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10. November 2017

Frauenrechts-Heldin Godelive Kanyamuneza: "Die Menschen müssen lernen, dass jede Person wertvoll ist"

Gefragt nach ihren Stärken nennt Godelive Kanyamuneza zuerst ihr Organisationstalent und Fachwissen und ihre Leitungserfahrung. Ihre größte Stärke liegt aber wohl in der Fähigkeit, andere zu überzeugen und zu begeistern. Binnen weniger Jahre ist es ihr gelungen, im krisengeschüttelten Burundi ein Haus für alleinerziehende junge Mütter aufzubauen. Die Frauen und Mädchen wurden von ihren Familien verstoßen, nachdem sie ungewollt schwanger wurden.

„Ich habe oft gesehen, wie junge Frauen auf der Straße landen, weil sie ungewollt schwanger wurden“, berichtet Godelive Kanyamuneza. „Manche haben ihre Babys aus Verzweiflung ausgesetzt oder auf den Müll geworfen“. Die meisten haben zuvor sexualisierte Gewalt erfahren. Bei ihren Mitschwestern warb die Ordensfrau für die Idee, in der Hauptstadt Bujumbura ein Haus zu eröffnen, das werdende Mütter aufnimmt und unterstützt. Mit einer kleinen Anschubfinanzierung setzte sie diese 2013 in die Tat um.

Inzwischen hat sich das Maison Marthe Robin zu einer gefragten Anlaufstelle für Frauen und Mädchen in Not entwickelt. Als Godelive mit zwei Räumen anfing, hatte sie nicht mit so vielen Frauen gerechnet. Schon bald war ein größeres Haus nötig. Weil der Konflikt in Burundi in den letzten zwei Jahren immer weiter eskalierte, hat sie das Haus ins Zentrum der Stadt verlegt, wo es sicherer ist. Parallel dazu hat sie noch Psychologie und Sozialarbeit an der Universität in Burundi studiert.

Finanziert wird die Arbeit des Hauses ausschließlich aus Spenden. Mit ihrem beharrlichen Einsatz ist es Godelive zudem gelungen, ein Netz an ehrenamtlicher Unterstützung aufzubauen. Etwa durch das nahe gelegene Krankenhaus, in dem die jungen Frauen kostenlos entbinden können. Daneben erhält sie auch Sachspenden wie Kinderkleidung oder Lebensmittel.

Ruhe und Zukunftsperspektiven

„Wenn die Mädchen ankommen, sind sie oft apathisch, still, deprimiert und ohne Hoffnung“, erzählt Godelive. Manche seien zudem mangelernährt oder litten an Infektionen. Die Hausleiterin fängt sie auf, lässt sie zur Ruhe kommen und begleitet sie vor und nach der Geburt. In den letzten Schwangerschaftswochen und nach der Entbindung erhalten die Frauen Zusatzrationen, um wieder zu Kräften zu kommen. Außerdem gibt es für jede ein Paket mit Säuglingsbedarf wie Windeln und Fläschchen.

Unter Anleitung von zwei AusbilderInnen können die Frauen Nähen oder Kochen lernen oder Buchhaltung und Marketing, um einen kleinen Handel führen zu können. Zum Abschluss erhalten sie eine Nähmaschine oder finanzielle Starthilfe, die ihnen den Weg in ein eigenständiges Leben ebnen sollen. Wenn die Mädchen wieder zur Schule gehen wollen, um einen Abschluss zu machen, sucht Godelive nach Lösungen, den Schulbesuch zu finanzieren. In Zukunft würde sie den Frauen gerne weitere Kurse anbieten etwa im Korbflechten oder Schmuckherstellung.

Zuwendung rund um die Uhr

Godelive wohnt mit den jungen Frauen und Kindern zusammen. Ihren Tag beginnt sie früh um sechs Uhr mit einer Andacht, bevor sie die Frauen weckt. Jede ist für bestimmte Aufgaben im Haushalt zuständig – vom Tischdecken und Tee kochen bis zum Abwasch. Um 7:30 Uhr sitzen alle gemeinsam am Frühstückstisch. Während ein Teil der Gruppe zum Unterricht geht, kümmern sich die anderen Frauen um die Kinder und das Essen.

So lernen sie Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Zugleich vermitteln die Aufgaben den jungen Müttern – oft ja selbst fast noch Kinder – das Wichtigste in Sachen Haushalt und Kinderpflege. Die Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung hilft den Frauen, den Alltag mit Kind zu meistern und wieder Mut zu schöpfen. Vor allem aber ist es das unermüdliche Engagement und die warmherzige Zuwendung von Godelive, die den Frauen Kraft und neues Selbstvertrauen geben.

Rückkehr in die Familie anbahnen

Drei bis sechs Monate bleiben die jungen Mütter in der Regel. Godelive versucht während dieser Zeit, den Kontakt zur Familie wiederherzustellen. Die meisten können durch ihre Vermittlung in ihre Familien zurückkehren. Oft kommen sie danach weiter vorbei, oder Godelive besucht sie, um zu sehen, wie es ihnen und den Kindern geht. Die Wirtschaftskrise und wachsende Armut, so Godelive, erschwerten jedoch die Rückkehr in die Familien. Jede zusätzliche Person werde da als Last gesehen. Meist aber siegt ihre Überzeugungskraft.

Ein Haus der Hoffnung

Godelives Überzeugungskraft wirkte auch bei Bella (Name geändert). Seit die junge Frau erschöpft und hochschwanger vor wenigen Monaten auf der Schwelle des Maison Marthe Robin stand, ist sie sichtlich aufgeblüht. Im Nähkurs macht sie rasch Fortschritte und genießt es, mit den anderen Frauen zusammen zu sein und zu wissen, dass hier niemand mit dem Finger auf sie zeigt.

„Das Haus ist ein Ort, wo wir zur Ruhe kommen können“, sagt sie. „Es ist wie eine gute Mutter, die dich mit offenen Armen aufnimmt, dir Frieden und Zuversicht gibt.“ Zusammen mit Godelive hat sie vor Kurzem erstmals wieder ihre Familie besucht und das Enkelkind vorgestellt. Die Zeichen für die Zukunft stehen gut.
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Wertschätzen und Würde respektieren

Vor allem ihr Glaube gibt der Ordensschwester Kraft für ihren Einsatz. Aber auch zu sehen, dass die Frauen wieder lachen können und mit ihren Kindern glücklich sind, ermutigt die 45-Jährige. Ihr Wunsch ist es, die Mädchen so zu stärken, dass sie sich besser gegen Gewalt und Diskriminierung zur Wehr setzen können. „Die Menschen sollten den Wert jeder einzelnen Person anerkennen und ihre Würde respektieren“, sagt sie. „Gewalt und Ausgrenzung müssen ein Ende haben.“

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

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