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21. Mai 2013

20 Jahre Medica Zenica: "Es liegt noch viel Arbeit vor uns"

Im Therapiezentrum von Medica Zenica fanden Tausende traumatisierte Frauen nach dem Krieg in Bosnien überlebenswichtige Unterstützung. Im Gespräch erklärt Sabiha Husič, Leiterin von Medica Zenica, vor welchen Herausforderungen die Organisation heute steht.

 

 

 

 

 

Liebe Sabiha Husič, 20 Jahre Medica Zenica – was hat Ihre Organisation erreicht?

Nach Ende des Krieges fanden einige Frauen den Mut, von ihren Schicksalen zu berichten. Monika Hauser, die Gründerin von Medica Zenica, erkannte die Bedürfnisse dieser Frauen, stand ihnen mit medizinischer, psychosozialer und materieller Hilfe zur Seite. Damit war sie eine der ganz wenigen, die überhaupt etwas für diese Frauen taten. Der bosnische Staat war nach Kriegsende weder in der Lage zu helfen, noch war er willens, sich mit der äußerst schwierigen Situation der Betroffenen auseinanderzusetzen. Tausende von ihnen hat Medica Zenica in den letzten 20 Jahren begleitet, ihnen einen sicheren Ort gegeben, damit sie wieder Selbstvertrauen und Hoffnung für die Zukunft entwickeln konnten. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns. Bis heute hat ein Großteil der Überlebenden noch immer keine Unterstützung erhalten.

Was hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in ihrer Arbeit verändert?

Heute arbeiten wir mehr mit staatlichen Einrichtungen, Ministerien und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Das ist nicht immer leicht. Die Probleme der Frauen haben für viele keine Priorität. Die Opfer glauben, dass der bosnische Staat sie vergessen habe, dass nur Organisationen wie Medica Zenica sich ihrer Probleme annehmen. Was weitgehend auch der Fall ist. Immer wieder müssen wir die Regierung zu ihrer Verantwortung gegenüber den Überlebenden mahnen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Bis heute gibt es keine Therapiezentren für Frauen, die im Krieg gefoltert wurden. Die Gelder für Organisationen, die Beratung anbieten – und Medica Zenica ist eine der führenden in Bosnien – werden immer knapper. Die Regierung will nicht einsehen, dass diese Arbeit Geld kostet und sie dafür Mittel bereitstellen muss. Außerdem sollten Frauen, die bei Vergewaltigungsprozessen vor Gericht als Zeuginnen aussagen, viel mehr Wertschätzung erfahren, beispielsweise indem ihnen während des gesamten Ermittlungs- und Gerichtsverfahrens eine angemessene Begleitung zur Verfügung gestellt wird.

Bosnien ist das erste Land weltweit, das Überlebenden sexualisierter Gewalt den Kriegsopferstatus zusichert.

Ja, das stimmt. Seit 2006 erkennt der bosnische Staat Überlebende sexualisierter Gewalt als Kriegsinvalidinnen an, was unter anderem eine kleine monatliche Rentenzahlung einschließt. Allerdings gilt das Gesetz nur in der Föderation Bosnien- Herzegowina, einem Teil Bosniens. Das ist nicht genug. Es muss für Frauen im ganzen Land gelten. Außerdem müssen die Antragsverfahren verändert werden. Noch immer machen Frauen entwürdigende Erfahrungen, wenn sie vor den Behörden ihre Schicksale offen legen.

Interview: Erschienen im memo 1-2013