
Guatemala
Projektförderung in Chimaltenango und Alta Verapaz, Guatemala
Während des Bürgerkrieges in Guatemala (1960 bis 1996) wurden etwa 200.000 Menschen ermordet. Neben Folter und „Verschwinden lassen“ gehörte sexualisierte Gewalt zum Muster der Angriffe gegen die Zivilbevölkerung. Angehörige der staatlichen Sicherheitskräfte und Paramilitärs, verantwortlich für mehr als 90 Prozent der Gewaltakte, vergewaltigten Frauen und Mädchen systematisch. Offizielle Zahlen der Vergewaltigungen liegen nicht vor, Schätzungen gehen jedoch von mehreren Tausenden Fällen aus. Während bis heute weitgehend Straflosigkeit für die Täter herrscht, leiden viele Frauen noch immer unter den traumatischen Erlebnissen.

- Teilnehmerinnen des “Tribunal des Gewissens“ im März 2010 © Karin Griese/medica mondiale
Auch 14 Jahre nach Unterzeichnung des Friedensabkommens ist Guatemala von einer tiefergehenden rechtlichen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen noch weit entfernt. Durch die langen Jahre des Konflikts und die andauernde Straflosigkeit für Bürgerkriegsverbrechen ist eine „Kultur der Gewalt“ entstanden, von der insbesondere Frauen betroffen sind. Die Zahl der Morde an Frauen, die zudem nur selten aufgeklärt und bestraft werden, ist erschreckend hoch: 2009 wurden 717 Frauen ermordet; viele von ihnen waren vor ihrem Tod vergewaltigt oder verstümmelt worden.
Die guatemaltekische Frauenorganisation ECAP (Asociación Equipo de Estudios Comunitarios y Acción Psicosocial) unterstützt Überlebende sexualisierter Gewalt mit psychosozialer Beratung und kämpft für die Aufarbeitung und die offizielle Anerkennung der Verbrechen. medica mondiale arbeitet seit 2009 mit ECAP zusammen.
Medizinische und psychosoziale Betreuung
In einem aktuellen Projekt unterstützt ECAP 110 Frauen in den Provinzen Chimaltenango und Alta Verapaz. Alle wurden während des Krieges vergewaltigt und gehören zur indigenen Bevölkerung der Maya, die mit 80 Prozent zu den Hauptopfern der Massaker, Vertreibungen und Vergewaltigungen zählt. ECAP ermöglicht diesen Frauen eine intensive psychosoziale Betreuung und vermittelt ihnen medizinische Versorgung. Auch viele Jahre nach den Gewalttaten leiden etliche Betroffenen noch immer unter körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen.
Juristische Beratung
In Zusammenarbeit mit der Frauenorganisation UNAMG (Unión Nacional de Mujeres Guatemaltecas) bietet ECAP den Frauen darüber hinaus juristische Beratung. Im Rahmen des Projektes klären Mitarbeiterinnen von UNAMG die Frauen über ihre Rechte auf und stehen denjenigen zur Seite, die ihre Fälle vor Gericht bringen wollen.
Sensibilisierung der Justiz
Im März 2010 haben ECAP, UNAMG und andere guatemaltekische Organisationen das “Tribunal des Gewissens“ veranstaltet. Bei der Konferenz haben erstmals in der Geschichte des mittelamerikanischen Landes sieben Frauen in Guatemala-Stadt öffentlich Zeugnis über sexualisierte Gewalt während des Bürgerkrieges abgelegt. An der zweitägigen Konferenz nahm auch medica mondiale teil: Auf Einladung der guatemaltekischen Partnerorganisationen hielt Traumaexpertin Karin Griese vor den mehr als 800 TeilnehmerInnen einen Vortrag über die gesundheitlichen Folgen von sexualisierter Gewalt.
Das Tribunal hatte das Ziel, die guatemaltekische Öffentlichkeit auf das Problem geschlechtsspezifischer Gewalt aufmerksam zu machen und außerdem der Straflosigkeit in Guatemala entgegenzuwirken. Ein erster Erfolg ist die Einladung an ECAP und UNAMG, Fortbildungen für RichterInnen, AnklägerInnen und StaatsanwältInnen durchzuführen. Themen sind sexualisierte Kriegsgewalt, traumasensible Konzepte für die Arbeit mit Überlebenden und Frauenrechte.
medica mondiale fördert ECAP seit 2009 mit bislang 15.000 Euro.
