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12. Oktober 2017

Frauen und Mädchen im Nordirak: Geflohen, aber längst nicht sicher

Die Konflikte in Syrien und im Irak gehen weiter. Auch die Befreiung der besetzten Stadt Mossul bedeutet keineswegs ein Ende der Kämpfe in der Region. Mehr als 3,4 Millionen Menschen sind innerhalb des Iraks auf der Flucht vor Krieg und Terror, ein Großteil in der kurdischen Autonomieregion. Hinzu kommen rund 230.000 Menschen, die aus dem Nachbarland Syrien geflohen sind. Viele von ihnen haben extreme Gewalt überlebt. Die Region ächzt unter der wirtschaftlichen Last durch die hohe Zahl der Vertriebenen. Deren Lebensbedingungen werden indes immer prekärer. Mit den Belastungen steigen auch die Spannungen und die Gefahr sexueller Übergriffe. Mit ihren Partnerorganisationen schafft medica mondiale vor Ort sichere Räume für Frauen und Mädchen und leistet psychosozialen, gesundheitlichen und rechtlichen Beistand.

Die Hitze flirrt auf der schnurgeraden Straße, die staubigen Zeltplanen sind von der Sonne gebleicht. 40 Grad, kein Baum weit und breit, der Schatten spenden könnte. Im Zelt von Familie Rahim* ist es kaum kühler. Neugierig beugen sich die drei Kinder vor, um die bunten Bilder auf den Tafeln anzusehen, die Lana und Fawziya* mitgebracht haben. Seit dem Sommer sind die beiden Frauen als Freiwillige im Shariya Camp in Dohuk unterwegs und informieren geflüchtete Frauen und Kinder zu Hygiene und Gesundheit. Rund 17.000 Menschen leben hier. Angesichts der zunehmend maroden Infrastruktur des Camps ist es für die Familien nicht leicht, gesund zu bleiben.

Angst vor Gewalt reist mit

Sechs Freiwillige hat die Partnerorganisation Women For Better Healthy Life für den Einsatz in den Camps geschult. Die Frauen sind selbst Vertriebene und Überlebende sexualisierter Gewalt, die zuvor im staatlichen „Survivor Centre“ Unterstützung erhalten haben. Ihre neue Aufgabe gibt ihnen Selbstvertrauen und zumindest einen kleinen Verdienst. Aufgrund der gemeinsamen Sprache und kulturellen Zugehörigkeit werden sie schnell akzeptiert und in den Zelten willkommen geheißen. „Zusammen mit den Hygienetipps vermitteln die Freiwilligen zugleich Informationen über weitere Hilfsangebote für Frauen in der Umgebung von Dohuk“, erklärt Kerstin Lepper, Regionalverantwortliche bei medica mondiale, das Konzept.

Viele Frauen haben während der Vertreibung durch die Terrormiliz IS Gewalt erfahren, wurden vergewaltigt, versklavt und gefoltert. Andere haben Angehörige verloren oder wurden Zeuginnen von Massakern. Aber auch innerfamiliäre Gewalt steigt infolge der schwierigen Lebensumstände in den Flüchtlingslagern. Junge Mädchen werden oft früh verheiratet, um die Familien finanziell zu entlasten. Sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet und dennoch ein Tabu in dem konservativ geprägten Umfeld, in dem Frauen und Mädchen ohnehin vielfache Diskriminierung erfahren. Acht von zehn geflüchteten Frauen berichten von ständiger Angst vor Übergriffen und Aggression. Jede dritte kennt eine Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat.

So stärken unsere Partnerorganisationen Frauen vor Ort

Insgesamt vier lokale Organisationen, die direkte Unterstützung für Frauen leisten, fördert medica mondiale derzeit im Irak. Sie alle wollen Frauen stärken, Gewalt und Diskriminierung zum Trotz ein eigenständiges Leben zu führen. Neben Gesundheitsaufklärung und psychosozialer Beratung bieten sie beispielsweise Nähkurse an, um den Frauen Einkommensmöglichkeiten zu eröffnen, klären sie über ihre Rechte auf und helfen ihnen diese durchzusetzen. Eine weitere Organisation plant in Shengal ein Gesundheitszentrum aufzubauen, das einen sicheren Ort für Beratung und andere Aktivitäten bieten soll. Die Arbeit der lokalen Kräfte steht dabei vor vielen Herausforderungen. „Teilweise gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom, für Benzin für Generatoren fehlt oft das Geld“, berichtet Kerstin Lepper, die im Juli vor Ort war.

Die Projekte erstrecken sich auf Dohuk im Norden und einzelne Gebiete im Zentralirak. medica mondiale ist es wichtig, nicht nur bestimmte Minderheiten zu unterstützen. Vielmehr werden die Partnerorganisationen angeregt, alle religiösen Gruppen und auch die aufnehmenden Gemeinden in die Programmaktivitäten einzubeziehen, um den sozialen Zusammenhalt und ein friedliches Miteinander zu fördern.

Zugleich bildet medica mondiale weiter staatliche Gesundheitskräfte sowie Sozialarbeiterinnen aus, die Frauen im staatlichen Zufluchtshaus in Dohuk betreuen. In den Fortbildungen lernen sie, gewaltbetroffenen Frauen stress- und traumasensibel zu begegnen – mit geschultem Blick, mitfühlen- der Haltung und ermutigender Ansprache.

Erschienen im memo, 2. Ausgabe 2017, S. 4

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