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12. Juni 2012

Afghanistan: Psychosoziale Beratung jetzt auch in Mazar-i-Sharif

Das Rechtshilfeangebot von Medica Afghanistan in Mazar-i-Sharif existiert inzwischen seit rund acht Jahren. Es erhielt mit der neu eingeführten psychosozialen Beratung durch zwei Fachfrauen kürzlich eine wertvolle Ergänzung. Die Leiterin für den Bereich Psychosoziales und Gesundheit, Vida Faizi, veranschaulichte die dringende Notwendigkeit der Beratungsarbeit beim Besuch Kölner Kolleginnen von medica mondiale in Kabul. Sie unterstrich dabei die stärkende Wirkung psychosozialer Beratung auf gewaltbetroffene Frauen - insbesondere im Hinblick auf bevorstehende Vermittlungsgespräche mit Familienangehörigen oder Strafverfahren.

In Kabul und Herat machen die Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan schon seit vielen Jahren positive Erfahrungen mit der Kombination aus Rechtshilfe und psychosozialer Beratung. "Besonders für jene Frauen, die unsere Rechtshilfe aufgrund erlebter Gewalt aufsuchen, ist eine traumasensible, psychosoziale Beratung absolut notwendig", berichtet Vida Faizi aus ihrem Arbeitsalltag. "Unsere Klientinnen leiden an unterschiedlichen psychischen Problemen, die unter anderem dazu führen, dass sie ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle haben, keine klaren Entscheidungen mehr treffen können, dass sie vereinsamen und verarmen. Viele verlieren die Unterstützung ihrer Familien und so auch ihre Hoffnung."

In ihrer täglichen Arbeit seien die Rechtshelferinnen mit unterschiedlichen Schicksalen konfrontiert, erklärt Faizi. Viele Klientinnen hätten sexualisierte Gewalt in der Familie erlebt, seien gegen ihren Willen oder noch als Minderjährige verheiratet worden und litten unter permanenter körperlicher, seelischer und sexueller Misshandlung. Die Folgen seien Depressionen, Panikattacken und andere Traumareaktionen. Nach Faizis Überzeugung können Frauen, die durch sexualisierte Gewalt traumatisiert sind, ohne psychosoziale Beratung keine Gerechtigkeit erfahren: "Die Erfahrung zeigt, dass vielen Frauen durch das Verhalten der Polizei, der Richter und der Staatsanwälte geschadet wird. Diese Personen misshandeln die Frauen mit Worten, was sich negativ auf deren Selbstbewusstsein auswirkt. Viele sind emotional nicht in der Lage, einen Prozess durchzuhalten." Eine vorbereitende und begleitende Beratung kann diese Frauen stärken und für die Belastungen im Strafprozess wappnen - zukünftig auch in Mazar-i Sharif.

Pilotprojekt im Vorfeld: "Ich konnte sehen, dass die Frauen stärker geworden waren."

Die Einführung der psychosozialen Beratung in der nordafghanischen Stadt wurde sorgfältig vorbereitet. In Gesprächen mit VertreterInnen des Frauengefängnisses, der Jugend-Strafanstalt für Mädchen und des Frauenschutzhauses kristallisierte sich schnell heraus, dass die dort untergebrachten Frauen und Mädchen keinen Zugang zu psychosozialen Beratungen haben. medica mondiale Köln war den Kolleginnen in Kabul daraufhin behilflich, für das Beratungsprojekt eine stabile Finanzierung zu sichern. Im Vorfeld des neuen Vorhabens startete Medica Afghanistan ein halbjähriges Pilot­projekt in Mazar-i Sharif. Vida Faizi ist sehr glücklich darüber, wie die beratenen Frauen in den wenigen Monaten des Pilotprojektes schrittweise in das gesellschaftliche Leben zurückgefunden haben: "Ich konnte sehen, dass die Frauen stärker geworden waren, gestärkt darin, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, über ihre Probleme zu sprechen, wie zum Beispiel über sexualisierte Gewalt in der Familie. Sie fingen an, sich wieder für das Leben um sie herum zu interessieren, wollten wieder lernen und arbeiten".

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Erschienen im Newsletter 1-2012