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30. September 2008

Der Film „Anonyma“ Anstoß zu einer ernsthaften Diskussion?

Ein großes Wagnis, eine Gratwanderung: Mit dem Spielfilm „Anonyma – eine Frau in Berlin“ wird erstmals das streng tabuisierte Thema der Kriegsvergewaltigungen mit einem Spielfilm in die Kinos gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg und in all den Jahrzehnten danach wollte die Gesellschaft davon nichts hören, und so ist es bis heute geblieben. Hunderttausende betroffener Frauen haben meist geschwiegen über die brutalen Akte sexualisierter Gewalt – die Täter waren auf allen Seiten der Fronten –, und wenn sie darüber sprachen, wurden sie stigmatisiert, ausgegrenzt.

Zu loben ist deshalb der Mut von Produzent (Günter Rohrbach) und Regisseur (Max Färberböck), eine breite Öffentlichkeit zu konfrontieren mit einem Thema, das Frauen und Mädchen in allen Kriegen der Welt betrifft und trotzdem in allen Gesellschaften totgeschwiegen wird. Anerkannt werden muss gewiss auch das Bemühen der Filmemacher, nicht in plumpe Täter-Opfer-Stereotypen zu verfallen nach dem Motto: hier die bösen Russen, dort die von Nazis verführten deutschen Unschuldslämmer. Es geht schon deutlich differenzierter zu in diesem Kinofilm, und trotzdem birgt ein solches Unterfangen auch deutliche Risiken.


Das Drehbuch beruht auf dem in den 50er Jahren zunächst in den USA, später auch in Deutschland veröffentlichte Tagebuch einer „Anonyma“; es sind die authentischen Aufzeichnungen einer Journalistin aus den letzten Kriegstagen in Berlin. Sie hatte sich nach mehreren Vergewaltigungen einen russischen Offizier ausgesucht, der sie – „Wolf unter Wölfen“ – vor weiteren Übergriffen der Sowjetsoldaten schützen sollte.


Und hier wird der Film streckenweise problematisch. Die „Freiwilligkeit“ dieser Entscheidung wird zu wenig hinterfragt. Sie war für „Anonyma“ in verzweifelter Lage Teil der Überlebensstrategie bei minimalem Handlungsspielraum. Im deutschen wie im internationalen Strafrecht gelten diese Gewaltakte gegen Frauen bei Ausnutzung einer Zwangslage eindeutig als Vergewaltigung und Menschenrechtsverletzung. Vergewaltigungen im Krieg haben nichts zu tun mit zwischenmenschlicher Wärme und freundlichen Gefühlen. Realität - das sind unzählige Frauen, die verletzt, verstümmelt, an Körper und Seele beschädigt, geschwängert oder unfruchtbar, ja oft verblutet zurückbleiben. Aber diese Seite der Kriegswirklichkeit wird hier weitgehend ausgeblendet.


Letztendlich erhält die politisch korrekte Darstellung der russischen Männer und die Geschichte von „Anonyma“ und dem russischen Major den Löwenanteil der filmischen Darstellung und leider nicht die Frage, was es heißt, im Kriegskontext vergewaltigt zu werden. Wurde so das Anliegen des Tagebuchs umgesetzt?


Zu sehr wird die Entwicklung einer Mann-Frau-Beziehung in den Fokus gerückt. Sicherlich nicht uninteressant, wie zwei Menschen im Kriegschaos – zwei vermeintliche Feinde – sich hier zumindest zum Ende hin quasi auf Augenhöhe begegnen, aber ist das die Geschichte des Tagebuchs? Warum denn wohl hat die Journalistin täglich ihr Leiden notiert – es war ihre einzige Möglichkeit, ein Stück des eigenen Selbst aus dieser Hölle herauszuretten, so ein wenig Würde zu bewahren.


Gewalt bleibt Gewalt, auch in dieser Ausnahmesituation. Fatal wäre es, wenn beim Kinopublikum der Eindruck entstünde: Die Frauen haben es ja freiwillig gemacht, haben es selbst gewollt. Deutlicher hätte werden müssen, dass es hier um eine aus Todesangst geborene Beziehung mit unüberbrückbarem Machtgefälle geht. Ja, die junge Frau nimmt hier ihr Schicksal selbst in die Hand, will nicht nur Opfer sein. Aber sie kann es nur um den Preis, psychisch einzufrieren – um zu überleben.


Frauen erfahren diese Form der Gewalt in allen Kriegen der Welt, auch heute noch, wie etwa gerade jetzt im Sudan oder der DR Kongo. Vergewaltigungen wurden und werden gezielt und systematisch als Kriegswaffe eingesetzt, Kriegsparteien benutzen diese Gewaltakte, um ihre Gegner emotional niederzuzwingen. Kriegsvergewaltigungen haben eine hohe symbolische Bedeutung und sind in einer Gesellschaft, in der patriarchale Denkweisen vorherrschen, äußerst effektiv. Denn hier wird die Ehre eines Mannes an seinem vermeintlichen Besitz des Körpers einer Frau festgemacht. Durch Vergewaltigungen werden die Frauen und damit die gegnerischen Männer entehrt. Und das hat dramatische Konsequenzen für die Frauen: Viele werden von ihren Familien verstoßen, von ihren Männern verachtet und von der Gesellschaft stigmatisiert. Auch „Anonyma“ wird von ihrem aus dem Krieg heimkehrenden Mann verlassen. „Wie konntest Du mir das antun?“, diese Frage, von so vielen Männern an ihre vergewaltigten Frauen gerichtet, schwebt unausgesprochen auch im Wohnzimmer von „Anonyma“.


Oftmals hieß es, die betroffenen Frauen hätten aus Scham geschwiegen; wessen müssten sich diese Frauen schämen? Es ist diese Angst vor Ausgrenzung in der Gesellschaft, die viele verstummen ließ. Bis heute – 60 Jahre lang – haben die Frauen keinerlei soziale Anerkennung ihres Leids oder gar eine Entschädigung bekommen. Sie kommen nicht vor etwa in den Reden zum Gedenken der Kriegsopfer am Volkstrauertag, kein Mahnmal erinnert an sie. Viele haben unbewusst ihr unverarbeitetes Leiden an die nächste Generation weitergegeben; und oftmals werden die Betroffenen heute als alte Frauen in Pflege- und Altenheimen durch unkundige Behandlung retraumatisiert – das „ewige Tabu“ wirkt bis heute nach.


medica mondiale unterstützt seit nunmehr fünfzehn Jahren Frauen und Mädchen, die von sexualisierter Gewalt in Kriegs.- und Krisengebieten in der Welt betroffen sind. „Zeit zu sprechen“ hieß eine Aufklärungskampagne, die zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland den Zusammenhang dieser Gewaltakte von damals bis heute deutlich macht. Auch der Film „Anonyma“ kann da gewiss einen Beitrag leisten; die Verantwortlichen sollten aber – über das Schicksal der jungen Frau aus Berlin hinaus – das Grundsätzliche dieses schwierigen Themas beim Namen nennen. Das könnte zum Beispiel geschehen, durch zwei einfache Sätze im Nachspann: „Diese Frauen konnten 60 Jahre lang nicht darüber sprechen, weil es keiner hören wollte“ und: „Auch heute und jetzt werden Frauen und Mädchen weltweit in Kriegs- und Krisengebieten vergewaltigt“.

Der Film könnte tatsächlich eine Chance sein, wenn er buchstäblich als „anstößig“ verstanden würde – der Beginn einer neuen, ernsten Diskussion. Wo dieser Film aufhört, fängt die Arbeit von medica mondiale an.

Unter Leitung des Psychiaters Dr. Philipp Kuwert vom Klinikum der Universität Greifswald startete in Mecklenburg-Vorpommern eine Studie zum Thema"Kriegsvergewaltigungen", mit Unterstützung von medica mondiale.

Pressemitteilung der Klinik

Weitergehende Anfragen und Interviewvermittlung:
medica mondiale e.V.
Britta Amorin
(Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
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