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Krieg und Traumatisierung

Sexualisierte Kriegsgewalt – ein Trauma auch in Deutschland

historischen Foto einer Frau mit Kind"Bei einer alten Frau erlebte ich, wie sie eines Tages völlig panisch vor Angst über nächtliches Erscheinen von Tieren in ihrem Bett erzählte und sich ihre Angstzustände in den folgenden Tagen und Nächten wiederholten. Ihr wurde Haldol verordnet, und sie selbst äußerte, dass sie sich nicht ernst genommen fühlte. Nach längeren Gesprächen stellte sich heraus, dass sie 1945 von amerikanischen Soldaten vergewaltigt wurde."
(Martina Böhmer, Altenpflegerin und Autorin)

Psychotrauma als Tabu – in Deutschland

Nicht nur in fremden Kulturen unterdrückt der gesellschaftliche Mantel des Schweigens, dass sexualisierte Kriegsgewalt aufgedeckt und geahndet wird, damit die Überlebenden Hilfe und Gerechtigkeit erfahren. Soziale Regeln in den zumeist patriarchal organisierten Gesellschaften verhindern, dass Überlebende sexualisierter Gewalt Hilfe und Unterstützung bei ihren Angehörigen erhalten: Im Kosovo erlebt eine albanische Frau die Vergewaltigung durch serbische Milizionäre auf der Flucht. Doch das Verbrechen wird verschwiegen, es unterliegt einem unausgesprochenen Tabu, einem familiären "Ehrenkodex" in der Familie und im Heimatdorf. Dieser zwingt eine vergewaltigte Frau zum Schweigen – wenn sie nicht verstoßen werden will, weil sie die Familie "entehrt" hat.

Das ist furchtbar und gar nicht weit weg von uns in Deutschland. Das Leben mit dem Tabu, verbunden mit dem jahrzehntelangen Schweigen gibt es hier zu Lande auch. Wie viele Frauen haben als Überlebende in Luftschutzkellern und in Flüchtlingslagern nach den beiden Weltkriegen sexualisierte Gewalt seitens der uniformierten Sieger erfahren? Von den Verbrechen der deutschen Soldaten in besetzten Gebieten vor Kriegsende ganz zu schweigen: Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konzentrationslagern und durch Zwangsprostitution.

Das innere Bewußtsein einer "Schande" hat viele Frauen Jahrzehnte lang schweigen lassen – bis heute. Ein prominentes Opfer war die Frau des früheren Bundeskanzlers, Frau Hannelore Kohl, die in ihrer Biografie selbst die Erfahrung der mehrfachen Vergewaltigung durch russische Soldaten nach dem 2. Weltkrieg als Ursache für ihre Haltung bekannt hat. Auch sie hat Jahrzehnte geschwiegen, Millionen anderer Frauen mit ihr.

 

Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen – Ansätze für eine frauenorientierte Altenarbeit

Die Altenpflegerin und Autorin Martina Böhmer hat ihre Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen in einem Buch verarbeitet, das informiert und sensibilisiert. Denn viele, die mit alten Frauen arbeiten, in der Pflege, im Krankenhaus und im Hospiz, wissen schlicht nicht, welche Retraumatisierung mit einfachsten Pflegehandlungen und Pflegefehler ausgelöst werden kann. Denn die heute 60- bis 100jährigen Frauen sprechen nur selten über ihre Erfahrungen. Wer ein Ohr für ihre Botschaften und Ängste entwickelt, kann erahnen, was ihnen geschehen ist, Verständnis entwickeln und Schutzräume schaffen, in denen Pflege und Heilung heute möglich ist.
Martina Böhmer, Mabuse Verlag, Frankfurt/Main, 2000. ISBN 3-933050-16-2

Die Autorin gibt ihre Erfahrungen in Seminaren und Workshops weiter. Weitere Informationen finden Sie auf ihrer Webseite ->> www.martinaboehmer.de.

 

Die Organisation „Bundesvernetzung autonomer Frauennotrufe“ BaF hat umfangreiche Informationen zum Thema „Sexualisierte Gewalt im Leben von Seniorinnen“ im Internet publiziert.
->> www.frauennotrufe.de/uebergewalt11.html

 

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© medica mondiale e.V. ·  11.10.2006