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Länderinformation

Liberia

Hintergrund der aktuellen Krisensituation in Liberia ist der Bürgerkrieg von 1989 bis 1996. Nach dem Sturz des Diktators Samuel Doe im Jahr 1989 führte Charles Taylor, Führer der stärksten Rebellengruppe, bis 1997 den grausamen Bürgerkrieg in Liberia fort und rekrutierte dabei zwangsweise Tausende Jungen und Mädchen als Soldaten. Gleichzeitig schürte Taylor einen Bürgerkrieg in Sierra Leone, lieferte Waffen und ließ sich mit Diamanten bezahlen. Die Zivilbevölkerung lebte in andauernder Angst vor Übergriffen durch marodierende Rebellengruppen, die töteten, vergewaltigten, folterten.

Nach einer Waffenstillstandsvereinbarung im Jahr 1997 konnte Charles Taylor die von der UN-Beobachtermission United Nations Observer Mission in Liberia (UNOMIL) beaufsichtigten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 1997 für sich entscheiden, indem er der durch den Krieg verelendeten Bevölkerung drohte, bei einer Wahlniederlage den Bürgerkrieg fortzusetzen. Als Präsident Liberias plünderte Taylor das Land aus und kurbelte die während des Bürgerkriegs entstandene Kriegsökonomie weiter an. Korruption, Machtmissbrauch und die Diskriminierung unterschiedlicher ethnischer Gruppen kennzeichneten das Taylor-Regime.

Vor dem Hintergrund der krisenhaften Lage des Landes kam seit es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten. Im Juli 2000 fielen die Rebellen der LURD (Liberians United for Reconciliation and Democracy) von Guinea aus in den Norden Liberias ein. Ihr erklärtes Ziel war der Sturz der Regierung Taylor. Damit begann die zweite Phase des Bürgerkriegs in Liberia, die bis zum Jahr 2003 andauerte. Das Land versank in einem blutigen Krieg zwischen den Taylors Regierungstruppen und den LURD-Rebellen. Anfang 2003 spaltete sich die Gruppierung MODEL (Movement for Democracy in Liberia) von der LURD ab und beide Gruppierungen attackierten von nun an die Streitkräfte Taylors. Der bewaffnete Konflikt eskalierte und weitete sich auch auf bisher weitgehend verschont gebliebene Gegenden aus. Zugleich rückten die Rebellengruppen auf die Hauptstadt Monrovia vor.

Im ganzen Land befanden sich über eine Million Menschen, und damit etwa ein Drittel der liberianischen Bevölkerung, auf der Flucht vor kämpfenden, marodierenden und mordenden Regierungseinheiten und Rebellengruppen. Alle Parteien – Regierungstruppen, Taylor nahe stehende Milizen sowie die Kämpfer von LURD und MODEL – begingen im Verlauf der Kämpfe massive Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung, darunter Hinrichtungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Folter, Zwangsrekrutierung oder Kinderhandel. Frauen und Mädchen wurden von den kämpfenden Truppen verschleppt und in die sexuelle Sklaverei gezwungen. Die Zahl der Vergewaltigungen und anderer Formen
sexueller Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen erreichte im Laufe des Krieges ein gravierendes Ausmaß.

Mitte 2003 brach das Taylor-Regime schließlich unter dem Druck der Rebellen einerseits sowie der Internationalen Gemeinschaft andererseits zusammen. Gleichzeitig erhob das UN-Sondergericht für Sierra Leone Anklage und Haftbefehl gegen Charles Taylor wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und weitere während des Konflikts begangene Verletzungen des humanitären Völkerrechts. Taylor flüchtete nach Nigeria ins Exil.
Im August 2003 wurde schließlich der umfassende Friedensvertrag von Accra zwischen der liberianischen Regierung, den Rebellengruppen, den politischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes unterzeichnet. Eine nationale Übergangsregierung, bestehend aus den ehemaligen Konfliktparteien übernahm die Regierungsgeschäfte. Ende 2003 wurde die UN-Friedenstruppe United Nations Mission in Liberia (UNMIL) mit rund 16.000 Personen nach Liberia entsandt und führte unter anderem ein Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration der etwa 100 000 Ex-Kombattanten durch.

Dessen ungeachtet leidet Liberia unter den Folgen des jahrelangen Bürgerkrieges. Das Land steht am Rande des wirtschaftlichen Abgrunds, die öffentliche Infrastruktur ist zerstört, Korruption ist massiv verbreitet. Obwohl Liberia reich an natürlichen Ressourcen ist – Tropenholz, Diamanten, Gold, Kautschuk, Eisenerz – sind über drei Viertel der liberianischen Bevölkerung von extremer Armut betroffen. Die Arbeitslosigkeit wird auf etwa 85 Prozent geschätzt. Das Gesundheitssystem ist so gut wie zerrüttet, im ganzen Land gibt es nach Schätzungen noch etwa hundert Ärzte; Angebote zur medizinischen Versorgung und psychologischen Unterstützung der durch den Krieg traumatisierten Bevölkerung gibt es kaum.

Dementsprechend gewaltig sind die Hoffnungen und Erwartungen der liberianischen Bevölkerung an ihre neue Regierung. In den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2005 wurde -> Ellen Johnson-Sirleaf, frühere Finanzministerin und Weltbank-Ökonomin, zur ersten frei gewählten weiblichen Präsidentin Liberias gewählt. Mit ihrem Amtsantritt brach Johnson-Sirleaf ein Tabu und kündigte ein hartes Vorgehen gegen Vergewaltiger an. Ende 2005 verabschiedete das Parlament ein neues Gesetz, das Vergewaltigungen mit bis zu lebenslanger Haft bestraft. Im März 2006 ließ Johnson-Sirleaf mitteilen, dass eine -> „Truth and Reconciliation Commission“ (Wahrheits- und Versöhnungskommission) errichtet werde, um die zwischen 1979 und 2003 begangenen Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen. Gleichzeitig forderte Johnson-Sirleaf die Auslieferung von Charles Taylor aus Nigeria, der daraufhin am 29. März bei einem Fluchtversuch an der Grenze zu Kamerun gefasst und am 20. Juni 2006 Charles Taylor nach an den Gerichtshof Den Haag überstellt wurde.

Trotz der ernormen Schwierigkeiten in der jetzigen Phase des politischen und gesellschaftlichen Wandels, herrscht in Liberia Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das Land versucht seinen scheinbar unendlichen Schrecken zu überwinden. Dennoch sind auch nach dem Ende des Taylor-Regimes die Verhältnisse alles andere als stabil. Die Liberianer stehen vor der gewaltigen Aufgabe, das Land neu aufzubauen, Bürger- und Menschenrechte durchzusetzen, den nationalen Aussöhnungsprozess zwischen den verfeindeten Macht- und Interessensgruppen auf den Weg zu bringen und solide wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Es bleibt fraglich, ob diese Aufgaben in absehbarer Zeit zu lösen sind.

 

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© medica mondiale e.V. ·  24.07.2007