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16. März 2017

Blog-Interview mit Sybille Fezer: "Die Perspektivlosigkeit der Menschen führt zu einer erhöhten Gewalt gegen Frauen und Kinder"

Die Bloggerin Katharina Lotter wollte mehr über Vergewaltigung als Kriegswaffe erfahren und wissen, wie eine nachhaltige Hilfe für Frauen im Nordirak aussehen kann. Darüber sprach sie mit Sybille Fezer, Geschäftsführerin von medica mondiale.

Unterstützung für Frauen vor Ort oder im Westen?

Frau Fezer, im vergangenen Jahr wurde im Zusammenhang mit den Kämpfen in Syrien und dem Irak hierzulande immer wieder diese Forderung formuliert: „Holt die Leute dort raus und bringt sie hierher in den Westen. Vor allem Frauen und Kinder. Hier haben wir Sicherheit, hier haben wir die Ressourcen, um zu helfen.“ Was ist von dieser Forderung zu halten?

Weder ist das realisierbar noch unbedingt der richtige Weg. Ganz grundsätzlich sagen wir: Jede Frau muss selbst entscheiden können, was für ihre Heilung am wichtigsten ist. Man kann sie nicht einfach irgendwo rausholen und wegbringen. Uns geht es um Selbstbestimmung, aber auch darum, dass das soziale Umfeld Verantwortung übernimmt. Deshalb stehen wir solchen Ansätzen kritisch gegenüber.

Warum?

In allen Ländern, in denen wir tätig sind, haben wir die Erfahrung gemacht, dass das soziale Umfeld das Leid der Frauen und die an ihnen begangenen Kriegsverbrechen anerkennen muss. Wenn die Frauen isoliert hierhergeholt werden, fehlt ihnen dieser heilende psychosoziale Aspekt. Sie sind in einem fremden Land und einer völlig anderen Kultur, sprechen die Sprache nicht. Ihr Aufenthaltsstatus ist nicht dauerhaft geklärt. Sie können hier zunächst nicht arbeiten und machen sich aber jeden Tag Sorgen um ihre Familienmitglieder, die weit entfernt sind und sie im Alltag nicht mehr unterstützen können. All das wirkt einer Stabilisierung sogar entgegen. Außerdem sollten die Verbrechen dort, wo sie stattgefunden haben, als solche anerkannt und möglichst auch bearbeitet werden. Zudem besteht die Gefahr, dass man einzelne Gruppen besonders privilegiert: Warum die Jesidinnen, und aber nicht die sunnitischen Araberinnen im Nordirak, die teilweise durch den IS und durch schiitische Milizen vergewaltigt wurden? Warum nicht die Frauen aus der Demokratischen Republik Kongo, die seit Jahrzehnten Vergewaltigungen erleben? Das halte ich für eine kaum lösbare Frage: Wo zieht man da die Grenze, und warum gerade dort? Ich glaube, dass Ansätze, die vor Ort stärken und vor Ort gesellschaftlich wirken – und das kann nur über die Menschen vor Ort funktionieren – langfristig gesehen wirksamer sind.

Die Frauenbewegung im Nordirak

Wie hat sich medica mondiale denn im Nordirak organisiert?

Wir haben dort ein kleines Büro: Eine kurdische Kollegin koordiniert und organisiert unsere Arbeit vor Ort, dazu gibt es eine Buchhalterin und einen Fahrer. Ansonsten arbeiten wir, wie in vielen anderen Ländern auch, mit lokalen Frauenorganisationen zusammen. Im Nordirak unterstützen wir außerdem die Ausbildung staatlicher Gesundheitsfachkräfte, die mit vergewaltigten Frauen arbeiten. Im kurdischen Teil des Nordirak gibt es schon seit einigen Jahrzehnten eine sehr aktive Frauenbewegung, die sich für bessere Schutzgesetze engagiert. Es existieren dort also bereits staatliche Strukturen für Frauen, wie wir sie in vielen anderen Einsätzen bisher noch nicht vorgefunden haben.

Ist das ein Ausnahmefall?

Ja, das ist eine besondere Situation. Im kurdischen Nordirak gibt es den politischen Willen, etwas für Frauen zu tun. Das ist nicht immer so. Die Polizei dort hat eigene Anlaufstellen für Frauen eingerichtet, die Gewalt erlebt haben. In Dohuk stehen das Survivor Center, eine Außenstelle des lokalen Krankenhauses, sowie ein Frauenschutzhaus. Wir unterstützen diese Einrichtungen durch Aus- und Weiterbildungsangebote sowie das Frauenhaus auch bei der Ausstattung. Das Survivor Center war unser erster Zugang zu Überlebenden sexualisierter Gewalt im Nordirak. Es wurde von Psychologinnen und Ärztinnen der kurdischen Autonomiebehörde vor Ort gegründet, vor allem für Frauen, die dem sogenannten IS entkommen sind. Über die Berliner Organisation Haukari, die in Sulaymaniyah arbeitet, unterstützen wir auch Frauen und Mädchen direkt in den Flüchtlingslagern an der irakisch-iranischen Grenze. Das sind Lager, die international kaum wahrgenommen werden.

Gewalt gegen Frauen im Nordirak

Ist Gewalt gegen Frauen im Nordirak vor allem ein aktuelles Problem wegen des IS?

Nein. Das Survivor Center ist zwar vor allem für Frauen da, die Gewalt durch die Terrormiliz IS erfahren haben. In die Polizeidienststellen hingegen kommen vermehrt Frauen, die im familiären Umfeld Gewalt erleben. Trotz fortschrittlicher Gesetze und den Errungenschaften der Frauenbewegung im kurdischen Nordirak ist das noch immer eine sehr patriarchale Gesellschaft, in der sich die Vorstellung fortsetzt, Frauen seien minderwertig und hätten weniger Rechte. Wir dürfen nicht vergessen: Die gesamte Region ist seit Jahrzehnten einer hohen Gewalt ausgesetzt: Saddam Hussein ist mit Giftgas gegen die Kurden vorgegangen, es gab den irakisch-iranischen Krieg und Parteienkriege in der Region. Frauen, die sich an Beratungszentren wenden, haben sehr oft mehrfache, wiederkehrende Traumatisierungen erlebt: lebenslange Diskriminierungen, Vergewaltigungen, Massaker, Vertreibung, Flucht, Bomben. Sie haben ihre Männer verloren, ihre Kinder verloren, ihre Häuser verloren, wurden sexuell versklavt. Was ihnen vom sogenannten IS angetan wurde, wird hierzulande medial am stärksten verbreitet, aber dahinter steht eine Menge an weiteren Gewalterfahrungen. In den Flüchtlingslagern setzt sich das fort. Die Perspektivlosigkeit der Menschen dort führt zu einer erhöhten Gewalt gegen Frauen und Kinder und zu Frühverheiratungen junger Mädchen, damit sich die Familien finanziell nicht mehr um sie kümmern müssen.

Kriegsvergewaltigungen

Warum spielen in Kriegszeiten Vergewaltigungen und andere Gewalt gegen Frauen eine so große Rolle?

Dazu gibt es eine Vielzahl an Theorien. Letztendlich aber geht es immer um Macht. In der Familie wird durch Gewalt deutlich gemacht, wer das Sagen hat. Im Fall von Kriegsvergewaltigungen ist die Ausübung von Macht über den weiblichen Körper vor allem eine Botschaft an den Gegner: Ihr könnt Eure Frauen nicht beschützen. Frauen werden oft als minderwertig angesehen, auch in friedlichen Zeiten. Die Ehre der Familie ist an die Frau geknüpft und die Frau ist der persönliche Besitz des Mannes. Dieser Sexismus bereitet den Boden für derartige Gewalt und lässt sie immer weiter eskalieren: Besitz und Ehre wurden verletzt, also nimmt man Rache, und diese Rache richtet sich wiederum genauso gegen die Frauen des Gegners. Und so potenziert sich das in Kriegszeiten. Die Frauen werden zum Objekt, über das dem Gegner eine Botschaft geschickt wird.

Also sind Kriegsvergewaltigungen kein Zufall und mehr als nur ein übler Nebenschauplatz?

Nein, das passiert auf keinen Fall nur zufällig und nebenbei. Sexualisierte Gewalt wird systematisch eingesetzt und ist Teil der Kriegshandlungen. Es geht um die Zerstörung des weiblichen Körpers und der Reproduktionsfähigkeit des Gegners. Oder: Die Frauen des Gegners werden geschwängert, damit sie die Kinder ihrer Gegner austragen. In beiden Fällen soll die „gegnerische Gesellschaft“ langfristig zersetzt werden. Solche Ereignisse wirken auch über die Zeit des Krieges hinaus fort, wenn traumatisierte Frauen ihre Kinder und Enkelkinder großziehen und als „Beschmutzte“ diskriminiert werden.

Unterstützung der Frauen

Was brauchen Frauen, um das Erlebte verarbeiten zu können?

Für die Frauen ist vor allem wichtig, dass ihre Sicherheit wiederhergestellt wird, und dass sie dabei unterstützt werden, ihre Selbstwirksamkeit und ihren Selbstwert wieder zu steigern. Hinter ihnen liegen oftmals viele Monate in Gefangenschaft. Wir arbeiten deshalb weniger klinisch-therapeutisch, sondern vielmehr psychosozial, also mit der Psyche und mit dem sozialen Umfeld. Die Förderung von Solidarität und sozialer Verbindung ist sehr, sehr wichtig für die Stabilität der Frauen. Wir wissen das auch aus unserer Langzeitstudie aus Bosnien und Herzegowina: Frauen brauchen ein Umfeld, in dem sie nicht diskriminiert, sondern akzeptiert und anerkannt werden und in dem sie darüber sprechen können, was ihnen widerfahren ist. Die Studie zeigt, dass Frauen, bei denen das der Fall ist, viel weniger chronische Symptome entwickeln. Deshalb achten unsere Kolleginnen vor Ort gemeinsam mit den von uns ausgebildeten Ärztinnen, Psychologinnen und dem Krankenhauspersonaldarauf, dass das soziale Umfeld in den Heilungsprozess miteinbezogen wird.

Das ganze Interview zum Nachlesen auf dem Blog Salonkolumnisten.