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15. Mai 2013

Albanien: Medica Tirana 1999-2013

Auch eine Generation nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur leiden albanische Frauen noch sehr unter patriarchalen Strukturen. Armut, hohe Arbeitslosigkeit und Gewalt prägen ihren Alltag. Seit 1999 hat Medica Tirana tausende Frauen unterstützt und dazu beigetragen, dass Zwangsheirat, Gewalt in der Familie oder Blutrache in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Medica Tirana hat im April 2013 seine Tätigkeit eingestellt.

1999: Ein Therapiezentrum entsteht

Als tausende Kosovarinnen 1999 vor dem Kosovokrieg nach Albanien fliehen, gründete medica mondiale gemeinsam mit albanischen Expertinnen ein Hilfsprojekt zur Unterstützung der Flüchtlinge. Schnell wurde klar, dass die Zusammenarbeit in Albanien auch nach dem Krieg weitergehen muss. Die Situation für Frauen ist dort zu dieser Zeit katastrophal. Viele wurden in den Straflagern des kommunistischen Regimes vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen oder sind in ihren Familien nach dem patriarchalen Gewohnheitsrecht „Kanun“ unterdrückt.

Ganzheitliche Unterstützung

In Albaniens Hauptstadt baute medica mondiale das Therapie- und Beratungszentrum Medica Tirana auf. Neben medizinischer und psychosozialer Beratung boten die Mitarbeiterinnen von Gewalt betroffenen Frauen offene Gesprächsrunden an, in denen sie über ihre Erlebnisse sprechen können. Vergewaltigung unterliegt in Albanien einem Tabu, die meisten Betroffenen bleiben daher mit ihrem Trauma allein. Mit einem ganzheitlichen Ansatz, der neben der körperlichen auch die seelische Gesundung der Frauen in den Blick nimmt, entwickelte sich Medica Tirana zu einer wichtigen Anlaufstelle.

2004: Perspektiven schaffen

2004 wurde Medica Tirana offiziell selbstständig und als nationale Frauenrechtsorganisation in Albanien registriert. Mehrmals in der Woche fuhren Mitarbeiterinnen auch in die Randbezirke der Hauptstadt, da gerade dort viele Frauen und Mädchen in einer von Armut und Gewalt geprägten Umgebung leben. Medica Tirana bot den Frauen Beratungsgespräche, gesundheitliche Aufklärung, rechtliche Unterstützung und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten an. In dreimonatigen Berufskursen konnten sie zudem ein Handwerk erlernen, das ihnen den Einstieg in die Erwerbstätigkeit ermöglichte.

2013: Getrennte Wege gehen

Den erfolgreichen Einsatz von Medica Tirana bezeugen mehr als 15.000 Albanerinnen, die mit Hilfe der Organisation ihre Gewalterfahrungen verarbeiten und wieder neuen Lebensmut fassen konnten. Leider haben Korruption, extreme Armut und fehlende Perspektiven letztlich viele engagierte Mitarbeiterinnen dazu bewegt, das Land zu verlassen. Neben ihrem berechtigten Wunsch, zukunftsfähigere Lebensbedingungen im Ausland zu suchen, war es nicht möglich, nachhaltige Strukturen vor Ort zu festigen. Aus diesem Grund hat Medica Tirana im April 2013 seine Tätigkeit eingestellt.