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18. Mai 2017

Burundi: Ein Haus der Hoffnung

Versteckt im Zentrum der burundischen Hauptstadt Bujumbura liegt das Haus Marthe Robin. Zwölf Frauen und Mädchen und neun Kinder leben dort derzeit. Manchmal auch mehr. Ihre Familien haben sie verstoßen, als sie schwanger wurden. Das Haus bietet den Müttern und Kindern nicht nur ein Dach über dem Kopf. Psychosoziale Begleitung und verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten eröffnen ihnen auch Chancen für die Zukunft. Vor allem aber trägt das unermüdliche Engagement der Leiterin Godelive Kanyamuneza dazu bei, dass die Frauen wieder Kraft und Hoffnung schöpfen können.

Zwei Betten, eine Leine, um Kleidung aufzuhängen, vorm Fenster ein buntes Tuch als Gardine – viel Platz und Komfort bietet das Zimmer nicht, das sich Bella* mit einer anderen Mutter teilt. Doch die 17-Jährige ist froh, eine sichere Bleibe für sich und ihr Kind gefunden zu haben.

Ein Zufluchtsort für Bella

Wie alle Frauen im Haus Marthe Robin hat sie zuvor auf der Straße gelebt – von ihrer Familie abgelehnt und verlassen, als sie schwanger wurde. Einige der Frauen und Mädchen haben zudem sexualisierte Gewalt erlebt oder sich aus Armut gegen Geld oder Güter auf sexuelle Beziehungen eingelassen. Bei Bella war es ein Nachbarsjunge, der sie mit K.o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt hat.

„Wenn die Mädchen ankommen, sind sie oft apathisch, still, deprimiert und ohne Hoffnung“, berichtet die Leiterin Godelive Kanyamuneza.

Manche seien zudem mangelernährt oder litten an Infektionen. Die gelernte Psychologin fängt sie auf, lässt sie zur Ruhe kommen und begleitet sie vor und nach der Geburt. Die Entbindung selbst erfolgt in einer nahegelegenen Klinik, mit der das Frauenhaus eng zusammenarbeitet. In den letzten Wochen vor der Geburt und der ersten Zeit danach erhalten die Frauen zusätzliche Essensrationen, um Mutter und Kind zu stärken. Außerdem bekommt jede ein Paket mit Säuglingsbedarf wie Windeln, Fläschchen, Decken.

Ausbildung und Zukunft der Frauen sichern

Unter Anleitung von zwei AusbilderInnen können die Frauen während ihrer Zeit im Marthe Robin Nähen oder Kochen oder einen kleinen Handel führen lernen. Zum Abschluss erhalten sie eine Nähmaschine oder finanziellen Zuschuss, die ihnen den Start in die Selbstständigkeit erleichtern sollen. Wenn die Mädchen es wünschen, versucht Godelive ihnen zu ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen.

Ein Tag im Haus Marthe Robin:

Der Tag im Haus Marthe Robin beginnt früh um sechs Uhr, wenn Godelive die Frauen weckt. Jede hat feste Aufgaben – vom Tischdecken und Tee kochen bis zum Abwasch. Um 7:30 Uhr sitzen alle gemeinsam am Frühstückstisch. Die Frauen, die an den Kursen teilnehmen, bereiten noch die Fläschchen für ihre Kinder vor, bevor es zum Unterricht geht. Die Kleinen werden währenddessen von ihren Mitbewohnerinnen betreut, die auch die Mahlzeiten für die Gruppe zubereiten. So lernen die jungen Mütter, die ja selbst oft fast noch Kinder sind, neben Haushalt und Kinderpflege zugleich Verantwortung zu übernehmen.

Nach dem Abendessen bleibt noch Zeit auszuruhen, zu quatschen und Pläne zu schmieden. Die Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung helfen den Frauen, wieder Selbstvertrauen und Mut zu schöpfen. Zudem kommt regelmäßig eine Psychologin ins Haus, die die Frauen und Mädchen einzeln berät. „Ich habe oft gesehen, wie junge Frauen auf der Straße landen, nur weil sie schwanger sind“, erzählt Godelive. „Manche setzen ihre Babys aus Verzweiflung aus oder werfen sie auf den Müll“. Als die Ordensschwester 2013 mit zwei Räumen anfing, hatte sie nicht mit so viel Zulauf gerechnet. Schon bald war ein größeres Haus nötig. Der andauernde Gewaltkonflikt im Land zwang sie schließlich ins Stadtzentrum zu ziehen, wo es sicherer ist.

Finanzierung aus Spenden

Finanziert wird die Arbeit ausschließlich durch Spenden. Mit ihrem beharrlichen Einsatz ist es Godelive gelungen, zudem rund 20 ehrenamtliche UnterstützerInnen zu gewinnen. Drei bis sechs Monate bleiben die jungen Mütter im Durchschnitt. Während dieser Zeit versucht Godelive, den Kontakt zur Familie wiederherzustellen. Die meisten können nach der Vermittlung zurück in ihre Familien. Oft kommen sie aber weiter vorbei, oder Godelieve besucht sie, um zu sehen, ob es ihnen und den Kindern gut geht. Wegen der Wirtschaftskrise und wachsenden Armut, berichtet sie, sinke jedoch die Bereitschaft, die Mütter wiederaufzunehmen. Ein Teil der Frauen und Mädchen wird daher in Wohngemeinschaften untergebracht.

Bellas Zuversicht

Vor kurzem hat auch Bella ihren Nähkurs begonnen. Stolz zeigt sie die kleinen Schuluniformen, die sie angefertigt hat. Seit sie erschöpft und hochschwanger vor wenigen Wochen auf der Schwelle des Hauses stand, ist die junge Frau sichtlich aufgeblüht. „Das Haus ist ein Ort, wo wir zur Ruhe kommen können“, sagt sie. „Es ist wie eine gute Mutter, die dich mit offenen Armen aufnimmt, dir Frieden und Zuversicht gibt.“ Zusammen mit Godelive hat sie auch erstmals wieder ihre Familie besucht und das Enkelkind vorgestellt. Ein Anfang – immerhin.

*Name geändert

Der Artikel "Haus der Hoffnung" ist im memo (Mai 2017) erschienen.