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Ugandische Frau, die ihr Kind auf der Hüfte trägtZwei Tage für 24 Kilometer

Trotz extremer Bedingungen erfolgreicher medizinischer Einsatz in Norduganda

„Wir haben es geschafft!“, seufzt Dr. Eugene Kinyanda von der ugandischen Frauenorganisation ISIS-WICCE erleichtert. Er hat allen Grund zur Freude. Denn der von medica mondiale finanzierte Einsatz von 40 ÄrztInnen in der Region Kitgum in Uganda war schwierig – und er war gefährlich. Immer wieder werden hier MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen getötet.

Nur mit Armee-Eskorte in die Flüchtlingslager

Auch die MedizinerInnen des medica mondiale-Einsatzes konnten nur mit einer bewaffneten Armee-Eskorte in die Flüchtlingscamps Mucwini und Padibe in Norduganda gelangen. „Andernfalls hätten wir die Aktion nicht durchführen können“, so Kinyanda. „Aufgrund der Sicherheitslage und der schlechten Infrastruktur vor Ort konnten wir leider auch nicht so viele Behandlungen durchführen wie ursprünglich geplant. Allein für den Transport der 98 Menschen nach Kitgum per LKW, die dringend dort operiert werden mussten, brauchten wir zwei Tage – obwohl es nur 24 Kilometer sind!“

In der Krisenregion im Norden Ugandas kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Rebellentruppe „Lord Resistance Army“ und der staatlichen Armee. Überfälle auf Dörfer, Vergewaltigungen, die Versklavung von Jungen und Mädchen zu Kindersoldatinnen – nach wie vor gibt es in der Region keine Sicherheit für die Menschen – besonders nicht für Frauen und Mädchen.

Binnen zwei Wochen arbeiteten 40 GynäkologInnen, PsychologInnen, AllgemeinmedizinerInnen, ChirurgInnen, KinderpsychiaterInnen und Krankenschwestern fieberhaft für ihre Patientinnen. 619 Frauen und 174 Kinder waren es, die so Hilfe fanden. In den beiden Flüchtlingscamps leben insgesamt 45.000 Menschen. Für viele der Patientinnen war es die erste medizinische Behandlung überhaupt.

Katastrophale Zustände in Flüchtlingslagern

Die ÄrztInnen fanden in den Flüchtlingslagern Padibe und Mucwini katastrophale Bedingungen vor: „Die Menschen leben hier auf engstem Raum miteinander, nachts kommt es immer wieder zu Angriffen. Es gibt keinen Strom, kaum Medikamente, verschmutztes Wasser und oft nur wenig zu essen. Fast alle sind krank – viele haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig“, so Dr. Kinyanda. „Sie leiden an Malaria und den Folgen von Mangelernährung. Viele sind HIV-positiv oder bereits an AIDS erkrankt.“ 66 Prozent der behandelten Frauen und Mädchen leiden unter gynäkologischen Erkrankungen – viele als Folge von Vergewaltigung und sexueller Folter: „Die Frauen haben schwere Entzündungen, viele leiden unter schweren genitalen Verletzungen als Folge von brutalen Vergewaltigungen, und viele Frauen haben auch Gebärmutterhalskrebs. Wir haben sie so gut wir konnten behandelt, einige Frauen mussten wir auch operieren.“

Intensive Vorbereitung sicherte Erfolg

Vor ihrem Einsatz haben 44 Mitarbeiterinnen der Frauenorganisation Kiwepi und des Regionalkrankenhauses in Kitgum den Einsatz der ÄrztInnen logistisch vorbereitet. Alle wurden von ugandischen Fachkräften auch im traumasensiblen Umgang mit ihren Patientinnen geschult. Die Mitarbeiterinnen von Kiwepi werden auch in Zukunft wichtige Kontaktpersonen für die Frauen und Kinder in den Flüchtlingscamps sein.

 

Keine Sicherheit für Frauen und Mädchen


Training von Frauenorganisationen durch die medica mondiale-Partnerorganisation Isis-WICCE
Foto: Bele Grau/ medica mondiale

Frauen und Mädchen in Norduganda sind überall sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Die von der LRA entführten Mädchen werden sexuell versklavt, das heißt sie werden unter den Kommandeuren als „Ehefrauen“ verteilt. Während der Überfälle auf Dörfer oder Flüchtlingslager durch die LRA kommt es regelmäßig zu Vergewaltigungen, aber auch in den „Schutz“zonen riskieren die Frauen und Mädchen von ihren Beschützern, den Regierungssoldaten, vergewaltigt zu werden. Viele von ihnen sehen sich zur Überlebensprostitution gezwungen oder zu einer temporären Verbindungen mit Soldaten, die sie fast immer misshandeln. Mädchen werden auch häufig von gleichaltrigen Jungen vergewaltigt, die dieses mittlerweile als normalen Umgang mit dem anderen Geschlecht sehen. Unter den demütigenden und beengten Lebensbedingungen in den Lagern herrscht viel Gewalt. Prügel und Vergewaltigungen selbst innerhalb der Familien sind eher die Regel als die Ausnahme.


Das Ziel: Zugang zum Leben

Inmitten dieser Krisenregion liegt die Stadt Kitgum. Zwei Camps befinden sich unweit der Stadt: Camp Padibe, in dem über 30.000 Menschen leben, und Camp Mucwini mit knapp 15.000 Menschen. Eugene Kinyanda, Koordinator des Projektes von medica mondiale schrieb am 31. Oktober 2005: „Letzte Woche war es schlimm in der Region um Kitgum. Drei Hilfsarbeiter wurden getötet, einer davon auf der Straße zu dem Camp Mucwini, in dem wir mit unserem Projekt beginnen wollen.“ Die Lage sei angespannt und man benötige eventuell bewaffneten Begleitschutz, „doch die Medikamente sind bereits sicher eingetroffen“, so Kinyanda.

80 Prozent der Camp-BewohnerInnen sind Frauen und Mädchen. Angesichts von Mangelernährung, erbärmlichen hygienischen Verhältnissen und kaum vorhandener medizinischer Versorgung ist der gesundheitliche Zustand vieler Camp-Bewohnerinnen katastrophal. Durch die zahllosen Vergewaltigungen steigt auch die Zahl der HIV-Infektionen unter den Frauen und Mädchen. Die Gewalt in den Familien hat drastisch zugenommen. Viele Väter verheiraten ihre Töchter sehr früh, um durch den Brautpreis an etwas Geld zu kommen.

Zusammen mit der ugandischen Projektpartnerinnen-Organisation Isis-WICCE hat medica mondiale im August 2005 ein Projekt gestartet. Das Ziel: 2.000 traumatisierte Frauen und Kinder in den Camps medizinisch zu versorgen, psychosozial zu beraten und ihnen dabei zu helfen, den Zugang zum Leben wieder zu finden.

Vorbereitungen für den medizinischen Einsatz

Seit 1999 führt Isis-WICCE immer wieder medizinische Einsätze in verschiedenen IDP-Camps in Zusammenarbeit mit der ugandischen Ärztekammer durch. Im August 2005 hat die Partnerinnenorganisation begonnen, ein Handbuch für SozialarbeiterInnen und medizinische Fachkräfte, die mit Binnenflüchtlingen, traumatisierten Frauen und Überlebenden sexualisierter Gewalt arbeiten, zu erstellen. medica mondiale fördert beide Projekte – die Erstellung des Handbuchs und den medizinischen Einsatz – und begleitet sie wissenschaftlich. Das Handbuch wird zugleich als Grundlage für den medizinischen Einsatz verwendet: 40 Fachkräfte aus Kitgum, die im Gesundheitsbereich arbeiten, wurden auf dieser Grundlage trainiert. Anschließend bereiteten sie den Einsatz in den Camps vor. Frauen und Kinder, die am dringendsten Hilfe benötigen, wurden für die Behandlung ausgesucht. Auch nach Abschluss des Einsatzes werden die 40 GesundheitsarbeiterInnen ihr Wissen in ihrer täglichen Arbeit umsetzen.

Das Handbuch wird durch die in den Camps gemachten Erfahrungen ergänzt und im ganzen Land an Organisationen und Institutionen verteilt werden. Zusammen mit den Trainings für die lokalen HelferInnen bleibt dieses Wissen erhalten und steht anderen nachhaltig zur Verfügung. Auch über die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen wird ein Bericht erstellt, der landesweit veröffentlicht wird.

Erfahrene ÄrztInnen in den Camps

Ein multidisziplinäres Team von Fachkräften aus Kampala und Nord-Uganda wird 2 Wochen lang 2000 Frauen und Kinder der beiden Camps medizinisch behandeln und psychosozial beraten. Insgesamt werden 48 medizinische Fachkräfte wie Gynäkologinnen, PsychologInnen, ChirurgInnen, KinderpsychiaterInnen und Krankenschwestern zusammen mit den 40 vorab trainierten MitarbeiterInnen den Einsatz durchführen. Sie sind in dieser Art von Einsätzen bereits erfahren und sensibel im Umgang mit traumatisierten Frauen. Im November 2005 werden sie die ausgesuchten Frauen und Kinder in den Camps gemeinsam mit den 40 Hilfskräften medizinisch behandeln. Parallel zur medizinischen Behandlung führen die PsychologInnen und PsychiaterInnen psychosoziale Beratungen und Gruppengespräche durch. Diese psychosoziale Arbeit soll anschließend von den geschulten ortsansässigen HelferInnen weitergeführt werden.


Hintergrund


Frauen in einem Flüchtlingscamp im Nordosten Ugandas

Seit fast 20 Jahren herrscht Krieg in Norduganda. Auf der einen Seite steht die pseudo-christliche Rebellenarmee Lord’s Resistance Army (LRA), auf der anderen Seite die ugandische Regierungsarmee. Die Bevölkerung dazwischen wurde im Laufe der Jahre fast vollständig ihrer Wurzeln beraubt. Die LRA, deren ganze Existenz auf Kindesentführungen beruht, überfällt immer wieder Dörfer, plündert, mordet und vergewaltigt. Die entführten Jungen und Mädchen werden durch Terror und Gehirnwäsche zur Arbeit und zum Kämpfen gezwungen. Die Rebellenorganisation LRA hat nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen seit Beginn des Konfliktes im Norden Ugandas zwischen 12 000 und 20 000 Kinder verschleppt, um sie als Soldaten oder Sexsklavinnen zu missbrauchen.

Die „Schutz“maßnahmen der Regierung bestanden hauptsächlich darin, den Großteil der ungeliebten Bevölkerungsgruppen im Norden, vor allem die Acholi, aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben und in so genannte „Schutz“zonen umzusiedeln. Fast zwei Millionen Menschen wurden seit Mitte der 80er Jahre auf diese Weise zwangsumgesiedelt und leben wie Fremde im eigenen Land, zusammengepfercht in Massenlagern, oft nur wenige Kilometer von ihren Heimatdörfern entfernt.

Laut Jan Egeland, UNO-Koordinator für humanitäre Hilfe, fliehen allnächtlich etwa 42 000 Kinder aus den Dörfern in die Strassen größerer Städte, um dort in relativer Sicherheit die Nacht zu verbringen. In dem Konflikt sollen nach übereinstimmenden Schätzungen bislang mindestens 100 000 Menschen getötet worden sein.

 

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© medica mondiale e.V. ·  24.07.2007