Was ist ein Psychotrauma?
Der
Begriff "Trauma" (griech.) meint wörtlich "Wunde,
Verletzung". Eine traumatische Erfahrung ist eine tiefgreifende
Verletzung auf psychischer Ebene. Sie überschreitet die Grenzen
dessen, was Menschen normalerweise verkraften können –
und sie hinterlässt tiefe Spuren im Körper und in der
Psyche. Was Menschen in einer traumatischen Erfahrung erleben, hat mit
Furcht, Bedrohung und extremer Hilflosigkeit zu tun.
Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung
Traumatisierte Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die belastende Erfahrung: einigen gelingt es aus eigener Kraft, mit ihren inneren Ressourcen und einem guten sozialen Umfeld, sich Wochen oder Monate später zu stabilisieren – mit und ohne therapeutische Hilfe. Andere entwickeln körperliche und psychische Symptome, die zusätzlich belasten und den Alltag erschweren. Sie treten manchmal direkt nach den Ereignissen, manchmal sehr viel später auf, zum Beispiel, weil etwas an das Ereignis erinnert oder die Betroffenen erneut großen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.
Drei Symptomgruppen
Die Betroffenen leiden unter intrusiven Symptomen, d.h. sie treten
unvermittelt auf, so dass sie sich ihnen ausgeliefert fühlen und
zusätzliche Angst vor ihrem Aufftreten entwickeln. Dazu gehören
Flashbacks, Erinnerungsbruchstücke
oder Bilder von der traumatischen Erfahrung, Alpträume, die zur Schlaflosigkeit
führen können und Panikattacken. Auslöser wie Gerüche,
Geräusche oder Situationen, die an das Erlebte erinnern oder etwas
von ihm symbolisieren, können intensive Gefühlsreaktionen, aber
auch körperliche Reaktionen hervorrufen.
Eine zweite Symptomgruppe (aversive Symptome) umfasst alle Reaktionen und Verhaltensweisen, mit denen eine Erinnerung an das traumatische Erleben vermieden wird bzw. die eine Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit beinhalten, die vorher nicht bestanden hat. Gedanken, Gefühle, Gespräche über alles, was die Erinnerung wachrufen könnte, werden vermieden. Manche ziehen sich deshalb von bestimmten Aktivitäten oder Menschen zurück, haben das Gefühl, von ihnen losgelöst zu sein. Manche sehen für sich selbst keine Zukunftsperspektive mehr. Das Gefühlserleben kann abflachen, z.B. wird keine Zärtlichkeit mehr empfunden.
Die dritte Symptomgruppe der Übererregbarkeit schließt Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen, übermäßige Wachsamkeit und übertriebene Schreckreaktionen ein.
Über die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung hinaus werden nach sexualisierter Gewalt noch viele weitere körperliche und psychische Symptome beobachtet, darunter Depression bis zur Suizidalität, umfangreiche psychosomatische Symptome wie Kopf- und Rückenschmerzen, körperliche Funktionsstörungen aller Art, besonders auch im gynäkologischen Bereich. Oft kommt es auch zu einer Verschlimmerung bereits vorher vorhandener Erkrankungen wie z.B. Bluthochdruck.
Wie kann ein Psychotrauma verarbeitet werden?
Für den Beginn des Heilungsprozesses sind wesentliche äußere Faktoren eine wichtige Voraussetzung: Die Wiedergewinnung von Sicherheit im eigenen Lebenskontext und die Erfahrung, wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, also nicht mehr der Willkür anderer ausgesetzt zu sein, spielen eine große Rolle für den Schritt, der eigenen traumatischen Erfahrung zu begegnen. Für Menschen, die durch absichtliche Gewalteinwirkung traumatisiert wurden ("man-made disaster") sind später der wertschätzende, respektvolle Umgang und solidarische Unterstützung lebenswichtig. Viele müssen erst wieder ein positives Selbstwertgefühl entwickeln und sich anderen Menschen mit ihren verletzten Seiten anvertrauen lernen. Das geschehene Unrecht muss anerkannt und möglichst geahndet werden.
Eine therapeutische Begleitung kann den Prozess der psychischen Stabilisierung anstossen und fördern, die Auseinandersetzung mit dem Psychotrauma und seine Bewältigung. Bis das Trauma in die eigene Lebensgeschichte integriert ist und als erlittenes Unrecht verarbeitet werden kann, können Monate und Jahre vergehen. Manchmal geht es zunächst einmal darum, eine psychische Stabilisierung zu erreichen und mit den spürbaren körperlichen und psychischen Folgen der Gewalttat leben zu lernen. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob das Lebensumfeld sicher und stabil ist.
Die Trauma-Arbeit von medica mondiale
Die Projekte von medica mondiale leisten vor Ort eine ganzheitliche Unterstützung durch fachübergreifende Hilfsangebote von Frauen für Frauen und Mädchen. Die therapeutische Arbeit wird dabei ressourcenorientiert angelegt, das heißt, die inneren psychischen Kräfte werden angesprochen, aktiviert und gestärkt. Lokale Fachfrauen von medica mondiale berücksichtigen dabei den Lebens- und Kulturkontext der Frauen. Eine Begleitung durch sensibili- sierende Öffentlichkeitsarbeit sorgt vor Ort dafür, dass das Thema sexualisierte Kriegsgewalt mehr und mehr enttabuisiert wird und wirkt einer Stigmatisierung betroffener Frauen entgegen. Das ist unerlässlich, denn die Frauen brauchen den gesellschaftlichen Rückhalt, um ihre traumatischen Erlebnisse in ihre Lebensgeschichte integrieren zu können und ihren Lebensfaden wieder aufzunehmen.
Für die Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen ist es wichtig, wie die Akzeptanz vor Ort in der Zeit nach den Ereignissen ist: Fühlen sich die Betroffenen angenommen von ihrer Umgebung oder wird das Thema abgewehrt? Können sie sich Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung anvertrauen oder müssen sie schweigen über ihre schweren Erfahrungen? Ist es in Ordnung, in der Familie, im Stadtteil zu einer Beratung zu gehen, müssen sie erneut Druck fürchten, um die "Familienehre" nicht zu belasten oder führt die verletzte "Ehre" gar zu existentiellen Gefährdung der Frauen und Mädchen? Wo öffentlich und das heißt: in den Familien und Gruppen vor Ort über das Trauma gesprochen werden kann, bekommen weitere betroffene Frauen Mut, ihr Erlebtes und die Folgeprobleme vor anderen zu offenbaren. Und das ist ein erster Schritt der Überwindung vom Scham und Furcht hin zur Annahme.
Helfen Sie uns mit Ihrer
Spende bei der Unterstützung von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt!
© medica mondiale e.V. · 11.10.2006



Krieg und Trauma