Zurück zur Übersicht
10. Dezember 2012

Afghanistan-Tagung - Gefährdet Gewalt gegen Frauen den Friedensprozess?

"Gewalt gegen Frauen ist eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit – in Afghanistan und weltweit." Mit dieser Feststellung eröffnete Monika Hauser die internationale Konferenz "Hoffnung auf Frieden und Angst um die Frauenrechte in Afghanistan", die vom 30. November bis 1. Dezember in Bonn Bad Godesberg stattfand. Etwa 80 Gäste waren gekommen, um gemeinsam mit Frauenrechtsverteidigerinnen aus Afghanistan und deutschen Afghanistan-ExpertInnen über die Chancen für einen gerechten Frieden in dem Land zu diskutieren. Nach wie vor leben die meisten afghanischen Frauen und Mädchen in einem Klima der Gewalt und werden ihre Stimmen auf politischer Ebene nicht gehört.

In ihrem Eingangsvortrag betonte Hauser, dass es ohne die Umsetzung von Frauenrechten und den Abbau der Gewalt gegen Frauen keinen nachhaltigen Frieden in Afghanistan geben kann. Sie unterstrich, dass dies eine zentrale Aufgabe der Bundesregierung sei. Und zwar nicht erst nach dem geplanten Truppenabzug im Jahr 2014, sondern bereits heute. In den letzten elf Jahren ihrer Beteiligung am internationalen Einsatz habe sie die Rechte der afghanischen Frauen sträflich vernachlässigt.

Strukturelle, sexualisierte und innerfamiliäre Gewalt ist eine Verletzung der Frauen- und Menschenrechte. Deshalb lautet die zentrale Forderung: Um Frieden in die Familien und in das vom Jahrzehnte langen Krieg erschütterte Land zu bringen, muss der Militarismus auf afghanischer und internationaler Seite überwunden werden. Die Trägerin des alternativen Nobelpreises und des NRW-Staatspreises Monika Hauser prangerte die einseitige Ausrichtung der internationalen Afghanistan-Politik auf Militärinterventionen an. Der Aufbau eines Rechtstaates, der auch diesen Namen verdient, und die Stärkung der Zivilgesellschaft seien militärischen Zielen bislang immer untergeordnet worden. Hauser kritisierte, dass die Bundesregierung auch bei künftigen Verhandlungen über die politische Zukunft Afghanistans eher die bewaffneten Konfliktparteien einbeziehen will als die Zivilgesellschaft. Und das, obwohl Frauenorganisationen sich erfolgreich für Rechtsreformen einsetzten und Polizisten grundlegende Frauen- und Menschenrechte beibrächten.

Frauenrechte seien der Schlüssel zu Befriedung eines Landes, unterstrich Hauser. Seit Beginn ihrer Tätigkeit im Jahr 2002 ist die von medica mondiale aufgebaute afghanische Nichtregierungsorganisation Medica Afghanistan federführend an vielen Gesetzesnovellen beteiligt, die die Rechte afghanischer Frauen betreffen. Was diese bräuchten, wüssten die afghanischen Mitarbeiterinnen vor allem aufgrund der langjährigen rechtlichen und psychosozialen Begleitung und Beratung von Frauen, die von Gewalt betroffen sind, so Hauser weiter.

Zarghona Ahmadzai ist eine der engagierten Psychologinnen von Medica Afghanistan, die Einzel- und Gruppenberatungen für Frauen anbieten. Ahmadzai erläuterte, dass ihre Arbeit Frauen in Kabul und in anderen größeren Städten wie Mazar-i-Sharif und Herat erreiche. Wichtig wäre es, die Hilfsangebote auch auf ländliche Gebiete und alle Provinzen auszudehnen, da Frauen dort besonders leiden. Gründe dafür seien patriarchale Gesellschaftsstrukturen, Armut, fehlende Schutzmöglichkeiten für Frauen sowie ein Mangel an Rechtsstaatlichkeit, extreme Korruption und die äußerst angespannte Sicherheitslage. So werden noch immer Mädchen zwangsverheiratet, um Konflikte zwischen Familien zu schlichten. Hunderte Frauen befinden sich derzeit in afghanischen Gefängnissen ein, die Hälfte von ihnen wegen so genannter moralischer Verbrechen – das heißt, sie wurden vergewaltigt oder haben ihre Familie nach Zwangsheirat oder Schikanen verlassen. Um die Situation der Mädchen und Frauen nachhaltig zu verändern, arbeite Medica Afghanistan zudem eng mit den verantwortlichen staatlichen Stellen zusammen, erklärte Ahmadzai.

Auch die Juristin und Genderexpertin Sajia Behgam kennt die Nöte afghanischer Frauen gut. Über mehrere Jahre war sie als Referentin für Frauenrechte bei Medica Afghanistan tätig. In dieser Zeit betreute sie etliche Frauen, die zu Unrecht inhaftiert worden waren. Während der Tagung unterstrich Behgam, dass es inzwischen zahlreiche Gesetze in Afghanistan gäbe, die Frauen konkret helfen könnten, wenn sie denn auch umgesetzt würden. Einige Gesetzesreformen orientierten sich an internationalen Frauen- und Menschenrechten. Ebenso seien etliche politische Leitlinien zur Geschlechtergerechtigkeit und Aktionsprogramme zur gezielten Situationsverbesserung von Frauen verabschiedet worden. Sie hofft, dass solche Erfolge nach dem Truppenabzug 2014 nicht wieder verloren gingen.

Dr. Ute Scheub, Expertin für Friedenspolitik von Frauen, zeigte die historischen Hintergründe der Gewaltkonflikte in Afghanistan auf und veranschaulichte, wieso die Reformansätze so wichtig seien. Sie belegte an zahlreichen Beispielen, dass Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit Grundvoraussetzungen für Friedens- und Entwicklungsprozesse sind.

Thomas Ruttig, Direktor des Afghanistan Analysts Network und langjähriger Kenner des Landes, spannte den Bogen zwischen der Problemlage von Frauen und den Herausforderungen, die zivilgesellschaftliche Organisationen bewältigen müssen. Dabei ging er auf übergeordnete politische Strukturen ein, die eine Befriedung und Verbesserung der Situation erschweren, etwa die grassierende Korruption und konkurrierende Machthaber auf unterschiedlichen Ebenen.

Die Bundesregierung war durch Erik Kurzweil, den stellvertretenden Referatsleiter des Arbeitsstabs Afghanistan/Pakistan beim Auswärtigen Amt vertreten. Kurzweil stellte das Engagement der Bundesregierung für Frauenrechte vor. Bei verschiedenen Verhandlungen und Konferenzen hätten deutsche PolitikerInnen die Berücksichtigung von Frauenrechten verlangt. Auch der Vorsitz der internationalen Kontaktgruppe zu Afghanistan werde für dieses Ziel genutzt. Unter anderem habe sein Amt im Rahmen der Polizeireform die Ausbildung von Polizistinnen gefördert. Deren Ehemänner hätten zuvor Trainings erhalten, um den Berufsweg der Frauen anzuerkennen.

Die Entwicklung des Sicherheitssektors schätzte Dr. Janet Kursawe, Mitarbeiterin der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. in Heidelberg, deutlich kritischer ein. Sie bemängelte die Fokussierung der Internationalen Sicherheitsunterstützergruppe, International Security Assistance Force (ISAF), auf militärische Sicherheit. Im Lauf der Jahre habe das Konzept der menschlichen Sicherheit an Bedeutung verloren und die Aufstockung der ISAF-Truppen zu weiteren Eskalationen geführt. Die Afghanistan-Expertin benannte außerdem die Fehler, die beim übereilten Aufbau von Verwaltungseinheiten gemacht wurden: Unter anderem seien ethnische Konflikte geschürt worden, indem mit internationaler finanzieller Unterstützung tadschikische Kriegsherren aufgerüstet wurden und diese nun gegen Taleban vorgingen. Solche Maßnahmen hätten das Vertrauen der lokalen Bevölkerung in die internationale Staatengemeinschaft stark belastet.

Wie wichtig es wäre, Vertreterinnen der Zivilgesellschaft mehr Gehör zu schenken, unterstrich auch Vida Faizi, Leiterin des Bereichs Psychosoziale Beratung und Gesundheit von Medica Afghanistan. Außerdem erklärte sie, dass Frauenrechte mehrdimensional betrachtet werden müssten, um Gewalt gegen Frauen zu beenden. Nur wenn der Zugang zu Gesundheit und Bildung für Frauen und Mädchen gewährleistet sei und die bewaffneten Auseinandersetzungen endlich endeten, könne es wirklichen Frieden geben. Die Aktivistin bekräftigte, dass der überwiegende Teil der Menschen in Afghanistan sich nach einem solchen Frieden sehnte.

Die Tagung war eine Kooperationsveranstaltung zwischen medica mondiale und der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Tagungs-Dokumentation:
„Hoffnung auf Frieden und Angst um die Frauenrechte in Afghanistan – Gefährdet Gewalt gegen Frauen den Friedensprozess?"

Text: Rita Schäfer
Fotos: © Knut Simon