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Frauen und Mädchen
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Traumakonzept

Frauenspezifischer Ansatz in der Trauma-Arbeit

Wüstenlandschaft "Traumatische Reaktionen treten dann auf, wenn kein Handeln Sinn hat. Ist weder Widerstand noch Flucht möglich, ist das Selbstverteidigungssystem des Menschen überfordert und bricht im Chaos zusammen."
Judith L. Herman, "Die Narben der Gewalt", München 1994

Frauen und Männer leiden unter den Folgen der unermesslichen Gewalt durch Kriege und gesellschaftliche Unterdrückung. Auch Männer sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert und waren möglicherweise sexualisierten Übergriffen ausgesetzt. Hier müsste dringend mehr gezielte Unterstützung angeboten werden. Aber für Frauen ist die Kriegsgewalt Teil der strukturellen Gewalt gegen Frauen weltweit. Das Ausmaß der Folgen potenziert sich durch die gesellschaftliche Benachteiligung und die kulturell unterschiedlich ausgeprägte Tabuisierung sexualisierter Gewalt, den schlechten Zugang zu Bildung, zu ökonomischen und medizinischen Ressourcen. Die Kriegsgewalt hat für Frauen geschlechtsspezifische Konsequenzen.

Das Trauma der Vergewaltigung

Für Frauen kommen zu den Grauen und Traumata des Krieges für die Gesamtbevölkerung dann noch Verbrechen wie die permanente Androhung von sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungen und Zwangsprostition hinzu. Sexualisierte Gewalt greift das intimste Selbst und die Persönlichkeit der Überlebenden an. Oft werden die Frauen auch noch moralisch für das Geschehene verantwortlich gemacht und dazu gezwungen, das Verbrechen und und seine Folgen – manchmal ihr Leben lang – zu verleugnen. Patriarchale kulturelle Traditionen führen dazu, dass sexualisierte Kriegsgewalt in der Nachkriegszeit extrem tabuisiert wird. So kommt zur Verletzung durch die Täter noch das Trauma der gesellschaftlichen Ausgrenzung hinzu. Die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung von dauerhaften posttraumatischen Stress-Symptomen (-> PTSD) ist bei Vergewaltigungen besonders hoch. Die Erfahrungen unserer Beraterinnen in Bosnien und Kosova zeigen allerdings, dass die Folgen von Kriegsvergewaltigungen weitaus komplexer sind, als dass sie mit der Diagnose von PTSD ausreichend erfasst werden könnten. Ingeborg Joachim, Mitarbeiterin bei Medica Kosova, hat uns darüber einen Bericht PDF zur Verfügung gestellt.

Ein frauenschutzhaus in AfghanistanFrauenspezifische und ganzheitliche Unterstützung

Die Folgen der Kriegsgewalt für Frauen liegen auf verschiedenen Ebenen und betreffen neben den psychischen Auswirkungen auch ihre familiäre, ökonomische und allgemein soziale Situation, Spiritualität und Glauben, (reproduktive) Gesundheit, Ausbildung und Beruf. Nach unserer Erfahrung kann eine Unterstützung nur greifen, wenn sie sich konkret an der Lebenssituation der Frau orientiert und ganzheitlich ansetzt. Für den therapeutischen Prozess ist es wichtig zu begreifen, was genau die traumatische Erfahrung für sie in ihrem sozialen und kulturellen Kontext und als Frau bedeutet. In unseren Gesundheits- und Therapiezentren arbeiten ausschließlich weibliche Mitarbeiterinnen, um den Zugang zu unseren Angeboten zu erleichtern und einen sicheren Raum zu bieten. Essentiell ist – angesichts der sozialen Ausgrenzung –, die Frauen und Mädchen wahrzunehmen mit dem, was sie erfahren haben, und ihnen zu zeigen, dass sie damit nicht alleine sind.

Eine neue Sichtweise ist heilsam

Die Mitarbeiterinnen von medica mondiale arbeiten ressourcenorientiert: sie nehmen die Stärke und den Mut der Frauen wahr, die ihnen beim Überleben der traumatischen Erfahrungen geholfen hat. Sie sehen die betroffenen Frauen nicht als hilflose Opfer, sondern erinnern sie an ihre große innere Überlebenskraft. Jede Frau hat ein solches Potiential inne, das als Ressource, als Quelle zur Überwindung extremer Situationen und Zeiten dienen kann. Es gilt, diese Quellen im therapeutischen Prozess zu entdecken und für die weitere Lebensgestaltung der Frauen nutzbar zu machen. Weiterhin gibt es Kraftpotential in der Gruppe, im Zusammentreffen mit anderen betroffenen Frauen, die sich gemeinsam eine neue Lebensgrundlage erarbeiten, und dazu vieles an Ressourcen auch in ihrer kulturellen Identität entdecken.

Gemeinsames Essen in der GruppeBreites Angebot an Hilfsmöglichkeiten

Für das Vertrautwerden der traumatisierten Frauen und Mädchen mit den medica mondiale-Zentren und ihren Mitarbeiterinnen dienen vor allem auch breit gestreute, niederschwellig angesetzte Angebote wie Koch- oder Nähkurse, die den zwanglosen Kontakt ermöglichen, die Isolation der Frauen aufheben und im Miteinander Nähe ermöglichen, die auch den Boden für einen therapeutischen Prozess bilden kann. Mit verschiedenen Ausbildungsangeboten (Friseurin, Polsterei u.a.) werden die Frauen darin unterstützt, ihre Existenz im kriegszerstörten Land zu sichern. Gleichzeitig bieten auch diese Kurse einen Raum, um miteinander und mit Therapeutinnen in Kontakt zu kommen und in vertraulicher und sicherer Atmosphäre über das erlittene Trauma zu sprechen.

 

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© medica mondiale e.V. ·  21.11.2006