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Krieg und Traumatisierung

Krieg und Traumatisierung

"Die junge Frau starrt seit Stunden vor sich hin. Alles, was hinter ihr passiert, nimmt sie nicht wahr. Sie bemerkt nicht, wie eine Frau  ihr Essen hinstellt. So geht das, seit die Soldaten da waren... Sie hat sich völlig aus der Welt zurückgezogen. Nichts ist mehr wichtig." (eine Überlebende)

Der Krieg ist vorbei – der Schmerz bleibt

Während die politischen Kriegführer ihre Toten zählen, schulterzuckend das Ausmaß der Kollateralschäden andeuten und zur Tagesordnung übergehen, steht den Überlebenden mit den unsichtbaren psychischen Wunden oft eine lebenslange Leidenszeit bevor. Das ist die Erfahrung, die Frauen und Mädchen als Überlebende sexualisierter Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen machen: Der Krieg ist irgendwann vorbei, der psychische Schmerz bleibt, und sie müssen aufgrund der massiven gesellschaftlichen Tabuisierung sexualisierter Gewalt ihre schrecklichen Erlebnisse verleugnen. Oft lebenslang. (siehe auch: Beitrag von Monika Hauser auf dem IPPNW-Kongress 2003 PDF).

ExpertInnen nennen diese unsichtbaren Wunden ein -> Psychotrauma, eine tiefe innere Verletzung der Seele und der Persönlichkeit. Die Folgen einer traumatischen Erfahrung sind vielschichtig: mehrfache körperliche, aber vor allem psychische und psychosomatische Beschwerden werden zum begleitenden Alltag der Frauen und Mädchen. Die meisten Frauen reagieren funktional, d.h. sie halten einen äußeren Lebensrahmen aufrecht, der dem Überleben ihrer selbst und der Familienangehörigen dient, aber in ihrem Inneren und im Körper ist die Verletzung weiter wirksam.

Sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten

Sexualisierte Gewalt und Folter gegen Frauen und Mädchen geschieht in jedem Krieg.Vergewaltigungen fördern den Machtzuwachs der jeweiligen Kriegspartei. Sie werden als strategische Methode für Kriegszwecke und zur Demoralisierung der Bevölkerung eingesetzt. So als gezieltes Mittel der strategischen Vertreibungen unter anderem in Bosnien-Herzegowina 1992, in Kosova während der kriegerischen Auseinander- setzungen ab Ende der 80er Jahre und auch in Ruanda. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen diente und dient teilweise immer noch als Mittel gesellschaftlicher Unterdrückung, zum Beispiel in Chile, Argentinien, der Türkei, Afghanistan, und wird selbst durch die Stationierung von Friedenstruppen ins Land gebracht. (Wie in Somalia, Kambodscha, Mosambique, Sierra Leone, Mazedonien geschehen.)

Überlebende sexualisierter Gewalt

Kriegsvergewaltigung aber wird erst in neuerer Zeit als Menschenrechtsverletzung und Kriegsverbrechen anerkannt und geahndet – wenn die Täter zu fassen sind (siehe -> Dokumentation zum Foca-Prozess). Genaue Zahlen werden nie zu ermitteln sein: viele Frauen und Mädchen überlebten die Übergriffe nicht, starben nach Vergewaltigung, Erniedrigung und Folter oder wurden bewusst getötet. Nicht wenige nahmen sich selbst das Leben, weil sie mit dieser unsichtbaren Verletzung nicht weiter leben konnten.

Die betroffenen Frauen und Mädchen sind meist schwerst traumatisiert. Was eine Frau, ein Mädchen in Stunden und Tagen dauernder sexueller Ausbeutung, Demütigung und Folter erleben muß, überschreitet das, was die Seele normalerweise psychisch verarbeiten kann. Hinzu kommt die weitere Verletzung durch die gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung der betroffenen Frauen. Zurück bleibt ein Mensch mit schwersten physischen und seelischen Verletzungen, die viele Krankheitssymptome nach sich ziehen. Manche Frauen stabilisieren sich, manche halten sich auch nach Jahren noch für ver–rückt im wörtlichen Sinne, weil das Gedächtnis manches vergisst, der Körper aber die unsäglichen Verletzungen "in den Körperzellen" gespeichert hat. Vielfache Ängste, Depressionen, Erinnerungsblitze und psychische Erstarrung sind normale Reaktionen nach traumatischen Erfahrungen. Aber sie erschweren den betroffenen Frauen und Mädchen die Rückkehr in ein "normales Leben" und erfordern, wenn sie länger andauern, oft -> psychotherapeutische Unterstützung.

Folgen der Kriegsgewalt für Frauen

Insbesondere Frauen müssen während des Krieges und nach Kriegsende mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen umgehen: Viele sind in den Kriegsjahren zu Witwen geworden, die oft nicht einmal Auskunft über den Verbleib ihrer (toten) Männer erhalten. Das wirkt sich katastrophal aus: Ohne Männer gelten sie oft als ungeschützt und sind auf fremde Unterstützung angewiesen, auch in den Flüchtlingslagern, in denen erneut Gewalt und manchmal auch der Druck zur Prostitution auf ihnen lastet. Viele Frauen sind körperlich und seelisch nicht einmal in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Allein der Verdacht auf erlebte sexuelle Übergriffe nimmt jungen unverheirateten Frauen zumeist jede Chance auf eine Beziehung oder sie werden zu einer arrangierten Heirat gezwungen, um von jedem Verdacht abzulenken. Manche können keine Kinder bekommen oder ertragen keine weiteren sexuellen Begegnungen mehr in ihrem Leben. Einige sind schwanger – mit einem Kind des Vergewaltigers.

10 Jahre nach dem Krieg in Bosnien: Jede Erinnerung oder Begegnung mit dem erlittenden Psychotrauma kann eine -> Retraumatisierung auslösen, den erneuten psychischen Schock.

 

 

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© medica mondiale e.V. ·  24.04.2007