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01. Februar 2016

Die Schönheit eines Landes sind seine Menschen

Im September 2015 wurden der Kosovo, Albanien und Montenegro zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. Laut Artikel 16a des deutschen Grundgesetzes finden in diesen Ländern „weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung und Behandlung“ statt. Wir sprachen mit Linda Sada, Direktorin unserer Partnerorganisation Medica Gjakova im Kosovo, über fehlende Perspektiven für junge Menschen und ihre Wünsche für die Zukunft.

Der Kosovo als sicheres Herkunftsland, was sagen Sie dazu?

Es gibt im Kosovo keinen Terrorismus und keine akute Lebensgefahr. Aber: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent und 50 Prozent aller Frauen sind erwerbslos. Vor allem junge Menschen im Kosovo – und das sind viele im europäischen Vergleich – finden keinen Job. Und das obwohl sie sehr gut ausgebildet sind. Sie verlassen das Land, um anderswo ihr Glück suchen. Außerdem gehen viele Männer weg, um ihre Familien ernähren zu können. Ich frage mich, wie sich unsere Städte und Dörfer entwickeln, wenn vor allem die Jungen wegziehen. Wie ist es für die, die dabeibleiben, wenn die Hälfte der Häuser im Dorf leer steht? Die Schönheit eines Landes sind doch seine Menschen.

Es verlassen auch viele Frauen das Land. Welche Rolle spielt dabei sexualisierte Gewalt?

Gewalt in der Familie hängt eng zusammen mit der wirtschaftlichen Lage. Die prekäre Situation vieler Familien verstärkt die Spannungen im Alltag und viele Männer reagieren darauf mit Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Das ist nach wie vor ein großes Problem im Kosovo. Gleichzeitig sind die Frauen mittlerweile besser informiert über ihre Rechte und wehren sich.

Gibt es im Kosovo genügend Anlaufstellen für Überlebende?

Nein, es gibt insgesamt nur drei Organisationen, eine davon ist Medica Gjakova. Der Bedarf ist deutlich höher. Wir betreuen die Frauen in Gjakova und Umgebung. Wichtig wären weitere Projekte, denn manche Frauen brauchen mehr Auswahl. Sie können nicht offen sprechen, wenn sie die Beraterinnen persönlich kennen. Neulich haben uns sechs Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, um Unterstützung gebeten. Die von uns empfohlene Organisation wollten sie nicht aufsuchen, weil sie die MitarbeiterInnen kennen. Sie möchten sich lieber Unbekannten anvertrauen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Eine Gesellschaft ohne Gewalt gegen Frauen. Für die Überlebenden im Kosovo wünsche ich mir, dass die Gesellschaft das ihnen zugefügte Unrecht anerkennt und Wiedergutmachung leistet. Für das Land wünsche ich mir weniger Korruption und eine bessere wirtschaftliche Entwicklung. Ich wünsche mir den Kosovo als Teil von Europa – Reisefreiheit inklusive. Vielleicht verlassen ja so viele Menschen das Land, weil sie sich kein Bild machen können vom restlichen Europa?

 

Lesen Sie weiter: „Es warten Armut und Arbeitslosigkeit auf die Menschen“. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Rron Gjinovci über die aktuelle Situation im Kosovo.