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13. Oktober 2016

DR Kongo: „Nicht auf halbem Weg stehen bleiben“

Wunder vollbringen kann Miracle Zawadi nicht – auch wenn ihr Name "Miracle" auf Deutsch "Wunder" bedeutet. Die 36-jährige Psychologin, die seit März als Fachberaterin für medica mondiale im Süd-Kivu im Einsatz ist, hat sich dennoch viel vorgenommen. „Ich möchte die Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisationen weiter professionalisieren und dabei unterstützen, dass sie mit Worten heilen können“, sagt sie.

Dazu schult und berät sie bei Trainings und Coachings die psychosozialen Kräfte der Partnerinnen. Ziel ist es, so die lokalen Unterstützungsstrukturen zu stärken und besser zu vernetzen und den Kreis psychosozialer Expertinnen kontinuierlich auszubauen. Mehr als 2.400 Kilometer, auf meist unasphaltierten Straßen und per Boot, hat Zawadi dafür bislang zurückgelegt.

Die Angst vor Gewalt prägt das Leben der Frauen

Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung in der Region ist enorm. Seit mehr als 20 Jahren beherrschen bewaffnete Konflikte den Osten des Kongo. „Gewalt ist für die Menschen hier fast zur Normalität geworden“, sagt Zawadi. „Doch Vergewaltigungen rauben den Frauen und Mädchen nicht nur ihre Integrität, sondern auch ihre Chancen.“ Aus Angst vor Übergriffen vermieden es viele, weite Strecken zurückzulegen und alleine unterwegs zu sein. Vor allem die Bildung leide darunter.

Ganzheitliche Unterstützung statt kurzfristiger Hilfe

Am dringendsten brauchen die Gewaltbetroffenen ihrer Ansicht nach psychosoziale Unterstützung und Sicherheit aber auch Bildung und Einkommensmöglichkeiten. Es gebe zwar jede denkbare humanitäre Unterstützung. Die Maßnahmen seien meist jedoch nur punktuell und kurzlebig. „Damit sich langfristig etwas ändert, darf man nicht auf halbem Weg stehen bleiben“, erklärt Zawadi. Umso mehr schätzt die kongolesische Psychologin den nachhaltigen und ganzheitlichen Ansatz von medica mondiale.

Ziel: Vernetzung lokaler Frauenorganisationen

Nach dem Studium in Burundi hat Zawadi für verschiedene Organisationen gearbeitet, zuletzt für das Centre d’Assistance Médico-Psychosociale. Mit einer mobilen Klinik war sie oft Monate in den Kampfgebieten unterwegs, um vergewaltigten Frauen und Mädchen psychosoziale Soforthilfe zu leisten. Dabei traf sie häufig auf schwer traumatisierte Überlebende. Sie weiß daher, wie wichtig es ist, neben der Unterstützung für andere, die Selbstfürsorge nicht zu vernachlässigen. Ihre Freizeit verbringt sie deshalb bewusst mit Menschen aus anderen Berufen. Die Vernetzung lokaler Frauenorganisationen im Süd-Kivu sieht Zawadi als Chance, um den Austausch zu fördern und gegenseitig Kompetenzen zu ergänzen. Natürlich sei die Zusammenarbeit angesichts der unterschiedlichen Strukturen und Ressourcen nicht immer einfach. „Doch es ist viel Potential vorhanden, das es weiterzuentwickeln gilt“, so Zawadi.

Erschienen im memo 2/2016