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16. März 2017

10 Gründe, warum sexualisierte Gewalt kein Zufall ist

Nach Angaben der Vereinten Nationen ist sexualisierte Gewalt zwischen Personen in partnerschaftlicher beziehungsweise familiärer Lebensgemeinschaft in 125 Ländern gesetzlich verboten. Das sind immerhin knapp zwei Drittel aller Länder dieser Welt. Die weltweite Frauenbewegung hat also viel bewirkt. Sexualisierte Gewalt ist auch innerhalb der Familie keine Privatsache mehr. Aber die Umsetzung der Gesetze trifft auf Widerstände. Warum praktizieren viele PolizistInnen, StaatsanwältInnen, RichterInnen oder Dorfälteste nach wie vor eine Rechtsausübung zugunsten der Täter? 10 Gründe, warum sexualisierte Gewalt kein Zufall und durch nichts zu entschuldigen ist.

1. Grund: Sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet

Nach einer Studie von 2014 hat jede dritte Frau in Europa seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Jede 20. Frau wurde vergewaltigt. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung werden laut Bundeskriminalstatistik zu rund 95 Prozent an Frauen und Mädchen begangen. Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Schicksal, sondern weltweit verbreitet und eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen.

2. Grund: Sexualisierte Gewalt ist kein Randgruppen-Phänomen

Sexualisierte Gewalt kennt laut der Vereinten Nationen weder soziale, noch ökonomische oder nationale Grenzen. Die vom Bundesministerium für Familie, Soziales, Frauen und Jugend 2004 in Auftrag gegebene Studie zu Gewalt an Frauen in Deutschland konnte keinerlei Beziehung herstellen zwischen sexualisierter Gewalt in der Familie und der gesellschaftlichen Schicht, dem Bildungsniveau oder dem Einkommen des Gewalttäters. Gesellschaftliche Rollenerwartungen, wie zum Beispiel die des Mannes als Familienoberhaupt, begünstigen sexualisierte Gewalt. Letztlich ist und bleibt es allerdings immer eine individuelle Entscheidung für oder gegen die Anwendung von Gewalt.

3. Grund: Gesellschaftliche Diskriminierung ist Ursache für Gewalt gegen Frauen

Für Deutschland stellt das wissenschaftliche Gutachten für den aktuellen Gleichstellungsbericht der Bundesregierung fest: „Wie andere Formen der Diskriminierung dient geschlechtsbezogene Belästigung und Gewalt als Machtinstrument und ‚Platzanweiser‘ vor allem gegenüber Frauen und marginalisierten Gruppen.“ 1993 haben die Vereinten Nationen in ihrer „Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“ bereits festgestellt, dass nur durch die Beseitigung von Diskriminierung die Gewalt gegen Frauen beendet werden kann.

4. Grund: Die Täter sexualisierter Gewalt sind nicht zufällig männlich

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung werden in Deutschland zu rund 95 Prozent von männlichen Tätern begangen. Diese Verteilung legt nahe, die Ursachen für sexualisierte Gewalt nicht nur in individuellen Lebensläufen, sondern auch in den gesellschaftlich zugewiesenen Rollenbildern und Machtverhältnissen zu suchen.

5. Grund: Die Rechtsprechung spiegelt die VorHERRschaft des Mannes wider

Das Züchtigungsrecht des Ehemannes gegenüber seiner Frau und die Tatsache, dass Geschlechtsverkehr, wenn er vom Mann erzwungen wurde, lediglich als Nötigung oder Körperverletzung gewertet wurde, waren in Deutschland bis weit ins 20. Jahrhundert gesetzliche Realität. Einer Verhaftung aufgrund einer Vergewaltigung kann der Täter vielerorts entkommen, indem er die Überlebende sexualisierter Gewalt heiratet. So ist es beispielsweise praktizierte Rechtsprechung in Marokko, Libanon und Afghanistan. In einigen Ländern, wie zum Beispiel auf den Bahamas oder in Singapur, wird Vergewaltigung in der Ehe explizit per Gesetz gebilligt.

6. Grund: Die Gesellschaft wertet Frauen ab und toleriert Alltags-Sexismus

In patriarchalen Gesellschaften wird Männlichkeit mit Dominanz, Stärke und Macht in Verbindung gebracht. Weiblichkeit steht dagegen in der Regel für Duldsamkeit, Passivität und Unterlegenheit. In vielen Industriestaaten ist es üblich, den weiblichen Körper in demütigender Weise in der Werbung, auf Titelblättern von Magazinen, in Filmen und Computerspielen auf ein verfügbares Sexobjekt und Beiwerk des Mannes zu reduzieren. Die Abwertung des Weiblichen (re-) produziert negative Rollen-Klischees und trägt aktiv zu geschlechtsspezifischer Diskriminierung bei, die sogar bis zum Tod führen kann. So werden zum Beispiel weibliche Föten in vielen Gesellschaften abgetrieben, da sie als minderwertig gelten. Geschlechtsbedingte Abtreibung von Mädchen wird beispielsweise praktiziert in Indien, Pakistan, China und auch in Europa.

7. Grund: Besitzansprüche über Frauen und Mädchen innerhalb und außerhalb der Familie

Für Frauen und Mädchen ist das nahe soziale Umfeld – ihre Familie – weltweit der gefährlichste Ort. In vielen Ländern, wie zum Beispiel im Jemen, in Saudi-Arabien und in etlichen US-Bundesstaten, sind Zwangs- und Kinderverheiratungen nicht verboten. Schätzungsweise mehr als 700 Millionen Frauen weltweit wurden verheiratet, als sie noch nicht volljährig waren. Die Folgen sind gefährlich frühe Schwangerschaften, eine erhöhte Säuglings- und Müttersterblichkeit sowie ein stark verminderter Zugang der jungen Ehefrauen zu Bildung. Ehrenmorde, Brautpreise, Mitgiftmorde, Säure-Attacken, Frauenhandel und Zwangsprostitution sind weitere Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, durch welche der menschenrechtsverletzende Besitzanspruch der Männer zum Ausdruck kommt.

8. Grund: Ökonomische Diskriminierung von Frauen und Mädchen

Nach einem Bericht der Vereinten Nationen gibt es in einem Drittel aller Länder dieser Welt Vorschriften, die Frauen und Mädchen den Zugang zu bestimmten Berufen verbieten. In vielen Gesellschaften ist es Frauen nicht gestattet zu erben. Im Falle einer Scheidung bleiben Frauen oftmals mittellos und verlieren darüber hinaus das Sorgerecht für ihre Kinder. In vielen Ländern weltweit ist Mädchen der Zugang zu Bildung verwehrt, Frauen bekommen weniger Lohn für gleichwertige Arbeit, haben geringere Chancen auf Spitzenpositionen und sind einem größeren Risiko auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt – auch in Deutschland. Dabei zeigen empirische Studien, dass der wirtschaftliche Erfolg und die Stabilität eines Staates in direktem Zusammenhang stehen mit dem Ausmaß der Teilhabe von Frauen am wirtschaftlichen und politischen Leben.

9. Grund: Je mehr Diskriminierung, desto mehr Gewalt

Nach Angaben der Vereinten Nationen steigt weltweit für Mädchen und Frauen die Wahrscheinlichkeit, geschlechtsspezifische Gewalt zu erleben, mit dem Grad ihrer Diskriminierung oder der Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe. So sind beispielsweise mehr als die Hälfte aller behinderten Frauen in Europa, Nordamerika und Australien Opfer von Gewalt. Im Vergleich erleiden nur ein Drittel der nichtbehinderten Frauen ähnliche Angriffe. Das wissenschaftliche Gutachten zum aktuellen Gleichstellungsbericht der Bundesregierung betont bezüglich erhöhter Gewaltrisiken bei marginalisierten Gruppen: „Besonders stark von Gewalt betroffen sind Frauen mit Migrationshintergrund, geflüchtete Frauen und obdachlose Frauen sowie – besonders massiv – Frauen mit Behinderungen.“

10. Grund: Frauen sind von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen

Es gilt in den meisten Ländern als normal, dass Frauen nicht oder nur selten an politischen Entscheidungen beteiligt sind. Empirische Studien zeigen hingegen, dass die Präsenz von Frauen in der Politik das Vertrauen auf die Regierung erhöht, die Wohlfahrt und den Rechtsschutz in einem Staat ausbaut, Korruption sowie riskante Entscheidungen vermindert und die Transparenz verbessert. Die Vereinten Nationen haben mit der UN-Resolution 1325 im Jahr 2000 erneut erklärt, „welche wichtige Rolle Frauen bei der Verhütung und Beilegung von Konflikten und bei der Friedenskonsolidierung zukommt, (…) wie wichtig es ist, dass sie an allen Anstrengungen zur Wahrung und Förderung von Frieden und Sicherheit gleichberechtigt und in vollem Umfang teilhaben.“

 

 

Hintergrundinformationen

Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten - Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017)

Violence against women: an EU-wide survey. (2014) Results at a glance Report summary (Englisch)

UN Women (2011): Progress of the World’s Women: In Pursuit of Justice (PDF)

UN-Erklärung über die Beseitung der Gewalt gegen Frauen (PDF, 1993)

UN-Resolution 1325 "Frauen, Frieden, Sicherheit" (PDF, 2000)

Literaturempfehlung (Englisch): Hudson, Valerie M.; Ballif-Spanvill, Bonnie; Caprioli, Mary und Emmett, Chad F. (2012): Sex & World Peace. Columbia University Press.