalehe mehrere Frauengruppen entstanden, in denen Überlebende sexualisierter Gewalt ein Forum für Austausch und Rückhalt finden. In Ergänzung zu den Gruppensitzungen nehmen die Frauen zudem auch individuelle Beratungen in Anspruch.

Starthilfe für einen Neuanfang

Viele Frauen, die sexualisierte Gewalt überlebt haben, leben in extremer Armut. Oftmals verstoßen von ihren Familien und Gemeinschaften, müssen sie sich und ihre Kinder alleine ernähren. Um Frauen darin zu befähigen, aus ihrer materiellen Not auszubrechen und ihren Lebensunterhalt eigenständig zu sichern, bietet PAIF den Frauen und Mädchen Alphabetisierungskurse, handwerkliche Schulungen und ökonomische Starthilfen. In mehrmonatigen Ausbildungskursen lernen die Frauen beispielsweise Nähen oder die Herstellung von Backwaren und Säften. In Anschluss an die Kurse fördert PAIF die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Frauen mit Starthilfen: Die Teilnehmerinnen werden finanziell beim Aufbau eines Kleingewerbes unterstützt, oder erhalten Saatgut und Ziegen zur Kleintierzucht. Die Erfahrung der eigenen Geschäftstüchtigkeit stärkt die Selbstsicherheit der Frauen und erhöht ihr Ansehen innerhalb der Gemeinschaften – wichtige Voraussetzungen für einen Neuanfang.

Aufklärung in Familien und Gesellschaft

Die Überlebenden von Vergewaltigungen werden sehr häufig massiv diskriminiert und von ihren Familien, Ehemännern und Gemeinschaften verstoßen. Um der sozialen Ausgrenzung der Frauen entgegenzuwirken, klärt PAIF Familien und Gemeinden in monatlichen Informationsveranstaltungen über die Folgen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf, informiert über Frauenrechte und Männlichkeitsbilder. Darüber hinaus vermitteln die Mitarbeiterinnen zwischen Betroffenen und ihren Angehörigen, damit verstoßene Frauen im Einvernehmen wieder in ihren Familien aufgenommen werden.

Um Gesellschaft und Politik für die Situation der vergewaltigen Frauen zu sensibilisieren und erneuter Gewalt gegen sie vorzubeugen, dokumentiert PAIF die Gewaltverbrechen an Frauen, macht das Ausmaß und die gesellschaftlichen Folgen sexualisierter Gewalttaten öffentlich und setzt sich für die Strafverfolgung der Täter ein. Da es vor Ort kaum Hilfe für Frauen gibt, die sich in akuter Gefahr befinden, sorgt PAIF immer wieder dafür, dass Frauen und Mädchen aus Notsituationen und aus Gefangenschaft freikommen – oftmals unter hohem persönlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen.

Unterstützung der Selbsthilfe durch Qualifizierung

Neben der direkten Unterstützung für vergewaltigte Frauen ist die Weiterbildung der Partnerorganisationen ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von medica mondiale. Die Qualifizierung der Teams vor Ort soll sicherstellen, dass sich die Kongolesinnen in eigener Regie und dauerhaft für eine bessere Situation der Frauen in ihrem Land einsetzen können. medica mondiale bietet den Mitarbeiterinnen von PAIF unter anderem Fortbildungen zum Umgang mit traumatisierten Frauen und zum Schutz vor eigener Überlastung an. Darüber hinaus unterstützt medica mondiale das Team in Projektplanung, Projektmanagement und Finanzen.

medica mondiale unterstützt die kongolesische Frauenrechtsorganisation bereits seit 2004. Im Rahmen eines vierjährigen Projektes erhält sie von 2012-2015 insgesamt rund 665.000 Euro Förderung.